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25. April 2007

Jenseits der Dächer. In Paris, an den Linien der Stadt.

Jens E. Sennewald

Ein Frühlings-Sonntag, der erste wirklich warme in Paris. Es gibt viel zu sehen in Chatou, einem der reichen Vororte im Südwesten der Stadt. Auf der »Île des Impressionistes« malte einst Renoir die unbebauten Ufer der Seine. Heute türmen sich die Fassaden pompöser Büropaläste und teurer Apartment-Anlagen im mediokren Architektur-Stil der Achtziger am stadtseitigen Ufer. Als wäre die Metropole in vollem Lauf von der Wasserlinie gestoppt worden, schieben sich die Gebäude hintereinander in den Himmel. Ihnen gegenüber, unbeeindruckt vom geballten Beton, stehen auf der Insel Gebäude, deren Fundamente noch aus dem 18. Jahrhundert stammen.

In »Maison Levanneur« einst Fischerhaus, später Restaurant und Hotel, in dem Künstler abstiegen, zuletzt Atelier, ist seit Ende der Neunziger ein Kunstzentrum angesiedelt, das cneai (centre national de l'estampe et de l'art imprimé) http://www.cneai.com. Seit Kurzem hat das auf Grafik und Edition spezialisierte Zentrum einen Annex auf der Seine: Die Design-Brüder Ronan et Erwan Bouroullec haben ein Hausboot entworfen, in dem nun regelmäßig Künstler, Kritiker, Kuratoren in Residenz eingeladen werden. Die Kunst, die auf einer blauen Zelt-Plane ausgebreitet in einem der beiden Haupträume des Bootes gezeigt wird, ist schwach, zweites Semester Kunsthochschule. Gegen das feine Design, die glatten Flächen und schönen Hölzer des schwimmenden Hauses kommt sie nicht an, bezieht den Ort nicht mit ein, an dem sie sich findet: ein slickes Hausboot, auch Modell einer neuen urbanen Mobilität. Eng ist es auf dem Boot, kaum kann man sich vorstellen, dass hier zu mehreren gewohnt und gearbeitet werden soll. Maximal zwölf Personen dürfen gleichzeitig an Bord, die meisten sitzen auf der schmalen Terrasse und blicken versonnen die Seine hinunter, auf die breite Linie der schweren Betonbrücke mit der Einfallsstraße nach Paris. Und, weiter hinten, auf eine ältere, geschwungen Linie, die noch mit Bögen gebaute Eisenbahnbrücke, über die hin und wieder ein Vorstadtzug fährt. Ein Sonntagsausflug mit Kultur. Ins Grüne, um kurz von der steinernen Stadt zu verschnaufen.

Straße

Jetzt steht die Sonne tief, es wird wieder kühler. Mit roten Wangen von zuviel Märzsonne sitzen wir im Auto, hinten schlafen die Kinder. Wir stehen im Rückstau nach Paris, auf dem Weg zur Périphérique, der ringförmig um Paris laufenden Stadtautobahn. Vor uns laufen die Autobahnen übereinander, immer wieder ein faszinierendes Bild, die sich kreuzenden Linien aus Beton und Asphalt. In einem Winkel, dort, wo eine höher liegende eine darunter verlaufende Autobahn überschneidet, leuchtet kurz eine Zeltplane. Zelte sind an den Pariser Verkehrsadern, besonders an den Böschungen und unter den Brücken an der Périphérique, kein seltenes Bild. Hier, wo sie keiner stört, im Niemandsland von Verkehrslärm, Abgasen und Betonarmierungen, wohnen Menschen. Man sieht sie, manchmal, wenn man auf dem Heimweg ist vom Büro in die vier Wände der Vorstadt. Oder auf dem Weg in den Urlaub, aus der Stadtwohnung ins »ied à terre», auf dem Land. Das sind keine Camper, das sind keine temporären Unterkünfte. Die Leute wohnen dort, in dieser »ville du périphérique« wie die Künstler- und Architekten-Gruppe »Tomato Architectes« dieses Terrain genannt hat. Sie wohnen dort so wie die anderen, die in den Autos, in haussmannschen Altbauten, Apartment-Hochäusern oder »HLM« wohnen, den »Habitations à Loyer Modéré« Sozialwohnungen. »Hier ist unser Zuhause», sagte François, seit 12 Jahren auf der Straße, dem Nachrichtenmagazin »L'Express», »wir haben hier unsere Unterkunft selbst gebaut, mit unseren Händen und unseren Ideen. Darauf sind wir stolz.« Im Frühling sind die Wiesen am Straßenrand gelb vor Narzissen. An den Metrostationen »intra muros« wird man sie, zu engen Sträußchen gebunden, für 2 Euro angeboten bekommen. Nicht selten sind es die Bewohner der Zelte, die so etwas Geld verdienen. Irgendwo habe ich gelesen, dass es mehr und mehr Osteuropäer, meist Rumänen gibt, die sich mit solchen Zelten ihr kleines Zuhause schaffen. Täglich gehen sie in die Stadt, machen Gelegenheitsjobs auf dem Bau oder als Putzhilfe, und am Abend kehren sie in ihr Zelt zurück, das mit Gefundenem manchmal eingerichtet ist wie eine Wohnung. Rand-Ökonomie könnte man das nennen.

