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12. November 2006

Ein Pakt unter Palmen

Zum Symposium »Umsonst & Draussen« im Rahmen der Veranstaltungen zu 25 Jahre Kunst im öffentlichen Raum am 14.10.2006 in Hamburg, »Park Fiction«-Gelände

von Sebastian Grundke

Es ist ein milder Herbsttag in Hamburg und auf der handvoll Stufen, die von der Antonistrasse zur Hafentreppe Richtung Golden Pudel Klub führen, üben Halbstarke ihre Skateboardtricks. Das weitläufige Areal ist wie gemacht dafür: Genügend Stufen, Platz zum Ausrollen. An vielen öffentlichen Orten ist diese Art von Freizeitbetätigung nicht gerne gesehen. Skateboards und BMX-Räder ruinieren teure Grünanlagen. Und selbst in den Behörden weiß man mittlerweile, dass mit den Skatern auch die Grafitti-Sprüher nicht weit sind. Hier, im Antoni-Park, dem öffentlichen Parkgelände von Park Fiction, ist das anders. Wie so vieles. Meistens. Die Blumenrabatten am Parkeingang rechts sind seit Beginn des Jahres nicht mehr für artistische Kunststückchen geeignet, denn die auf der Einfassung angebrachten Sitze sind für Skateboarder sowas wie Poller für Autofahrer. Wo früher Schilder standen: »Das Betreten der Grünflächen ist verboten!«, werden heutzutage Zäune so angelegt, dass die Grünflächen erst gar nicht betretbar sind. Die Möblierung der Städte arbeitet mit versteckten architektonischen Tricks, statt mit expliziten Verboten. Die Nutzung des öffentlichen Raumes wird so von vornherein eingeschränkt, unerwünschte Nutzungsformen unmöglich gemacht. Vater Staat macht’s wie früher die Mama bei ungehorsamen kleinen Kindern: Statt zu sagen »Du darfst keine Süßigkeiten essen!«, wird die Keksdose oben auf den Schrank gestellt. Eine Entmündigung, die bei Kleinkindern abhängig vom pädagogischen Konzept, unter Umständen legitim ist. Gegenüber Bürgern ausgesprochen sind diese Verbote durch die Hintertür befremdliche Details. Und Details werden heute verhandelt. Sie sind entscheidend in der Frage, ob ein Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekt neue Demokratie-Formen testet oder sich in der Fahrrinne des Herkömmlichen bewegt.

Ein Park für St. Pauli

Im Hamburger Stadtteil St. Pauli ist das Millerntorstadion die größte zusammenhängende Grünfläche. Das wollten die Anwohner ändern. Die Forderung nach einem Stadtteilpark münzten Christoph Schäfer und Cathy Skene 1995 in ein Kunstprojekt um, das mittlerweile weltweit Anerkennung findet. Es reüssierte unter anderem auf der Dokumenta 11, die mit Projekten wie Park Fiction ihren eigenen Anspruch auf Bürgernähe statt Marktförmigkeit unterstrich. Und damit oft auch die Kontextgebundenheit solcher Projekte aufzeigte: Was in Hamburg in einem bestimmten Klima entstand, wurde in Form eines Archives von Bild und Ton nach Kassel transportiert. Der Slogan der Initiative und Titel der Filmdokumentation von Margit Czenki bringt das Konzept hinter Park Fiction auf den Punkt: »Die Wünsche verlassen die Wohnung und erobern die Strasse«. Park Fiction wurde von unten entworfen, statt in klassischer stadtplanerischer Manier von oben. Und das im doppelten Sinne: Nicht Investoren oder Landschaftsarchitekten wurden nach ihrer Meinung gefragt, sondern die Anwohner. Nicht stadtplanerische Gesamtzusammenhänge berücksichtigt, die nur aus der Vogelperspektive über einen Bebauungsplan gebeugt ersichtlich sind, sondern die Froschperspektive der im Viertel lebenden Menschen. 2005, nach tausenden Anwohnerentwürfen und zehn Jahre langem Ringen um Geld und Bebauungsrichtlinien, wurde der erste Abschnitt des Zukunftsparks eröffnet, nach und nach kamen weitere Elemente hinzu. Ein Disneyland aus gewellten Rasenflächen, stählernen Palmen, geschwungener Endlosbank und mit Tulpen bedrucktem Tartanfeld, dem man ansieht, dass gerade die Kinder des Viertels begeistert Entwürfe einreichten. Ein Container, der eine Dokumentation der Projektgeschichte enthält, scheiterte an genehmigungstechnischen Einwänden der Behörde. Für den Seeräuberinnen-Brunnen fehlt bisher das Geld. Auf dem Tartanfeld spielen Kinder normalerweise Fussball oder führen Dreirad-Rennen durch. Heute steht hier ein beheiztes Festzelt mit Platz für fünfzig Personen.

