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2. März 2007

Todesort, Strafort, Gedenkort, Lernort. Ein Un-Ort, öffentlich, im Osten Hamburgs

von Wiebke Johannsen
Nächtliche Vorrede Aus unruhigen Träumen erwachte ich. Ich in gleicher Gestalt und reicher um eine Erfahrung des Scheiterns. Warum hatte ich, ausgerechnet ich, versagt beim Großen-Hamburg-Ortsquiz? Auf gelben Ortsschildern standen Begriffe, ich musste bei tickender Uhr und gegen Anfeuerungsrufe eine sinnvolle Reihe aufstellen.
Die Begriffs-Schilder hatten keine Griffe, ich rutschte ab.
Ich hatte einen Krampf im Bein. War ich atemlos? Seltsam, nie ist man atemlos in Träumen.
Als eine Uhr mit absurdem Handy-Ton klingelte, waren mir alle Schilder umgefallen, sie lagen auf einem Parkplatz, Wind wehte Blätter und Blätter darüber, Laub und Papier und ich las: Fast 60.000 BesucherInnen in 2006, Wahrscheinlich unter ihnen viele, die dort mit dem Hund Gassi gehen, Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln: gut, 14 Kilometer von Hamburg-City, Gefühlte Nähe: 70 Kilometer, kostenloser Besuch, Führungen kostenpflichtig, doch bezuschusst von der Stadt Hamburg, inoffiziell gelten Kleidungsvorschriften, Uniformen, verschiedene, wurden hier getragen von 1938 bis 2006, Die meisten Besucher kommen in Gruppen, manche sind uniformiert, gerade wurde im Rathaus »25 Jahre Lernort« zelebriert, Manche BesucherInnen weinen, manche provozieren, SchülerInnen wissen: Ergriffenheit wird erwartet, Manche sind zornig, Gutmenschen gewähren Nimbus den dort Tätigen, Bösmenschen wenden sich ab, Kein Zaun fasst den Ort ein, 50 ha, 70 ha. Eine Einfamilienhaussiedlung auf dem Anfangsgrund.
Runde Schilder: Tatort, Friedhof, Internierungslager, zweimal JVA, Abriss.
Ein scheppernder Gong läutete die nächste Aufgabe ein – da erwachte ich ratlos und faltig.
Der Führer bin ich nicht. Aber wo bin ich? Ein Parkplatz ist der große Platz zwischen den Steinhaufen in Drahtkäfigen nicht. Betonplatten, verfugt mit Teer und ich stehe auf diesem Platz und bin »Guide“, das ist englisch und bedeutet soviel wie »FührerIn“. Nun braucht aber niemand eine Führungsperson über einen parkplatzähnlichen Platz oder an ordentlich aufgereihten Steinpackungen (Fachwort: Gabionen) entlang. Es stehen Emaille-Schilder mit Erklärungen davor.
Nicht als Ortskundige bin ich hier auf Honorarbasis und für Gruppen (zumeist: Schulklassen) tätig, sondern als eine Mittlerin zwischen der Gruppe und den Einzelnen, als ein Medium, zwischen der Gegenwart, den Vergangenheiten des Ortes als Konzentrationslager, als Justizvollzugsanstalt, den Vergangenheiten und was liegt näher als von den »Schichten der Geschichte« zu sprechen und eben diesem Ort hier. Kein Parkplatz, sondern die Rekonstruktion, unternommen 2002 bis 2003, des Appellplatzes, der 1941 betoniert wurde. 5.500 Quadratmeter, zentraler Ort des Häftlingslagers. Eine Versuchung beim Reden und beim Schreiben: Detailwissen auszubreiten, den Ort als Redeanlass zu nehmen, das Publikum gerinnt oder verschwimmt und ich sage Euch, wie es hier wirklich war. (Wie ganz furchtbar schrecklich, und stellt Euch das jetzt nochmal bei Regen vor.)
Dieser Versuchung widerstehen im Wissen um die Existenz von Speichermedien (perfekt und komplett) und dem Wissen, der Erinnerung an das hoffentlich hörende und jetzt lesende Publikum – es hat eine schwankende und imperfekte Aufmerksamkeit. Ein anwesendes Publikum kommuniziert und das lebende Medium entscheidet augenblicklich, ob und wie die Veranstaltung sich danach richtet. Das ist das Allgemeine. Allgemeine Worte über den außerschulischen Lernort Gedenkstätte, über zielgruppenspezifische Pädagogik, bloß zwei Begriffe, die banales Tun erhöhen sollen.