Rand

Die meisten, die in Zelten wohnen, haben keine Wahl und vor allem: keinen Job. Rund 2000, so schätzt man, sind es. Hinzu kommen jene, welche die »places d'hébérgement d'urgence« belegen, noch einmal 3606. Zusammen mit Squattern in besetzten Häusern und all jenen, die in abbruchreifen Unterkünften wohnen, summiert sich das »prekäre Wohnen« in Paris auf rund 10.000 Personen. In ganz Frankreich vermutet man rund 86.000 Obdachlose. 1 Man sieht sie nicht immer, sie verteilen sich in den Hauseingängen, unter den Brücken oder in den baufälligen Häusern. Wenn es kalt wird, so kalt, dass die Stadt die Metros offen lässt, um Erfrierungen zu vermeiden, sieht man sie häufiger. »SDF», »Sans Domicile Fixe« »ohne festen Wohnsitz« heißen in Frankreich Obdachlose und das bringt sie, seit einiger Zeit immer sichtbarer, in die Nähe von künstlerischen Praktiken und zum Teil auch von der Lebensrealität eines Teils der Künstler, die in Paris leben und arbeiten. Im Zuge der Globalisierung, eines »neuen Nomadismus« und einer neuen Ausformulierung der Ränder der Gesellschaft haben engagierte Künstlerinnen die Obdachlosigkeit und das Wohnen auf engstem Raum thematisiert. Martha Rosler <http://www.martharosler.net> sucht »Positionen in der Lebenswelt« (so der Titel eines bei Walther König 1999 publizierten Kataloges), realisierte schon 1989 mit Obdachlosen und Künstlern zusammen Projekte zu urbanen Utopien. Andrea Zittel forscht an der sozialen Konstruktion von Bedürfnissen mit »Wagon Stations», winzigen Wohnzellen, oder »Travel Trailer Units», Wohnwagen, die Lebensraum als Kunstraum neu formulieren. Die französische Künstlerin Agnès Aubague <http://www.agnes-aubague.com/> knüpft an diese berühmten Positionen mit ihrem Poesie/Kunst-Projekt »Le bureau©« an, indem sie an unterschiedlichen öffentlichen Orten ein Zelt, Kissen, Objekte als »Büro« installiert und so den öffentlichen zum Wohn- und Arbeitsraum transformiert. Jüngst zeigte der Berliner Fotograf und Filmemacher Martin Mlecko in der Ausstellung »Beauties and Beasts« des Goethe-Institut-Paris, ausgerichtet in der Galerie Immanence , seine Sammlung von Eindrücken, die er »mit dem Blick des Fremden bis in die gesellschaftliche Peripherie hinein« aufgenommen hatte. Die Zelte und deren Bewohner hatte Mlecko »nur als eines der sichtbaren Phänomene von Armut und Obdachlosigkeit« mit anderen Fotografien auf Zeitungspapier gedruckt und an die Wand gehängt. Der moderne »Flaneur« rückte eine Momentaufnahme eines sonst wenig gezeigten Gesichts der Stadt Paris in den Fokus