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12. November 2006

Selborganistation statt urbane Inszenierung?

Die Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel

Interview mit Andreas Blechschmidt (A), Rot- Florist

von Kathrin Wildner (TT)

 

TT: Was sind die zentralen Punkte in der Entwicklung der Roten Flora seit 1988?

AB: Es fing an mit dem Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Viertels, in dem man mit dem Musical-Theater "Phantom der Oper" Kultur als einen touristischen Standortfaktor etablieren wollte. Es ging aber auch darum, eigene Vorstellungen von Kultur und Politik und vor allem deren Verbindung zu entwickeln, einen politischen Gegenentwurf zu verfolgen, der das gesamte soziale, kulturelle und ökonomische Leben betrifft - vielleicht würde man heute man von einem „autonomen Lifestyle“ sprechen. Es gab bis etwa Mitte der 90er Jahre eine ganz bestimmte Stimmung, eine Struktur und ein Klima von Menschen, die das mitgetragen haben. Und schliesslich ist ein dritter Punkt der städtische Kontext und die Prozesse der Gentrifizierung, die das gesamte Stadtviertel veränderten. Dieser Dreiklang von klassischer autonomer Politik, von einem Versuch eines eigenen politisch kulturellen Gegenentwurfs und dem Bewusstsein, selbst Teil eines auch soziologisch fassbaren urbanen Veränderungsprozesses zu sein, ist zentral für die Rote Flora.

TT: Wie verbindet sich ein „autonomer Lifestyle“mit einer spezifischen Organisationsform? Ist Selbstorganisation hier von Bedeutung?

AB: Ja, unbedingt. Selbstorganisation ist als Teil der neuen Linken aus der politischen Theorie der Autonomiebewegung ein ganz bestimmter Politikentwurf gewesen: gegen Kaderpolitik, gegen Parteipolitik und Parteidisziplin, gegen die Organisierung der K-Gruppen der 70er Jahre, vielmehr ein Anschluss an den Diskurs der italienischen Autonomia-Bewegung. Als Politikansatz ist es der Versuch basisdemokratischer, antihierarchischer Ansätze, linker emanzipative Politik, die sich auch durchaus mit militanten Interventionsformen beschäftigt, versucht sich in einer kapitalistischen Gesellschaft zu behaupten und Gegenentwürfe zu produzieren oder Gegenkulturen zu leben. Soweit ich das für Hamburg sagen kann, ist gerade dieser Prozess wenig reflektiert worden, sondern Selbstorganisation hiess einfach: Wir organisieren in der Flora Konzerte selber, wir haben einen bestimmten Begriff von Theater und Kabarett (z.B. eine Aneignung von Brechtschem Theater). Wir beginnen gerade in der Flora, auch unter den Vorzeichen was im Jahre 2006 im Schanzenviertel los ist, zu reflektieren: Was haben wir eigentlich in den 17 Jahren Rote Flora gemacht? War das wirklich ein Gegenentwurf oder hat man eine Nebenfahrbahn beschritten, ist parallel zum Strom mitgefahren und biegt gerade wieder in den Mainstream ein?

ÖKONOMIE

TT: Selbstorganisation ist dann also zunächt eine politische Organisationsform der Basisdemokratie in Abgrenzung zu Parteien oder hierarchisch strukturierten Gruppen – hat sie auch eine ökonomische Dimension?

AB: Neben organisatorischen Strukturen – Entscheidungen sollen kollektiv gefällt werden, es soll wenig Hierarchien geben etc. – geht es auch um die Transparenz von Ökonomie, sowohl in der Mikroökonomie des Projekts selbst, um Transparenz in Bezug auf die Verteilung des Geldes, als auch um den Versuch, das Geld privater Verfügung zu entziehen, im Mikrokosmos Flora kollektiv zu wirtschaften und keine Gewinnmaximierung in Bezug auf eine Bereicherung einzelner Gruppen zu zulassen. Hierzu gehören auch die immer wiederkehrenden Diskussionen gegen einen Basislohn für Leute, die in der Flora arbeiten. Es besteht weiterhin das Prinzip: Was wir erwirtschaften, wird vollständig in das Projekt reinvestiert; unsere individuelle Ökonomie und Reproduktion klammern wir vollständig aus - die wird dann eher klassisch organisiert, indem man irgendwelche Jobs parallel hat. Das ist keinesfalls ein innovativer Gegenentwurf, weil hier wieder zwei Sphären voneinander getrennt werden, die im Kapitalismus eben auch im zentralen Widerspruch stehen: der Sachzwang der ökonomischen der Existenzsicherung einerseit und die nicht-entfremdete schöpferische Tätigkeit andererseits. In der Flora gibt es keine Subventionen. Faktisch sind wir bei diesem ökonomischen Modell bei der Kulturpolitik der CDU gelandet. Das ist der Kulturansatz der Konservativen, die sagen, Kultur müsse sich selber tragen, dürfe nicht subventioniert werden, und nur das könne Bestand haben, was am Markt über Angebot und Nachfrage geregelt wird. Die Rote Flora bekommt keine Subventionen von der Stadt. Natürlich sind wir nicht gegen staatliche subeventionierte Kuktur überhaupt. Aber für uns ist das ein wichtiger Aspekt, dass man nicht in Konkurrenz innerhalb der subventionierte Kultur eines bürgerlich gesellschaftlichen Systems stehen will. Unser Ansatz hat mit dem Versuch von Unabhängigkeit zu tun. Im Hinblick auf die Frage nach grundlegenden neuen ökonomischen Impulsen gelingt das allerdings nicht.