Das Besondere, was hier der – allenfalls von passierten Orten inspirierten - Aufzählung entgegensteht, ist die eigene Vergesslichkeit, an die die Führerin sich oft während der Führungen erinnert. (Das Wort Führerin muß sie sich verbitten, indes ist die offiz. Bezeichnung »Museumspädagin« eine falsche Fährte – sie hat das nicht studiert, nicht einmal Pädagogik, überdies ist der Ort kein Museum.) Es fehlt ihr an Wissen, sie kann nicht alles bei sich behalten, Daten, Namen, Fakten, einzelnen Verbrechen, das Ausmaß des Schreckens. Selbst geforscht hat sie auch nicht. Und es ist für sie bloß ein Thema unter vielen.

So hat die grundsätzliche Unangemessenheit der Veranstaltung, das prinzipielle Ungenügen, in drei Stunden über Verfolgung und Völkermord zu informieren und zu berühren (gern auch, so erwartungsfroh die Auftraggeber: zu immunisieren) noch eine handliche und kleinliche Variante. Nicht ad hoc ein passendes Puzzle-Wissens-Plätzchen zur Hand zu haben, viel zu wenige überhaupt davon zu haben. Nicht »wie ein Buch« reden zu können. So jedenfalls sieht die Vermittlerin sich selbst: vermittelnd zwischen Ort, zwischen »Zeitschaft« (so Ruth Klüger), BesucherInnen und Heute. Es ist nicht ihr Anspruch, Gefühle zu erregen, Haltungen herzustellen, Überzeugungen zu festigen. Womit sie zu wenig will.
Ist es der Ort, der überwältigt, auch sie überwältigt?
Zum Weiterdenken hilft die Sicht der Überlebenden Ruth Klüger:
»Der springende Punkt: Er (gemeint ist der Auschwitz-Besucher Peter Weiss, der Auschwitz als seinen Ort bezeichnete) sah das, was er mitgebracht hatte in der neuen Konstellation des Ortes, die da heißt Gedenkstätte und Besucher und was könnte weiter entfernt sein von der Konstellation Gefängnis und Häftling? (...) Es liegt dieser Museumskultur ein tiefer Aberglauben zugrunde, nämlich, daß die Gespenster gerade dort zu fassen seien, wo sie als Lebende aufhörten, zu sein.» (weiter leben – Eine Jugend, Göttingen 1992, S. 72.)
Nun sind Gespenster doch immer unfassbar. Was sollen wir denn tun? Bescheidenheitstopoi: nicht um Geister oder anderer Unfassbarkeiten suchen, Informationen, Zugänge, Haltungen, Streits etc. vermitteln.
Ort Museum»Museum« – insofern es seit 1981 Ausstellungen auf dem Gelände gibt – ist eine neue Konstellation am Ort Neuengamme. Die erste Ausstellung datiert von 1981 (das »Dokumentenhaus«, heute »Haus des Gedenkens«), die zweite von 1995 (in den ehemaligen »Walther-Werken«) die heutige im »Steinhaus 2« von 2005.
Das erste Gefängnis war von 1948 bis 2003 in Betrieb, das zweite von 1969 bis Anfang 2006.Es fällt schwer, am Konzept des »Ortes« festzuhalten; zu schwer lastet die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten auf ihm, zu groß die Macht von Erwartung, Vorwissen oder Unwissen, zu unsicher heute, was Cicero im ersten Jahrhundert v.u.Z. dekretierte: Groß ist die Kraft der Erinnerung, die Orten innewohnt.
Ort, ist das nicht immer rückständig, unzeitlich und unzeitgemäß? Lässt nicht der „Raum« viel eher an Zeitlichkeit, Zeugen und Bruch denken?
Wo wurzelt die Magie oder der Aberglaube eines „Unortes“?
»... wo sie als Lebende aufhörten zu sein.« Tatsächlich fragen BesucherInnen, ob hier die Geister der Toten umgehen, ob es religiöse Rituale zur Reinigung des Ortes gibt und dergleichen. Und das entsetzte Fragen der Jugendlichen, ob da drunter Leichen liegen, ob sie auf Massengräbern wandeln, Mädchen kreischen auf – wie nennt mensch es? Nicht der Ort ist »magisch“, nicht der Parkplatz und nicht die Wiese, wo das Gras so grün wie überall. Es sollen aber die Menschen auf diesen Ort anders reagieren als auf andere. Auf seine Gesten des Gedenkens von der Mitte der 60er Jahre bis zum neugestalteten »Schutzhaftlager« von 2005. Und daneben Inszenierungen und Informationsangebote. Und diese schließen die Information ein über den unwürdigen Umgang mit dem Leid der Opfer ein. Vielleicht eine einzigartige Konstellation.