Öffentlichkeit der Kunst

»Umsonst & Draussen: 25 Jahre Kunst im öffentlichen Raum« ist der Titel der Veranstaltung, zu der Kulturbehörde und Park Fiction-Initiatoren gemeinsam eingeladen haben. Doch schon im Vorfeld verschob sich der Schwerpunkt zugunsten der Park Fiction-Macher: Lediglich Antje Mittelberg, Referentin der Kulturbehörde für bildende Kunst und Kunst im öffentlichen Raum, spricht einige offizielle Worte. Christoph Schäfer stellt im Schnelldurchlauf die Geschichte von Kunst im öffentlichen Raum vor (ausgewählte Stationen: die Pyramiden, der Sturz der Vendome-Säule, die Elbphilharmonie) und mimt auch ansonsten den Master of Ceremony. So kocht an diesem Tag, an dem die jüngere Hamburger Geschichte von Kunst im öffentlichen Raum reflektiert und ein Ausblick in die Zukunft geboten werden soll, die Kunstszene weitestgehend im eigenen Saft. Unterstützt von Genossinnen und Genossen im Geiste, aus Paris (Anne Querrin), San Diego (Grant Kester) und Dresden (Christiane Mennicke), im Stich gelassen von den ehemaligen Referenten für Kunst im öffentlichen Raum, Achim Könneke und Karl Weber, Prof. Fleckner vom Kunsthistorischen Institut und Kultursenatorin Prof. Dr. Karin von Welck, die ursprünglich ebenfalls sprechen sollten. Ungeachtet der Gründe für die Programmverkürzung: Die Tatsache ist symptomatisch für ein angespanntes Verhältnis zwischen Künstlern und Beamten, zwischen denen, die dem neuen Imperativ der Kreativität folgen könnten, aber oft nicht wollen und denen, die ihm folgen sollen, aber nicht genau wissen, wie. Die einen sehen Kunst im öffentlichen Raum, die ohnehin immer verwaltungskonform beschnitten wurde, zunehmend den Ansprüchen von dritten Geldgebern auf dem Weg hin zu image cities unterworfen. Die anderen versuchen sich an der Rolle des Vermittlers zwischen künstlerischem Anspruch und der zunehmenden Knappheit dessen, für das im Ideal der freien Kunst höchstens eine untergeordnete Rolle vorgesehen ist: Geld. Vereinbar scheinen diese Ansprüche nicht, zumindest nicht an diesem Tag. Zu sehr gehen die Meinungen darüber, was Kunst aktuell leisten kann und soll, auseinander. Schon zwischen dem Titel des Symposiums (»25 Jahre Kunst im öffentlichen Raum«) und dem, was schließlich verhandelt wird, klafft eine Lücke. Das einzige Hamburger Kunstprojekt, um das es heute gehen wird, ist Park Fiction, das trotz seiner zehnjährigen Genese nicht einmal die Hälfte der 25 Jahre bestreiten kann. Unterschwellig scheint es eine Abmachung zu geben: Wir präsentieren unser Projekt, ihr habt, zumindest auf dem Papier, eure Vorzeigeveranstaltung zu einem Vierteljahrhundert Förderungsgeschichte.

