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12. November 2006

Sich selbst verbrauchen

Andrea Sick

Überlegungen zur Ausstellung »Bin beschäftigt« in der Gesellschaft für aktuelle Kunst Bremen.

Diese Situation ist sicherlich vielen bekannt, nicht zu wissen, ob man gerade arbeitet oder nicht. Oder gar zu wissen, was in einem gerade arbeitet. Das am 12.10.06 eröffnete Ausstellungsprojekt der Gesellschaft für Aktuelle Kunst GAK in Bremen spricht nicht von der Arbeit, sondern titelt: "Bin beschäftigt". Während also Erwerbsarbeit Bestimmung von Außen traditionell voraussetzen würde, thematisiert das "Beschäftigt sein" vielmehr die Selbstorganisation gerade dieser Arbeit und wie durch die gesellschaftliche Aufteilung von Arbeit das Selbst organisiert wird. Insofern knüpft das Thema der Ausstellung natürlich an das gesellschaftspolitisch hochaktuelle und medial in vieler Hinsicht aufbereitete Feld der Arbeitslosigkeit sowie des dadurch bedingten Arbeitszwangs an und auch an die Neubestimmung dessen, was Arbeit sein könnte. Die Ausstellung schlägt dieser auf der Hand liegenden Thematik aber auch ein Schnippchen, in dem die Aussage "bin beschäftigt" eine Selbstorganisation zu bedingen scheint, die eine übliche Aufteilung von Arbeit und Privatem nicht mehr zulässt und gewissermaßen die Arbeit selbst ins Private holt. Denn beschäftigt sein könnte jede und jeder. Es ist auch gekonnter Marketing-Griff der Ausstellungsmacherinnen, dieses Thema zu nutzen, um jeden und jede ansprechen zu können und die Beschäftigung der GAK selbst – ihre Selbstorganisation – öffentlich bekannter zu machen. Dabei fokussiert der Ausstellungstitel nicht einen defizitären Moment im politischen Feld der Arbeitslosigkeit, sondern thematisiert eine Arbeit, die die ökonomischen Strukturen durchdringen kann. Eine angesichts der Brisanz der Arbeitsmarktsituation eher romantisierte Vorstellung von Arbeit, die zugleich Beschäftigung ist und die Unterscheidung von Arbeit und Freizeit in Frage zu stellen vermag, von der auch Gabriele Mackert, die Kuratorin, in ihrer Eröffnungsrede mit Freud sagte: "Leben ohne Arbeit kann ich mir nicht recht behaglich vorstellen. Fantasieren und arbeiten fällt für mich zusammen, ich amüsiere mich bei nichts anderem." Verfolgt man diesen Gedanken weiter, könnte man Übereinstimmungen zu den zu beobachtenden Neukonzeptionen von Arbeit, die sich zunehmend im Begriff der Kreativität auflösen und in denen Hierarchien zu Gunsten von Selbstorganisation zu verschwinden scheinen, finden. Auch wenn die Ausstellung der GAK nun vorzuführen, darzustellen, zu belegen vermag, inwiefern sich gerade darin eine Disziplinierung einer noch als widerspenstig geltenden Praktik formuliert, stellt sich doch auch die Frage, unter welchen Prämissen diese künstlerischen Techniken, die hier als kreativ bezeichnet werden, je als widerspenstig hinsichtlich eines "Arbeitsmarktes" gelten konnten. "Nur als Arbeit kann die Kunst den Charakter einer exklusiven Tätigkeit annehmen", (und eben nicht als l'art pour l'art) schreibt der Philosoph Jacques Rancière1 und arbeitet heraus, dass der "Kult der Kunst" eine Aufwertung der Fähigkeiten voraussetzt, die mit der Vorstellung vom Wesen der Arbeit verbunden sind. Diese Entdeckung, so Rancière, setzt für das Sichtbare – deren Landschaft eine Ausstellung wäre - das Verhältnis aus Tun, Sein, Sehen und Sagen neu zusammen. Daran schließt er die These: "Welche spezifische Form auch immer die ökonomischen Kreisläufe annehmen, in die die künstlerischen Praktiken sich einfügen: diese sind niemals eine 'Ausnahme' gegenüber den anderen Praktiken. Die