Sicher ist: Ein Ort, um den Menschen sich besonders kümmern müssen. Und: die Gedenkstätte ist undenkbar ohne den Kampf der Überlebenden um Gedenken. Das gehört zu den wichtigsten Botschaften der VermittlerInnen.
Wenn ich an dies Gedenken denke – ich frage gern die Jugendlichen, was das wohl ist, Gedenken, so ein altertümliches Wort – , so sehe ich nicht den neu betonierten Appellplatz, wo zu JVA-Zeiten Fußball gekickt wurde, sondern das mausoleumsartige „Haus des Gedenkens« und die Stele vor mir. Ordentlich ließe sich die Gedenkstätte wie sie heute ist, seit dem Abriss der zweiten JVA, in vier Teile einteilen: Gedenkbereich, und, bezogen auf die drei Teile des KZs: Wirtschaftsbetriebe, SS-Gebäude und Schutzhaftlager. Diese »Raumordnung« gehört zu den Anfangserklärungen der Vermittlerin, um den BesucherInnen die Übersicht über komplexe Geschichte und großes Gelände zu erleichtern.
Gedenken an einem Gedenk-Ort, das ist schließlich nur einer der besucherrelevanten Aspekte des Ortes. Ein Ort und ein Thema, mit dem ich gern beginne, wo es häufig gelingt, Bezüge herzustellen, Gedanken zu denken an einzelne Menschen, die hier aufhörten zu sein: Im Haus des Gedenkens 22.300 Namen auf weißen Stoffbahnen – warum haben wir diese Namen, warum haben wir etwa 22.000 Namen nicht? Die Täter wollten auch den Memorizid. Angehörige kommen und suchen Namen, legen Blumen oder Briefe nieder. Ein Gespräch über Erinnerung, über Trauer und Andenken gelingt leichter als über Technik und Vollzug von Erniedrigung und Auslöschung. (Ausbeutung nicht zu vergessen.)
Die pädagogische Leitung der Gedenkstätte möchte die Rundgänge einheitlich am Haupteingang beginnen lassen und den Schwerpunkt legen auf den neugestalteten Schutzhaftlager-Bereich inklusive der großen und neuen Ausstellung im Steinhaus 2 – eines der beiden Klinker-Häftlingsunterkünfte. Was kaum ein/e BesucherIn den Blocks anzusehen vermag. Sicherlich geht es hier um Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit des Produktes Führung. Und wahrscheinlich auch um die große, schöne, neue Ausstellung, die nun gewürdigt und amortisiert werden soll. (So mutmaßt die Museumspädagogin.)
Doch Kompetenzen und Kommunikationswege zwischen Gedenkstätten-Leitung und dem Pool der MuseumspädagogInnen sind nicht klar festgeschrieben.

Wirtschaftsbetriebe, das sind die später weiter genutzten Klinker-Bauten der Deutschen Erd- und Steinwerke und der Walther-Werke. Es steht noch relativ viel – verglichen mit anderen Gedenkstätten.
Vom Bereich des SS-Lagers steht noch das Haus des Kommandanten. Vom Häftlingslager die erwähnten Steinhäuser. Mit Gabionen markiert wurden die Standorte der ab 1948 für den Gefängnisbau abgerissenen Baracken. 1970 wurde der ungefähre Standort des Krematoriums markiert, eine Birkenallee führt darauf zu. Ein Güterwaggon inszeniert seit 1994 den Standort des Lagerbahnhofs.