der Ausstellung. Mit der Kunst rückten die Ränder ins Zentrum. Die künstlerischen Praktiken, die sich mit »Randbereichen« der Gesellschaft befassen, heben die »Marginalia« ins Zentrum des Interesses, sei es des ästhetischen oder des politischen. Dadurch verändern sie die Ränder der Wahrnehmung der Gesellschaft – die von ihnen bearbeiteten Themen sind mit der Aufnahme in Kunstprojekte keine »Randthemen« mehr. Langsam verschieben sich auch die »behandelten« gesellschaftlichen Felder. Obdachlose werden Subjekt der Anschauung, Figuration von Gesellschaftskritik. Vom buffonesken Clochard über die Symbolfigur des »Nichts« bei Beckett bis zu den Inszenierungen Maurizio Catellans blieb der Obdachlose Kunstfigur. Nun tritt er, imprägniert mit seiner Kulturgeschichte, selbst auf die urbane Bühne. Bei der künstlerischen Bearbeitung der »Ränder« geht es immer auch um das Darstellungs-Interesse einer der Gruppe fremden Person. Damit unterscheidet es sich grundsätzlich von Selbsthilfe-Aktionen wie beispielsweise der Obdachlosen-Presse. Auf gewisse Weise werden die sozialen »Rand-Fälle« – Obdachlose, Gefängnis-Insassen, Prostituierte – zu Material.Martha Roslers Arbeit mit Initiativen vor Ort suchte nach einer neuen künstlerischer Praxis. Diese führte auch zu der Frage, wie politisch-soziales Engagement und dessen Akteure und Zielgruppen ins ästhetische Feld geraten und was mit ihnen dort passiert. Es liegt in der Hand des Künstlers, die mit seiner Darstellung geschaffenen Wahrnehmungsräume zu Spiel- und Aktionsräumen der Betroffenen zu machen. Das shifting gesellschaftlicher Felder bringt Verantwortung mit sich. Das sieht man immer dann sehr gut, wenn sie nicht wahrgenommen wird. Santiago Sierras Prostituierte oder Arbeiter sollen schocken und lassen sich, gegen Bezahlung, auf das Spiel ein. Sierra war auch bei »hardcore« dabei, einer Ausstellung im Palais de Tokyo Anfang 2003, die im Untertitel versprach, Wege »zu einem neuen Aktivismus« zu weisen. <http://www.palaisdetokyo.com/hardcore/> Tatsächlich zeigte sie, dass »engagierte Kunst« im Ausstellungsraum etwas anderes wird: im besten Falle anekdotisch, im schlimmsten Fall zynisch. Am deutlichsten wurde das durch eine Intervention, die darin bestand, eine Gruppe »echter« kurdischer Demonstranten während der Vernissage im Palais de Tokyo auftreten zu lassen. Die Akteure, eine unterdrückte Minderheit, wirkten völlig verloren zwischen dem schicken und an ihrer Sache nahezu vollständig desinteressierten Kunstvolk, das Sol-Cerveza trinkend an ihnen vorbei tobte.