künstlerischen Praktiken repräsentieren oder gestalten die Aufteilung dieser anderen Tätigkeiten neu."2 Folgt man dieser Argumentation, wäre es der Kunst eigen, sofern sie Produktion ist, gegensätzliche Begriffe von herstellender Tätigkeit und Sichtbarkeit zu vereinigen. Eine Kunstausstellung mit dem Titel "Bin beschäftigt" müßte insofern insbesondere auch die Positionierung der künstlerischen sowie auch kuratorischen Arbeit in Bezug zu einer "herstellenden Arbeit", wie es Ranciere bezeichnet, in ihrem gezeigten Setting thematisieren. Die Ausstellung "Bin beschäftigt" stellt nun künstlerische Praktiken vor, die einerseits ihr eigenes Tun als Arbeit und Beschäftigung reflektieren und andererseits die gesellschaftliche Institution Arbeit und ihre Strukturen untersuchen. Sie gibt dem Prinzip Arbeit, mit seinen verschiedenen Ausfromungen, eine Bühne. Sie vermeidet dabei eindeutige "Aufteilungen" und positioniert so eine konfliktreiche Verteilung von Seinsweisen und Beschäftigungen in einem "Möglichkeitsraum". Denn beschäftigt sind "alle", aber auch "alle" können nichts tun. Die Arbeiten, die die Ausstellung dokumentiert und präsentiert, schlagen neue "Aufteilungen" von Arbeit, Beschäftigtsein, Nichts tun und Verdienen vor. Und es bleibt zu fragen: Bilden die künstlerischen Praktiken hierbei wirklich eine Ausnahme? Inwiefern können Künstler und Künstlerinnen, die als Subjekte notwendig innerhalb von Produktions- und Sinnverhältnissen stehen und insofern auch innerhalb von komplexen Machtverhältnissen, beanspruchen, diesen Raum 'normaler' Arbeitsproduktion zu durchkreuzen und zur Sichtbarkeit zu bringen? Ist dieses Prinzip tatsächlich mit einer Ausstellung auf die Spitze zu treiben? Entscheiden Sie selbst. Annette Weisser und Ingo Vetter haben die Problematik einer "Fabrik, die in die Individuen wandert" mit ihrem Workshop NameGame, den sie schon 2002 u.a. im Rahmen eines Projektes des Kunstraums Lüneburg initiierten, inszeniert und als Erfahrungspotential eröffnet. Nicht die Erforschung der anderen sondern die eigene Selbsterfahrung – natürlich bestimmt durch die anderen - steht im Zentrum. Die Dokumentation dieses Workshops ist in der GAK zu besichtigen und gestaltet den Eingang mit der Sieger- oder Showtreppe dekoriert mit einem goldenen Vorhang aus Lammetta als Ort für theatrale Hochleistungen der BesucherInnen. Bezüge zu dem Märchen Das Rumpelstilzchen, in dem Stroh zu Gold wird, sind nachzulesen, im auf den Strohballen ausgelegten Buch zum Workshop. Antje Schiffers springt gewissermaßen "in Medias Res", ins Disziplinieren ihrer eigenen Praktiken und bietet der Unternehmensberatung Roland Berger ein Gemälde als Gegenleistung für die Erstellung einer Strategiekonzeption für "Antje Schiffers" an. Dieses Reinspringen "in Medias Res" beginnt hier, wie zu erwarten, mit den "Financials". Die Einnahmen von Antje Schiffers – Marke und Name der Künstlerin - sind zwar schnell gewachsen, aber nicht ausreichend, so startet die durch eine Videoaufzeichnung dokumentierte Beratung durch den Mitarbeiter von Roland Berger. Er rät, so kann die AusstellungsbesucherIn verfolgen, Kundensegmente zu entwickeln und dabei eine Priorisierungsmatrix einzuführen sowie das Auftreten von "Antje Schiffers" zu professionalisieren. Die größte Profitabilität zeichnet sich laut der Unternehmensberatung im Bereich Kunst am Bau ab. In einem weiteren dokumentierten Projekt hat Antje Schiffers Höfe in der Umgebung von Wolfsburg gemalt und diese Gemälde den Landwirten als Gegenleistung dafür angeboten, dass sie ihre jeweilige Arbeit mit einer Videokamera selbstständig aufnehmen und kommentieren. Diese