TT: Man begibt sich also in Parallelökonomien. Was heisst dann Selbstorganisation? Wer ist das Selbst? Diejenigen, die organisieren? Gehört das Publikum dazu?

AB: Partiell hat es immer wieder eine Aufhebung zwischen Produzierenden und Publikum gegeben. Zum Beispiel der „Club der kulturell Verunsicherten“. Das war ein monatlicher Sonntagsclub, an den sich eine Reihe von kleineren Projekten z.B. Theaterprojekte angeschlossen haben. Technomusik, die damit in die Flora kam, wurde zu Anfang in der Szene als kommerzielle Eventkultur verteufelt. Mit dem "Club der kulturell Verunsicherten,“ den Flora-Besucher und -Macher gemacht haben, hat sich die Wahrnehmung verändert. In den 90ern war die Flora ein Ort, an dem viel passiert ist, an dem man viel selber machen konnte. Die Flora war einer der ersten Orte, an denen z.B. Dub etabliert wurde. Aber dann ist sie den klassischen Weg gegegangen: Von einer subkulturell selbstorganisierten Szene sind viele Leute in Läden wie Waagenbau und andere Clubs abgewandert. Die Flora-Konzertgruppe gab das Know How wie eine Prakikums- und Kaderschmiede. Die Siebdruckwerkstatt war mit ihrer Plakatästhetik in den 90er Jahren sehr präsent; viele davon haben sich heute als Grafiker professionalisiert.

TT: Wie hat sich das verändert? In dem Statement der Flora vom Mai 2006 zu dem selbsternannten neuen Kulturhaus 73 direkt neben der Roten Flora am Schulterblatt wird vor Verblödung durch reines Konsumverhalten gewarnt. (http://www.nadir.org/nadir/initiativ/roteflora/texte/hochkultur.html)

AB: Das Flora-Statement ist keine ausgearbeitete Theorie, das war ein spontaner Reflex auf ein kommerzielles Kulturprojekt aus dem studentischen Millieu. Die urbane Inszenierung auch der Schanze lebt heute davon, dass sie das, was vor 10, 15 Jahren innovativ war, aufnimmt und kommerzialisiert. Die Flora ist darin ein Dinosaurier mit einem bestimmten Kulturbegriff, für den Selbstorganisation und nicht Kommerzialisierung zentral sind. Ein Prozess, den man ein Jahrzehnt lang gefüttert hat, verselbständigt sich und fällt jetzt als Kommerzialisierung und Festivalisierung des Schanzenviertels den alten Machern auf die Füsse zurück. Man kann sich allerdings schon fragen, ob in dieser Beobachtung nicht ein linksautonomer Konservatismus drinsteckt. Die Flora ist aber immer noch ein Raum, der sehr viele Möglichkeiten bietet, aber dem auch gerade die Impulse fehlen. Im Moment ist es eher so, dass sie als Jugendkulturzentrum funktioniert. Das Dubcafe am Dienstagnachmittag und -abend, mit einem Durchschnittsalter von knapp 17 Jahren, ist eher ein Oberstufentreff der umliegenden Gesamtschulen, man ist unter sich.

GENERATIONEN

TT: Bildet sich da eine neue Generation heran, die selbst Veranstaltungen in der Roten Flora organisiert? Welche Bedeutung hat es für diese neue Generationen sich in dem bereits erkämpften und durchgesetzten Raum zu bewegen?