Zwischenraum

Es gibt verschiedene Formen engagierter Kunst. Wie Rosler greift auch die Wiener Künstlerin Barbara Holub, derzeit Präsidentin der Wiener Secession, mit ihrem Partner Paul Rajakovics als »transparadiso« <http://www.transparadiso.com/> ins Stadtgeschehen ein. Den Künstlern geht es um den urbanen Raum als Aktions- und Veränderungsraum, um »kontextuelles Handeln, das als urbane Vorgehensweise eine Verknüpfung von programmatischer Planung und taktischer urbaner Intervention ist.« 2 Anders Zittels Ansatz, der sich den Formen dieses Handelns widmet. Vergleichbar sind die Innenraum-Konstruktionen von Andrea Blum oder die architektonischen Grenzgänge von Didier Faustino: Alle drei Positionen verhandeln kritisch das Feld zwischen privatem und öffentlichem Raum und verschieben so auch dessen Grenzen. Doch bleibt ihr Gegenstand die ästhetische Form, über die vermittelt die gesellschaftliche angefasst, kritisiert, vielleicht verändert werden soll. Martha Roslers Interventionismus und Andrea Zittels Wohn-Display-Bearbeitungen bilden zwei Pole: Ästhetische Arbeit als Intervention und Kooperation hie – Aufnahme und Ausarbeitung ästhetischer Formen des Aktionismus da. Beide Positionen erreichen auf ihre je eigene Weise, dass die von ihnen behandelten Themen ins Feld gesellschaftlicher Aufmerksamkeit geraten. Oder anders: sie halten Formen bereit für Phänomene, die bis dato außerhalb eines Form- und damit eines Diskursbewusstseins standen. Sie bilden den Zwischenraum. In ihm leben in Paris viele Künstler in einer oft prekären Lebensrealität. Es ist vielleicht kein Zufall, dass viele von ihnen in »Squats« nicht nur Atelier- sondern auch Lebensraum finden. Das besetzte Abbruchhaus wird zum Symbol für eine künstlerische Praxis am Übergang zwischen dem Rand und dem Zentrum des gesellschaftlichen Interesses. Der »Squat« als Zufluchtsort wird kreative Aneignung eines »domicile fixe». Bis zur unweigerlich folgenden Räumung. Oder zur Umwandlung in ein Vorzeige-Kunst-Projekt und zur Touristenattraktion. »Chez Robert« in 59, rue de Rivoli, unweit von Châtelet und Centre Pompidou ist eine solche, deren bunte Hippie-Atmosphäre den Flair des 68er Mai in Paris zurückbringt. »La Générale« <http://www.lagenerale.org/> in Belleville (19. Arrondissement) gibt sich in Bezug auf das Kunstfeld professioneller. Die ehemalige Fabrik (Baujahr 1903) wurde im Februar 2005 von rund 80 Künstlern, Studenten, Aktivisten besetzt, Heute ist sie ein »hotspot« einer jungen Szene, Ausstellungs-, Atelier- und Aktionsraum. Durch ein profiliertes, erfolgreiches Kunst-Programm und Vernetzung mit anderen Kunstorten wurde eine Räumung kaum mehr möglich. Jetzt verhandeln Kulturminister und Stadt Paris mit den Künstlern: man will sie nach Sèvres verlegen, weit ab von jedem städtischen Kunstbetrieb. Die Künstler fordern, sehr zum Unbehagen der lokalen Politiker, Ausstellungsräume vor Ort. Dass sie überhaupt in die Situation gekommen sind, etwas fordern zu können, verdankt sich einem Wandel im Umgang und in der Wahrnehmung von »Obdachlosen». Paris ist eine nomadisierte Metropole. Nur 2 Millionen der insgesamt 10 Millionen Bewohner des Großraums leben »intra muros». Tagsüber kommen rund 4 Millionen Arbeitnehmer in die Stadt, die so selbst zur riesigen Durchgangsstation wird. Ganz zu schweigen von den Touristen, die durch die Baudenkmäler laufen wie durch ein Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts. »Moderner Nomade« ist ein äußerst ungenauer Mode-Begriff, denn die Zwangsmobilen sind alles andere als Nomaden, ziehen gerade nicht in einer festen Struktur von (Nahrungs-) Angebot und jahreszeitlich bestimmter Wohnortsuche umher, sondern sind in permanenter Bewegung zwischen »festen Wohnsitzen« oder verlassen, nimmt man den Auto-Innenraum als Wohnraum hinzu, im Grunde gar nicht ihre vier Wände. Mobile Sesshafte und jene, für die Mobilität auch bedeutet, jenseits der Dächer zu leben, profilieren sich immer deutlicher.