Videoaufnahmen sind als Videoinstallation ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Antje Schiffers sucht in ihrer hier vorgestellten Arbeit eher die Konfrontation, und die Möglichkeit sich durch diese gegenseitig zu demonstrieren und zu vergleichen: sie konfrontiert ihre künstlerische Arbeit mit der Denkweise einer Unternehmensberatung und sie fordert die Landwirte auf sich mit ihrer eigenen Arbeitsweise zu beschäftigen und bietet ihre eigene zuvor als Bezahlung an. Ganz anders setzt Adrian Paci die künstlerische Fähigkeit als Maler ein. Seine Videoarbeit mit dem Titel Piktori erzählt die Geschichte eines Malers, der Totenscheine fälscht, um Geld zu verdienen, und der nur malt, wenn er Zeit hat. Diese freie Zeit, die hier in der Geschichte von Paci dafür genutzt wird, keine Urkunden, sondern Gemälde zu malen, ist auch Thema von der ausgestellten Arbeit von Elisabeth Schimana und Markus Seidl. Ein Dorf tut nichts, so der bezeichnende Titel dieses Projektes. Es ist nicht alltäglich, im dörflichen Verband eine ganze Woche nichts zu tun. Allerdings, das wäre aus heutiger Sicht doch hinzu zufügen, ist es auch nicht alltäglich, dass alle in einem Dorf etwas zu tun haben. Dennoch sagen die Protogonisten von Schimana und Seidl: Wir haben noch nie eine freie Woche gehabt, und lassen sich auf das in der Ausstellung dokumentierte Experiment ein: Sie tun eine Woche lang nichts, engagierte Hilfskräfte des Künstlerteams übernehmen die Arbeit und organisieren gemeinschaftliche Zusammenhänge wie einen gemeinsamen Speisesaal für das Dorf. Anschließend berichten die Bewohner vor der Kamera über ihre Erfahrungen. Fast alle wollen das Experiment gerne wiederholen. Was bedeutet nun aber für die Dorfbewohnerinnen Gemütlichkeit? Ist es gemütlich, nichts zu tun?, fragen die beiden KünstlerInnen. Provokant stellt sich Francis Alys mit dem Schild Turista in Mexiko City neben andere Männer, die mit einem Schild ihre Dienstleistung wie Elektriker etc. anbieten. Er bietet sich als Turista an. Was wäre nun aber die Dienstleistung eines Turista (Touristen)? Und stellt er hier die "Ausnahme der künstlerischen Arbeit" in die Reihe der handwerklichen Arbeit eines Klempners oder Elektrikers? Ist er nun Tourist oder Künstler, oder als Künstler Tourist? Matthias Klos dokumentiert seine demonstrativen Aktionen in der Bremer Innenstadt. Die Ausstellung zeigt Photos von Julia Beier dieser Demonstration im Alleingang an ungewöhnlichen, wenig repräsentativen und wenig bevölkerten Orten. An diesen Orten positionierte sich Klos mit seinen handschriftlich gemalten Schildern wie "Sparsamer Gebrauch der Realität", "Immer im Konflikt mit der Proportion", "Im Kompromiss mit dem Verzicht". Er stellt Denkanstöße zur Schau, die in der Stadt wohl kaum jemand sieht, die aber dann vom Kunstkonsumenten und den AusstellungsbesucherInnen in der GAK entziffert werden können. Die Künstlergruppe mit dem Namen Reinigungsgesellschaft kann als Forscherteam bezeichnet werden und zeigt ein psychosoziales Arbeitsdiagramm und dessen dreidimensionale Umsetzung, die aus der Befragung unterschiedlichster Menschen nach dem "Gegenstand der Arbeit "entstanden sind. Gefragt wurde, ob der "Gegenstand der Arbeit" eher materiell oder eher immateriell gewesen sei. Neben der statistischen Auswertung im Diagramm und 3d-Modell wurden die Interviewten auch nach der Bedeutung von Arbeit für sie gefragt: "Mein Beruf ist mein Leben" (Dipl. Agr.); "Arbeit macht Spass" (Verkaufsleiter); "Arbeit ist der Raum meiner Selbstverwirklichung" (Architekt), "Geld verdienen" (Schülerin) ; "Arbeit bedeutet, seiner Anlage gemäß