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4. April 2009

Meistermaler und Tantiemen

Zur Ausstellung »Originale und andere Fälschungen« im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg von Jorn Ebner

Was seit Jahrzehnten für Musikindustrie und Buchmarkt von lebenswichtiger Bedeutung ist – die Durchsetzung ihres Copyrights –, das ist im Kunstmarkt bisher von eher geringem Belang gewesen, wenn man in Betracht zieht, dass die sogenannte „Appropriation Art“ durchaus originale Kunstwerke wenigstens in Ausschnitten reproduziert und aufführt – und das als künstlerisches Programm. Aber nicht immer ist es damit getan, die Fackel künstlerischer Freiheit hochzuhalten. Konnte Duchamp noch bedenkenlos Fundstücke als Kunstobjekte präsentieren ohne sich über Abmahnungen Gedanken zu machen, ging es Andy Warhol bei seinen Blumenbildern ans Portemonnaie und Cornelia Sollfrank wurde vor wenigen Jahren eine Ausstellung abgesagt, weil Warnungen von Rechtsberatern dem Schweizer Ausstellungshaus [plug.in – Forum für Neue Medien] kalte Füße bescherten: Die Künstlerin plante dort im Jahr 2004 automatisch generierte Collagen aus Warhols Blumenbildern auszustellen; das musste sie schließlich andernorts nachholen. Übrigens ohne Forderungen von Warhols Rechtsnachfolgern.

Für ihre Ausstellung am Oldenburger Edith-Ruß-Haus für Medienkunst (Januar bis April 2009) hat Cornelia Sollfrank ihr Aktionsfeld über die automatisch generierten Internetbilder hinaus ausgedehnt und Kopien (einer Kopie) eines verschollenen Rembrandt-Gemäldes von Friedrich Diedrichs mit dem Titel „Der Rabbiner“ (Kopie um 1780, Rembrandt-Original um 1630/40) bei einer chinesischen „Malfabrik“ in Auftrag gegeben. Die dort arbeitenden Maler stellen in Handarbeit Nachbildungen berühmter Originale zu Billigpreisen her. Das so entstandene Tryptichon alter und zeitgenössischer Kopierkunst – bestehend aus der Kopie von 1780 sowie zweier Kopien von 2009 – hängt in direkter Nachbarschaft zu 24 Leihgaben von Oldenburger Museen – konventionelle Kunst aus drei Jahrhunderten, von vornehmlich lokalem Interesse: Küstenlandschaften, Pferde, Horst Janssen. Aber auch hier verschwimmt schon die Originalität des Originals – ist nur Studie oder Miniaturnachbildung vom Statuenoriginal – und überhaupt: Ob der Rembrandt dem Meister zugesprochen werden kann, ist ungewiss, denn vielleicht malte dereinst ein Schüler den Rabbi.

„Originale und andere Fälschungen“ titelt Sollfrank dementsprechend polemisch und lässt auf den (alt-)meisterlichen Anfang einen mehrmedialen visuellen Diskurs über die ökonomischen und gesellschaftspolitischen Implikationen des Urheberrechts folgen. Zunächst wurden alle Leihgeber im Stile internationaler Bildbanken gebeten, ihre Exponate einer von Sollfrank gegründeten Bildagentur „www.art-content24.de“ (seit 2007) zur Verfügung zu stellen. In einem „Vertragsraum“ (2007/09) lassen sich die mehrseitigen Verträge nachlesen, die zur Rechteübertragung notwendig waren; es soll transparent sein, was im Regelfall obskur bleibt. Was neben der Herstellung von hochwertigen Abbildungen noch geschehen kann, zeigt die Slideshow „Differenzbilder“ (2009); diese entstehen durch den digitalen Abgleich eines mit einem Wasserzeichen versehenen Originals mit einem Bild ohne Wasserzeichen. Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie in Darmstadt arbeitet die Künstlerin derzeit an einer noch komplexeren Plagiarismuserkennungssoftware (ermöglicht durch das Stipendium der Stiftung Niedersachensen für Medienkunst). Das Dokumentarvideo „Das maximal Einmalige und seine Transformation zum Gleichartigen“ (2007) über die Arbeit des Hausfotografen der Hamburger Kunsthalle, Christoph Irrgang, rundet die Ausstellung ab. Diese videodokumentarische Untersuchung verdeutlicht nicht nur die technischen und wirtschaftlichen, sondern auch die ästhetischen Probleme, die bei der Herstellung und Weiterverbreitung einer Kopie entstehen und spricht das komplexe Beziehungsfeld zwischen Eigentümer, Auftraggeber und Ausführendem an. Eine umfangreiche Künstlermonografie schließlich bettet die Ausstellung in den Gesamtkontext Sollfrankscher Aktivitäten ein, vom net.art-generator über die Warhol-Blumen bis zu ihren kultur-politischen Interventionen in Hamburg.

Es erschließt sich zwar nur bedingt eine Dringlichkeit für die politische Regelung von urheberechtsgeschützten Material in der bildenden Kunst – denn Sollfranks Ausstellung zeigt auch die Kraft der Verhandlung: Vorab wurden Verträge mit Rechtebesitzern ausgehandelt, die sich zum Teil ihres ‚Anspruchs’ gar nicht bewusst waren. Was aber deutlich wird, ist die Notwendigkeit einer kulturpolitische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Modelles des Urheberrechts: dem anglo-amerikanischen Copyright, das weniger die Interessen der Urheber schützt als die von Verwertern,und dem kontinental-europäischen Urheberrecht, das die Belange der „Autoren“ in den Mittelpunkt stellt – und daran knüpfen sich wiederum die ökonomischen Selbstverständlichkeiten einer Sein-und-Haben-Gesellschaft.

Sollfranks Kunst bezieht da Position: Im Umgang mit vorgefundendem Material verbirgt sich ein Gegenmodell zum bestehenden Geld-Waren-Austausch, der sich künstlerischer Freiheit in den Weg stellen kann. Andererseits ermöglicht die Vielzahl von Interpretationen, die sich aus den ungeklärten rechtlichen Rahmenbedingungen ergeben, auch jene visuellen Spiele von den Bildgeneratoren bis zu den Bildangleichungsverfahren, die Sollfrank der Kunst hinzugefügt hat. Deutlich aber wird vor allem, dass Kunst nicht losgelöst ist von den politischen und ökonomischen Bedingungen der sie umgebenden Gegenwart.




„Cornelia Sollfrank: Originale und andere Fälschungen“, Ausstellung: Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, Oldenburg, 24.Januar bis 19.April 2009. Katalog: „Expanded Original: Cornelia Sollfrank“. Verlag: Hatje Cantz 2009, 144 Seiten, 128 Abbildungen, ISBN: 978-3-7757-2390-9. Preis: €25.00

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