Kanal

Und so war es kaum verwunderlich, dass viele an eine künstlerische Performance glaubten, als man letzten Sommer zunächst vereinzelt, dann immer häufiger Obdachlose in der Innenstadt mit aufklappbaren Rucksackzelten sah. Die »2 seconds« <http://seconds.quechua.com/> erzeugten umso mehr Aufsehen, als diese Zelte, die man zu einer Scheibe mit 80cm Durchmesser falten und quasi mit einer einzigen Handbewegung aufstellen kann, just zu diesem Zeitpunkt breit von den Sport-Discountern beworben wurden. Nun standen diese Zelte plötzlich überall, vor allem unter Brücken. Ein Problem für den Bürgermeister, der mit dem Groß-Event »Paris Plage« nicht nur viele Tonnen Sand und rund 2 Millionen sonnenhungrige Pariser unter ihren Dächern hervor an das Seine-Ufer lockte, sondern auch eine Menge Presse und vor allem Kommerz. Obdachlose mit Hunden und stinkenden Hosen passten da nicht ins Bild und flugs wurden andere, abseitigere Plätze gefunden. Es war der Verein »Ärzte ohne Grenzen« <http://www.msf.fr/france>, der schon im Dezember 2005 rund 300 Zelte verteilt hatte. Als Zwischenlösung für den Winter. Und um diese beachtliche Gesellschaftsgruppe in der französischen Metropole sichtbarer zu machen. Das ist gelungen, sofort gab es wütende Anwohner, die so schnell wie möglich ihre Straßen »gesäubert« sehen wollten. Die Obdachlosen passen sich nicht ein, haben keine Manieren, müllen alles zu, stinken. Auf der Rückseite des Centre Pompidou, dort, wo die langen Schlangen von Studenten – und auch Obdachlosen, die in der Bibliothek fernsehen wollen – auf Einlass in die Bibliothek warten, hatte sich eine kleine Zeltstadt eingerichtet. Es lagen nur rund 3-4 Meter zwischen den Wartenden und den lärmenden, oft betrunkenen Campern. Ein Gespräch, Fragen, Kontakt ergab sich so gut wie nie. Die Presse wurde aufmerksam, die Administration hektisch. Man wollte die Penner wieder von der Straße haben, wieder unsichtbar machen. Als Toni Dreyfus, der Bürgermeister des 10. Arrondissements, die Ufer ausgerechnet des angesagten Canal Saint Martin für die Zelte zur Verfügung stellte, gab es einen Aufschrei. Die malerischen Uferstraßen, Schauplatz des berühmten »Hotel du Nord», in dem Arletty ihr unvergessenes »Atmospère, atmosphère!« ausruft, wurden zum Lagerplatz. »Das stinkt, das ist dreckig« schimpften Anwohner. Nadine, 32, sorgte sich gleich wieder um die Kinder: »Wie soll man ihnen erklären, wenn morgens ein Mann lang ausgestreckt auf dem Schulweg liegt?« Aus einer Hilfsaktion für Obdachlose war eine Performance geworden, wie sie Martha Rosler nicht hätte besser konzipieren können. Bis vier der Zelte in Flammen aufgingen. Nun wurde gehandelt, auch die Vereine zur Unterstützung der Obdachlosen fanden sich zusammen, um schließlich in der »Umsiedelung« in eigens erstellte mobile homes in den Vorstädten eine Lösung zu finden. Paris »intra muros« hat wieder Ruhe. Bis auf einige, die noch am Canal Saint Martin geduldet werden und den dort verkehrenden »Bourgeois bohémiens», den »Bobos« ein wenig »atmosphère« bescheren, sind alle Obdachlosen aus der Stadt gekehrt worden.