Soziale und politische Wege der Kunst

Der Kunsthistoriker Grant Kester sieht Kunst in zweierlei Punkten gegenwärtig auf einem neuen Weg. Einerseits begibt sich Kunst wieder in die Nähe anderer gesellschaftlicher Themen, weg vom Paradigma der absoluten Zweckfreiheit. Park Fiction, aber auch andere Projekte wie die Wiener „Wochenklausur“ sind laut Kester hierfür repräsentativ. Die „Wochenklausur“ versuchte, ähnlich konkret und pragmatisch wie Park Fiction, über die materielle Gestaltung hinaus – mit kleinen, aber sehr konkreten Eingriffen - auch das soziale Zusammenleben zu gestalten, in dem sie beispielsweise für drogenabhängige und auf der Strasse lebende Strichgänger ein Obdach schafften. Kunst vertritt in diesen Zusammenhängen keinen universalen, sondern einen pragmatischen Ansatz. Voraussetzung dafür ist eine Neuorientierung. Mittlerweile erwartbare Schockeffekte und Augenöffner, die die künstlerische Wahrheit vom höhergestellten Künstler zum Rezipienten herunterreichen sind einer Kunst auf gleicher Augenhöhe gewichen. Der Dialog steht im Mittelpunkt, der Monolog ist passé. Die Soziologin Anne Querrien zeigt, warum dieser Weg richtig und wichtig sein könnte: Für sie beginnt das Dilemma in dem Moment, in dem jegliche Art von Interessensgruppe einen Repräsentanten erwählen muss, einen Unterhändler, der die Interessen der Gruppe im Rahmen der offiziellen Öffentlichkeit vertritt. Gefangen in den Mühlen der hegemonialen Öffentlichkeit beginnen Korrumpierung und Kompromisse. Kester spinnt dieses Ansatz weiter: Kunst kann hier, auf Augenhöhe mit unterschiedlichen Randgruppen und Minderheiten, erst offenes Ohr und dann unabhängiger Vermittler sein. Feinfühlig unterwegs von einem Problemstadtteil zum nächsten. Kesters Vortrag ist deswegen interessant, weil er differenziert. Fragt man die Bürger nach ihren Wünschen – wie Park Fiction oder die Wochenklausur – bei welchen Wünschen ist Schluss? Bei Islamismus und Terrorismus, wie er meint? Oder schon viel früher, bei den von Cartoons und McDonalds geprägten Phantasien unserer Kinder, die aus Park Fiction jene kunterbunte Spielwiese machten, die an den Heide Park Soltau erinnert und einen mit Kester befreundeten Landschaftsarchitekten zusammenzucken ließ: »I’m sorry, but this is kitsch!«.Auch in Sachen Vermarktbarkeit der Ergebnisse zeigen sich Unterschiede. Kester stellt ein Projekt in Kenia vor, das um Brunnenstellen herum Mäuerchen schafft, auf denen Wasserfrauen ihre Krüge abstellen können. Die Frauen hatten auf Nachfrage auf die fehlenden Abstellmöglichkeiten hingewiesen. Durch die jetzt möglichen Verschnaufpausen entwickeln sich Gespräche zwischen Menschen, die sich vorher kaum beachtet haben. Ein neues Forum ist geboren. Im Ansatz gleicht sich dieses Projekt mit Park Fiction. Dem Hörer wird darüber hinaus klar: Als Vorzeige-Objekt für die Kulturbehörde und Ort für Musikvideodrehs eignet sich ersteres jedoch nicht. In Hamburg werden vor allem Touristen, Kulturkonsumenten und Investoren gebraucht. Die lockt man nicht mit Kunst, die nach sozialer Einrichtung riecht. In Anbetracht dieser Tatsache könnte man meinen: Hier betätigt sich jemand als Steigbügelhalter für die Kulturbehörde auf ihrem Ritt Richtung image city und die Eroberung neuer Märkte. Aktuelle Strömungen und Ansätze der Kunst im öffentlichen Raum werden an entscheidenden Stellen Kompromissen unterworfen, entschärft und optisch aufpoliert, so dass ein Mehrwert für die Stadt übrig bleibt. Dagegen spricht, dass das Verhältnis Behörde zu Park Fiction von Spannungen geprägt ist. Der verhinderte Bau des Dokumentations-Containers ist nur ein Indiz. Wer hier Kompromisse eingeht oder andere jemandem aufzwingt, verliert sich in genau den Akten und Briefwechseln, die der Container öffentlich machen sollte. Dann wäre vielleicht auch klar, wie viel die Entwürfe der Bürger und damit auch der Kinder im Rahmen der Umsetzung gewonnen oder verloren haben.