Ein schmiedeeiserner Slogan à la »Arbeit macht frei« war geplant für den Haupteingang, Fachwerkbauten sollten ihn tragen, das ergaben in russischen Archiven gefundene Pläne.
Der zentrale und neugestaltete Bereich der Gedenkstätte, Schlackenfeld, Gabionen, rekonstruierter und authentischer Appellplatz, Torso des ersten Gefängnisses bietet exquisite Blicke, eine sophisticated Sichtachse in die Präsenz der Inhumanität oder Memorialkultur für Fortgeschrittene: auf dem echten und wirklichen Appellplatz zeichnet sich ab der Grundriss des Atriumklinkerbaus, errichtet mit Klinkern des KZs, der Haftanstalt, den die Freie und Hansestadt Hamburg hier 1948 errichtete.
Die Führerin ist fasziniert, die Geführten sind es kaum je. Anfangs vertraute sie hier naiv der Macht des Ortes. Seine Botschaft erscheint aber zu uneindeutig.
Was fasziniert die Geführten, was will das Volk (hoffentlich nicht)?
Es lässt sich mit einem Wort sagen: das Grauen. Die Erwartungen der Jugendlichen, die es natürlich nicht gibt, also die geäußerten Erwartungen von männlichen wie weiblichen Jugendlichen übertreffen die Phantasien der Museumspädagogin oft um ein Vielfaches. Sexuell konnotierte Grausamkeiten, Hinrichtungsphantasien, Fragen nach den Einzelheiten des Sterbens, der Wirkung von Galgen, Gas und Genickschuss.
Das wollen sie in der Gedenkstätte »erleben« .Wo war die Gaskammer? Können wir die Baracken sehen? Haben die Juden das angefasst?
Wieviele Geschichten! Für sehr viele BesucherInnen bleiben die Häftlinge »Juden« (nur wenige waren es hier in Neuengamme), sie bleiben es und bleiben exotisch, der Schrecken bleibt gebannt und benamst. Die Gaskammer ist nicht da, war es nie, die Baracken sind nicht mehr da – womit die Enttäuschung einen Zielort und einen Ausdruck hat. Auf Fragen, wie diese Orte denn auszusehen hätten, die Gaskammer wie eine Dusche, die Baracken mit den endlosen Pritschenreihen, dreistöckig, gibt es präzise Antworten. Warum möchtet ihr das sehen?
»Damit wir es uns vorstellen können.«
Langeweile, Frust, manchmal offener Ärger. Ein Gespräch über Aberglaube ist hier fehl am Platze. Der Beginn der Reflektion über Mitgebrachtes – was nur in promille-Anteilen aus schulischem »Wissen« besteht. Ich muss hier zum Ende kommen, handlungsleitend für die extreme Kurzzeitpädagogik der Museumspädagogen ist der Blick zur Uhr.
Für die Museumspädagogin ein Ort des Bruchs hier am Ort des Zivilisationsbruchs, unvisualisiert, anders als die Spuren der JVA im KZ. Soviele Brüche: Ökonomische Rationalität und Menschen-Vernichtung, Bürokratie und Willkür, Vergessenmachen und Erinnern und und und.Und wie öffentlich ist das Ganze nun?
Die Wünsche der BesucherInnen nach mehr Öffentlichkeit müssen frustriert werden: nein, die Baracken werden auch nicht wieder aufgebaut, nein, in das Gefängnis (noch stehen Reste davon) kann man nicht hinein, nein, in das Haus des Kommandanten können wir nicht hinein. Dabei ist es doch völlig o.k., wissen zu wollen, wie es bei Massenmörders zu Hause aussah. Ganz normal halt. Aber ich kenne die Vorstellungen der BesucherInnen über normale Wohnstuben in den 1940er Jahren nicht. Ein Exkurs verbietet sich aus Zeitgründen.
Öffentlichkeit, zum Letzten.Empirisches kann ich nicht bieten, nur Subjektives auf die Frage: Wieweit ist die Gedenkstätte Neuengamme in der Öffentlichkeit der Stadt präsent? »Fast nicht« ist da meine Antwort. Medienpräsenz, Bewusstsein in der Stadt und Wahrnehmung und Besuch der Seminare und Veranstaltungen der Gedenkstätte, all das ist äußerst mau.
Antworten gibt es viele. Einige drängen auch zur Frage: Will man hier Öffentlichkeit? Die Öffnungszeiten (vor Ort dann noch: die schwergemachte Orientierung, die Unwegsamkeit, die Ausstellung selbst und das Fehlen von Gruppenräumen und einem Café) sprechen eher dagegen.

Manchmal sage ich Gruppen, von denen ich mir mehr Nachdenklichkeit erhoffe: »Das beste wäre: Ihr fahrt nachher wieder nach Hause mit mehr Fragen als zuvor.« Die kann man sich doch auch besser merken.


http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/

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