verbraucht zu werden" (Tischlermeister) - so lauten einige der in der Ausstellung dokumentierten Antworten. Hier werden nicht die eigenen Erfahrungen provoziert, berichtet und erlebt, wie es in dem Workshop von Vetter und Weisser der Fall war, sondern die Daten der anderen auf die Bühne gestellt, um damit ein Publikum in einer Kunstausstellung zu konfrontieren. Die unterschiedlichen Formate und Geschichten, die unterschiedlichen Bilder und Aktionen, die Urkunden und Konzepte, die in der Ausstellung dokumentiert sind, zeugen von den vielfältigen künstlerischen Praktiken, das Beschäftigtsein – meist der anderen - auf die Bühne zu bringen. In der Ausstellung sind noch zahlreiche hier nicht erwähnte Arbeiten zu sehen - auch solche, die geradezu archäologische Forschungen zur Beschäftigung betreiben (von Alice Creischer/Andreas Siekmann, Jean-Luc Mouléne). Ein Blick in diesen "Möglichkeitsraum" kann sicherlich noch andere Perspektiven und Überlegungen provozieren, die hier keinen Raum finden konnten. Eines ist allen Arbeiten der Ausstellung sicherlich gemeinsam: Sie experimentieren mit den Möglichkeiten einer künstlerischen Produktion, die nicht Ausnahme zur Arbeit ist und dennoch– allein schon deshalb, weil sie in einer Ausstellung auf die Bühne gebracht werden – Sichtbarkeiten von Arbeit schafft. Für einen Großteil der in der Ausstellung zusammengestellten Arbeiten bildet allerdings nicht die Selbstorganisation der Kunstproduktion selbst den Ausgangspunkt, sondern vielmehr wird beansprucht, die Erwerbsarbeit der anderen zu erforschen. Hierzu passt auch die von den Ausstellungsmacherinnen großflächig angebotene Assoziationswand, die die Besucherinnen zu Kommentaren auf Fragen wie "Wie war das, als sie das erste mal Geld verdienten?" auffordert. Stifte hängen, die Mailbox der GAK wartet, das Publikum soll Antworten schreiben. Die fallen zumindest bei meinem Besuch kurz nach Start der Ausstellung noch sehr spärlich aus. Diese Assoziationswand kann als Beitrag der GAK selbst zum Erforschen der Arbeit der anderen verstanden werden. Möglicherweise, das wäre zu wünschen, um bei der 'eigenen' prekären Beschäftigung zu landen, bestimmt durch den Blick der anderen, die eben oft – auch die der KünstlerInnen und AusstellungsmacherInnen - nicht bühnenreif ist, auch wenn sie zwangsläufig neue "Zuteilungen" erprobt, sich selbst zu verbrauchen. Eine Ausstellung künstlerischer Arbeiten, nicht nur die die das Beschäftigtsein fokussiert, ist immer auch Bühne ihrer eigenen Arbeit. Die Ausstellung, kuratiert von Gabriele Mackert, ist noch bis zum 7. Januar 2007 (Di.– So., 11-18 h) zu sehen. Finanziert wird sie nicht nur durch die Kulturstiftung des Bundes und die Heinrich-Böll-Stiftung Bremen, sondern auch die Arbeitnehmerkammer der Hansestadt Bremen. Ergänzt wird sie durch ein umfangreiches Beiprogramm (u.a. mit einem Vortrag von Gerburg Treusch-Dieter zum Totalitären der Arbeit, von Ramon Reichert über den Künstler als Entrepreneur und von Ludwig Paul Häussner über bedingungsloses Grundeinkommen; Adrienne Goehler liest aus Verflüssigungen), einzusehen unter www.GAK-BREMEN.de. Ein gerade in Produktion befindlicher Katalog u.a. mit Beiträgen von Elke Krasny und Barbara Schröder wird in Kürze erscheinen. 1 Jacques Rancière, Die Aufteilung des Sinnlichen, Berlin (Reihe polYpeN/b_books) 2006 (Originalausgabe: Le Partage du sensible. Éstetique et politique, Paris (La Fabrique Éditions) 2000), 69. 2 Ebd., 70.; Beim Begriff der Aufteilung spielt die Doppelbedeutung von "partage" im Sinne von Teilung und Teilhabe eine Rolle.

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