»In bed with bureaucracy«

All dies spricht für Park Fiction, denen ob dieser Gängeleien von offizieller Seite letztlich nur vorzuwerfen wäre, was ihr Projekt unter anderem so außerordentlich macht: ihr Durchhaltevermögen, das diese Idee über so viele Jahre getragen hat. In so einem langwierigen Prozess können redliche Ausgangsmotive verloren gehen oder verstümmelt werden. Der Pakt mit den Behörden oder wie der Slogan von Park Fiction, »In bed with bureaucracy« es deutlich ausspricht, ist ein zweischneidiges Schwert: Er verspricht Erfolg und garantiert, auch mit finanziellen Mitteln, eine gewisse Professionalität. Unter Umständen auf Kosten der künstlerischen Freiheit und Kritikfähigkeit. So, als wende sich Querriens These von dem Dilemma der Repräsentation von bürgerlichen Initiativen, das Kunst nach Kester zu lösen vermag, weil sie unabhängiger Vermittler ist, gegen die Kunst selbst. Dann läge der Fehler Park Fictions tatsächlich in der Kontinuität. Das bedeutet für Kunstprojekte: Anstöße geben, Dinge ins Rollen bringen. Dann weiterziehen und mit dem gleichen Prinzip woanders die Zelte aufschlagen. Den Abflug machen, bevor man zu sehr unter die Räder gerät und die Ziele unumgänglich verwässert werden. Nur: Wer nach dem Anstoß verschwindet, dem wird ebenfalls nicht garantiert, dass das Spiel am Ende im seinem Sinne ausgeht. Das fertige Produkt zu meiden, weil es nie perfekt sein kann, ist ein platonischer Ansatz, der ein pragmatisches Projekt wie Park Fiction nicht tragen kann. Dann lieber das Gegenteil, und wenn es ein ständiges Ringen bedeutet. Als gegen Ende der offenen Diskussion, die sich an die Vorträge anschließt, das erste Mal seit ihrer Eingangsrede Frau Mittelberg das Wort ergreift, von Budgetkürzung spricht und vorsichtig den Politikwechsel in Hamburg erwähnt, liegt sofort eine Overheadfolie bereit: Budgetkürzungen hat es schon zu SPD-Zeiten gegeben. Tapfer spricht sie weiter: »Ich gehe einmal davon aus, dass das Gezeigte meine Worte jetzt untermalen soll«. Sie erklärt, dass in die Jahre gekommene Kunstwerke auch gewartet werden müssen. Allein dies mache einen großen Haushaltsposten aus. Sie spricht von politischem Druck, vom »Sprung über die Elbe«, der genau wie die Internationale Bau Ausstellung (IBA) 2013 auch große Chancen beinhalte. Und schließlich sagt sie einen Satz, der programmatisch für diesen Nachmittag ist, an dem Künstler, Kuratoren und Kunsthistoriker versucht haben, den „state of the art“ vorzustellen: »Die Künstlerschaft, sie schwimmt uns davon«. Vielleicht hat sie Recht. Park Fiction stehen mit ihrem Pakt in der Kritik, haben die Umsetzung ihres Anliegens gewonnen, im Detail jedoch verloren. Als Margaret Thatcher nach ihrem Wahlerfolg 1979 begann, auf Privatisierung zu setzen, damit den Einfluss des Staates in Großbrittanien erheblich reduzierte und folglich ebenfalls den Einfluss der Bürger, deren Repräsentation der Staat letztlich ist, wanderten Intellektuelle und Künstler, die sich zuvor mit populärer Kultur beschäftigt hatten, aus. In Hamburg sind ähnliche neo-liberale Ansätze derzeit en vogue. Das Geld in den Kassen ist knapp, also wird verkauft, wo es nur geht. Und sei es ein Stück vom öffentlichen Raum. Dazu muss der freilich vorzeigbar sein, hübsch anzuschauen oder ein positives Licht auf den werfen, der sich in seiner Nachbarschaft niederlässt. Eine solche Aufwertung geht nicht immer konform mit den gewachsenen Strukturen – schon gar nicht, wenn es sich nicht um einen einzelnen, sondern um einen generellen Prozess handelt. Die Skateboarder draußen vor dem Zelt sind schon weg. Doch keine Panik: Es ist bloß dunkel geworden, draußen vor dem Zelt, im öffentlichen Raum.

http://www.parkfiction.org

http://www.wochenklausur.at

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