Gitter

Wir kommen in Belleville an, umständlich müssen das Gittertor und das einer Schleuse gleichende zweite Tor zur Tiefgarage per Fernbedienung geöffnet werden. Das ganze Grundstück, auf dem die »Résidence« steht, ein heruntergekommener Beton-Appartement-Bau aus den Siebzigern, ist von einem hohen Zaun mit gefährlichen Spitzen umgeben. In Paris ist Privatsphäre heilig. Man kommt nicht irgendwie mal bei jemandem vorbei. Man kommt nur, wenn man sich kennt. Oder wenn man mit Freunden bekannt ist. Alle anderen müssen draußen bleiben, können nicht einmal klingeln, denn fast jedes Haus ist mit Türcode geschützt. Kennt man den nicht, kann man meist nicht einmal bis zur Klingel vordringen. In Paris haben die »avec domicile fixe« Angst. Speziell in Belleville, das noch in meinem Französisch-Buch als Inbegriff des »quartier chaud», Brutstätte des Verbrechens gehandelt wurde. Man sperrt sich hinter Gittern und Codes ein und betrachtet bang die brennenden Autos der »Cités», Sozialwohnungs-Ghettos, im Fernsehen. Und denkt dabei über weitere Schutzmaßnahmen nach. Gelegentlich trifft man Nachbarn auf der Straße. Mit denen redet man dann über die schlechten Zeiten. Über die »Jeunes», die keine Werte mehr kennen, über den Verfall der Sitten. Es wäre kurzsichtig, zu glauben, dass all diese Verdrossenen dann Sarkozy oder Le Pen wählen. Paranoia passt in Paris zu jeder politischen Gesinnung. Ich erinnere mich an eine junge Frau aus dem Haus, freundlich. Offen, nach dem zu urteilen, was man so im Hausflur austauscht. Sie hat drei kleine Kinder. Eines Tages traf ich sie, als ich im Erdgeschoss aus dem Aufzug trat, ganz aufgeregt an. Sie stand dort, in der Eingangshalle, und sprach alle an, die hinein- oder herausgingen. Dass das doch nicht ginge, meinte sie. Dass ein bisschen Grün den Beton auch nicht verschwinden lasse. Dass man sich doch schützen müsse. Erst allmählich verstand ich, dass sie auf einen Vorschlag des »conseil du quartier», eines ehrenamtlichen Rats aus Anwohnern, reagierte, der darin bestand, die Sackgasse, an deren Kopfende die »Résidence« steht, mit Bäumen zu begrünen. Sie wollte das verhindern. Es würde Dealer anziehen, meinte sie. Und: wo Bäume seien, würden auch Penner kommen, auf der Straße kampieren. Wie sollte man die Kinder vor denen schützen? Wohlmeinenden Einwänden, dass sie doch vielleicht etwas übertreibe und dass auch »Penner« immerhin Mitbürger seien, blieb sie unzugänglich. Die Sackgasse ist inzwischen umgebaut worden. Aus einem Paradies für Parker wurde eine Art länglicher Platz aus Granit und Absperr-Stängeln. Am Kopfende ist ein Loch im Boden, neulich hat man Erde hinein gefüllt. Irgendwann wird dort vermutlich ein einzelner Baum eingesetzt.

