Alexander Kluge und sein Hund
23.12.2008 | 14:59 Uhr | Alter: 11 Jahre

Alexander Kluge ist 76 Jahre alt – das muss man ihm wirklich nicht vorwerfen. Ebenso wenig sollte es aber davon abhalten, auf einige seiner formalen Zumutungen hinzuweisen, die er beharrlich dem grandiosen Rest seiner Arbeit zur Seite stellt. Die Präsentation eines neunzigminütigen Zusammenschnitts seiner „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ im Hamburger Abaton-Kino vergangene Woche gibt Anlässe genug.


Wobei zunächst, dank seiner persönlichen und ausführlichen Einleitung zum Film, noch einmal die geballte Brillanz dieses Mannes zur Geltung kommt: die freie Rede, die Leidenschaft für den Gedanken, emphatische Assoziationen vor einem beachtlichem Bildungshintergrund. Das macht Appetit. Schließlich liebt man nicht nur Kluges filmisches Werk, mindestens ebenso auch seine späteren Interviews, die mitunter eine bewegende Intellektualität ins Fernsehen schleusen. Dass sich der Filmessay nun formal ausmacht, wie zehn Stunden zusammen geschnittenes Fernsehmaterial aus Kluges Dctp-Schmiede, erschrickt zunächst nicht sonderlich. Zunächst. Die Fernsehlängen wissen die gröbsten Aussetzer schließlich noch gut zu kompensieren. Im Kino aber wird spätestens nach einer Stunde überdeutlich, wo Kluges Hund begraben liegt. Das können dann auch die lohnenden Interview-Sequenzen mit Enzensberger nicht mehr aufwiegen.


Gehen wir die Problemstellen mal der Reihe nach durch. Da haben wir einmal die Passagen, die wie eine Parodie auf den Experimentalfilm der 60er-Jahre anmuten. Ein Split-Screen aus etwa 25 Teilen zeigt drei sich wiederholende Sequenzen alter Schwarzweißfilme, wohl aus Eisensteins Repertoire, anschließend, wieder auf ganzer Fläche, den Blick einer Frau Richtung Kamera, und noch einmal, aber diesmal – Achtung Kunst – ins Negativ invertiert. Dazu wildes Avantgarde-Klaviergetöse, es geht ans Eingemachte, an die Grenze des Erträglichen. Kein Zusammenhang erschließt sich. Auch kein ästhetischer Zwischenraum, der sich aus dem Bildgedränge eröffnen würde. Nichts was über eine deplatzierte 60er-Jahre-Video-Reminiszenz hinausreichen könnte. Wir kennen das aus dem Fernsehen, aber ohne die Möglichkeit, umzuschalten, muss man sich zwangsläufig der Frage stellen, ob Kluges Mixtur an diesen Stellen nicht mit großer Beliebigkeit geschüttelt wurde.


Diese Beliebigkeit des Bildes steht erst einmal im krassen Gegensatz zu Kluges Ausführungen vor und auch nach der Filmvorführung. Zumindest die Musikauswahl scheint von dem Opernliebhaber genauestens durchdacht. Kluge assoziiert sich in geistige Höhen. Das Gröbste hat man ihm dann schon wieder verziehen. Bis zur Publikumsfrage: Herr Kluge, warum wiederholen sie eigentlich in ihren Texttafeln stets das bereits Geschriebene durch typografische Spielerei? Warum muss beispielsweise das Wort „Abgrund“ schräg ins Bild gesetzt werden? Warum diese Überdeutlichkeit? Dazu muss man sagen, dass diese Überdeutlichkeit, während zum Beispiel zehn Minuten ununterbrochener Texttafelei, in einer Unübersichtlichkeit ausartet, die abermals völlig beliebig wirkt. Wollte man die Angelegenheit ins Positive wenden, man könnte Kluge vielleicht zum intelletuellen Vorreiter der zeitgenössischen YouTube-MovieMaker-Ästhetik erklären. Im Ernst: Warum braucht jede Tafel mindestens drei Schriftarten um damit mindestens drei Wörter hervorzuheben und zu illustrieren? Das „Grauen“ in Dracula-Horror-Typo, der "Unternehmer" im grellen Western-Font, usw. Herr Kluge? Kluge spricht von der Schrift im Allgemeinen, wie sie doch die viel größeren Bilder erzeuge, im Kopfe des Lesers, Visueller Kortex und überhaupt. Die Frage an den Filmemacher allerdings war deutlich gestellt und damit war sie dann doch unvermeidbar: Die Entzauberung des Alexander Kluge. Nicht nur, dass eben jene Bilder, die ein Text im Kopfe zu erzeugen vermag, durch sein grelles Typografie-Wirrwarr konterkariert werden, er hat nicht einmal eine Überlegung, warum er es dennoch ins Bild setzt. Das sorgt für Ernüchterung.


Und gleichermaßen unüberlegt wirken auch die humoristischen Einschübe. Das Kulturkinopublikum lässt es sich zwar nicht nehmen, auch nach den banalsten Kalauern Helge Schneiders sich ein Lachen aus dem Fell zu pressen, aber das täuscht auch nicht darüber hinweg, dass die Interview-Sequenzen von Kluge und Schneider keinen von beiden zu Hochform auflaufen lassen, im Gegenteil. Aber es scheint fast, als wären beide, wohl ob ihrer zweifellosen sonstigen Leistungen, mittlerweile so was von unantastbar, dass noch jeder ihrer Rülpser zu großer Kunst erklärt würde. Warum nur haben diese beiden Meister dieses Geplänkel nötig? Ist es wirklich das von Kluge postulierte Prinzip, jede Szene nur einmal zu drehen? Oder die von Schneider diktierte Bedingung, alles frei zu improvisieren? Schließlich hinderte beides einen Filmemacher nicht daran, schlechtes Material dem Zuschauer einfach vorzuenthalten. In diesem Sinne sei Kluge zu Weihnachten ein wenig mehr Fähigkeit zur Selbstkritik an Herz und ein Grundkurs in Typografie unter den Baum gelegt. Der Rest des Kino-Zusammenschnitts war übrigens sehenswert (Enzensbergers Ausführungen zur Finanzwirtschaft etwa und Berthold Brecht mit einer lyrischen Variante des kommunistischen Manifestes). Auch auf die nächste Folge seiner Monopol-Kultur-Formate freut man sich also, trotz alledem.

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