Zeichnung

In Paris hat man Angst vor denen, die kein Dach überm Kopf haben. Sie sind das Andere der Behausten. Doch nicht nur das. Durch die Zelte wurden wie mit dem Highlighter jene Linien hervorgehoben, welche die Stadt strukturieren, welche sie in eine Ordnung, einen Rhythmus bringen. Linien, welche die Wahrnehmung der Stadt einrichten. Plötzlich wuchsen an ihnen bunte Pilze, kontaminierten das Gerüst der Vektoren, an denen entlang sich die Menschen in der Stadt bewegen, mit denen sie auch die Identität ihrer jeweiligen sozialen Gruppe skizzieren. Und gerade deshalb ist das Zelt auch Modell für ein Denken neuer Urbanität, für den Entwurf einer »ville spatiale», einer Raum-Stadt, wie sie Yona Friedman <http://fra.archinform.net/arch/2442.htm> seit 1958 entwickelt: Parasitär unterbricht es nicht die Zeichnung der Stadt, es streicht nichts aus, sondern es hebt hervor. Die Not der Obdachlosen, sicher. Doch vor allem die Starrheit und das Beharrungsvermögen der Behausten – trotz oder gerade wegen all des »modernen Nomadismus». Sie stellen sich dem Dauer-Bewegtsein entgegen und werden durch den Zwang zur »Flexibilität« und zur Bewegung zwischen Vorstadt und Zentrum erst zu »Container-Nomaden»: mobil, aber unbeweglich, unterwegs, aber in Sicherheit, auf Reisen, aber verschlossen für die »Welt da draußen». Die Zelte bieten zu diesen »Containern», den realen Fertighäusern, Büros und Autos ebenso wie den imaginären Abkapselungen, in die man sich im urbanen Raum begibt, eine Alternative. Sie können zum Symbol werden für Durchlässigkeit, auch für temporäres Wohnen, für den »Durchgang». Gerade weil sie nicht allein als ästhetische Form gesehen werden können, sondern zuerst und vor allem Überlebenshilfe sind, bilden sie auch das Modell für ein Denken, das die Linien der Stadt beachtet, um sie weiter zu zeichnen zur Skizze eines möglichen, anders gestalteten sozialen Raums, einer »Architektur des Überlebens« So nannte Friedman sein Buch zu einer »Philosophie der Armut», mit der er das Wohnen zurückführen wollte auf seine sozialen Funktionen. Das impliziert auch die Entwicklung eines ästhetischen Bewusstseins der »Bewohner« eine Verschiebung der Wahrnehmungsfelder von »Rand»und »Zentrum», eine Sensibilisierung für »Zwischenräume». Das Zelt als Modell urbanen Denkens: das heißt nicht, dass nun alle mal in Zelten wohnen sollen, wie es unlängst, im Zuge des Präsidentschafts-Wahlkampfes, eine Bürgerinitiative vorschlug. Das heißt vielmehr, Sehen, Wahrnehmen zu bilden. Für eine Durchlässigkeit zum Anderen und eine Prekarität als konstruktiven Bestandteil gesellschaftlichen Lebens. Es heißt auch nicht, den Obdachlosen nun die Kunst zu bringen: es heißt, Obdachlosigkeit als Bestandteil einer urbanen und ästhetischen Lebensrealität zu begreifen – und als Element für dessen Gestaltung. Das Haus als Austausch-Membran, als Ausfaltung der Bedürfnisse seiner Bewohner, nicht als Applizierung eines architektonischen »Entwurfs«; von sozialem Leben – das war in den Sechzigern eine Utopie. Friedmans Buch ist 2006, im Jahr der Pariser Zelte, neu aufgelegt worden.3 Dem Architekten, der in Paris lebt und arbeitet, wird bis 7.4.2007 im New Yorker »Drawing Center« http://www.drawingcenter.org; eine große Retrospektive gewidmet. Vom 4.6. bis 30.9.2007 zeigt er auch in Paris seine Entwürfe: am Rande der Stadt, im »cneai«; http://www.cneai.com/news.html auf der Île des Impressionistes.


1
Laut den in »Libération.fr« am 22. Juli 2006, »LeFigaro.fr« am 17. Juli 2006 und in einem ministeriellen Report am 9. August 2006 veröffentlichten Zahlen: »Les chiffres de la précarité»: www.liberation.fr/actualite/societe/194853.FR.php, 020407
; »Le casse-te_te des places d'he_bergement«, www.lefigaro.fr/france/20060717.FIG000000137_le_casse_tete_des_places_d_hebergement.html, 020407; »Rapport de la mission effectuée à la demande de Mme. Catherine Vautrin, ministre déléguée à la cohésion sociale et à la parité« von Agnès de Fleurieu und Laurent Chambaud, abolitionprivileges.free.fr/IMG/pdf/Rapport_Hebergement_sans_abris_Fleurieu_Chambaud.pdf, 020407.

2 http://www.transversale.org/jb2/indikatormobil2/jb2_indikatormobil2.pdf
3
Yona Friedman, L'Architecture de survie, une philosophie de la pauvreté, L'éclat: Paris 2006.

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