AB: In der Vergangenheit gab es immer wieder Leute, die sich von der Flora emanzipierten, zum Beispiel in den 90er Jahren in der Bernstorffstrasse ein Kultur- und Jugendzentrum machen wollten und ein Haus besetzt haben. Wir in der Flora waren da schon etwas pikiert: > Warum macht Ihr das nicht in der Flora?< Aber da war eher der Impuls: >Mit so einem etablierten Projekt wollen wir nichts zu tun haben. Wir freuen uns über Eure Unterstützung, aber wir wollen was Eigenes machen.< Das hat sich jetzt verändert. Jüngere im Alter von 16, 17 entdecken die Flora als Ort im Anschluss an Politisierungen durch Castortransporte oder Antifa-Demos. Wie man die Hafenstrasse durch die Volksküche entdecken konnte und umgekehrt, kann man die Flora heute durch Dubkonzerte und Parties entdecken.

Ingrid Strobl hat mal in einem Aufsatz etwas ironisch gefragt, warum in Deutschland das Durchschnittsalter auf linken Demos 30 Jahre selten übersteige, warum die autonome oder radikale Linke wie eine Jugend- oder eher Studentenkultur funktioniere, wie eine Vereinszugehörigkeit: Man tritt dem autonomen Club, sagen wir mal dem linksradikalen Verein bei, man studiert, man lebt eine Demokultur. Irgendwann hat man dann sein Diplom oder seinen Abschluss gemacht, dann kämpft man ums Doktorandentum und dann ist man dem entwachsen. Dann gibt es ein paar Kaderleichen wie mich zum Beispiel, die zu Berufsjugendlichen werden und Diskussionen wieder von vorne führen, etwa über Selbstorganisation. Anders als ich es z.B. in Italien oder Spanien wahrgenommen habe, wo durchaus auch 50- oder 60jährige die Linke aktiv gestalten, während in Deutschland Leute über 40 scheinbar viele eher bei Attac oder Verdi enden. Da ist die Flora eher ein Ort, der die ewige Jugendbewegung reproduziert. Daher kommt auch dieser manchmal etwas herablassend wirkende Blick auf die jungen Leute, die vermummt auf dem Dach stehen, wenn man selber etwas peinlich berührt dabei steht und denkt: Ja, ja, die kommen gleich wieder runter, das finden wir jetzt ein bißchen old school...

TT: Du beschreibst eine Wiederholung, in der die Bilder der 80er Jahre benutzt werden. Ist da nichts anders?

AB: Positiv formuliert, ist die Flora wie ein Guckkasten für den Stand der Dinge, wie ein Kristallisationsort und Katalysator rund um die Mobilisierung zum Beispiel zum Weltwirtschaftsgipfel jenseits der Attac-Kaderpolitik.

KONKURRENZEN

TT: Ich halte es für wichtig, die neu entstehenden Läden innerhalb eines ökonomischen Prozesses im Schanzenviertel zu sehen, in dem es kein Aizan und kein Spritzentausch mehr gibt, weil sie sich einfach die Mieten nicht leisten können. Ist das Kulturhaus 73 eine Bedrohung, eine Konkurrenz für die Flora?

AB: Ich glaube nicht. Kulturelle Projekte, die der Flora näher stehen wie der Waagenbau, Hafenklang oder U-site, sehe ich als Mitbewerber und nicht als Konkurrenten. Auch ein Kulturhaus 73 kann keine Konkurrenz sein, denn die ticken anders. Sie arbeiten relativ ungeniert mit etwas, was uns, etwas pathetisch gesagt, heilig ist. Sie werfen ganz bewusst ein subkulturell kodiertes Image in die kommerzielle Waagschale, etwa aus dem Off- Theater oder zum Rio Reiser -Todestag. Wenn die Flora etwas zu Rio Reiser gemacht hätte, wäre es um die Frage gegangen, was ein schwuler Musiker mit einer heterosexuellen Vereinnahmung macht, inmitten einer männlich-heterosexuelle dominierten Politkultur mit Militanzinszenierungen. Oder um Fragen der ökonomischen Existenz. Im Kulturhaus 73 ist eine Rio Reiser-Veranstaltung ein Abnudeln von Ton Steine Scherben-Songs bis zum "König von Deutschland" - und dann noch den Tatort zeigen, wo Rio als Schauspieler mitgespielt hat.

TT: Im Flora-Statement stand das Wort "Etikettenschwindel" – das verweist auf die Aneignung von Begriffen und einer bestimmten Ästhetik. Es gibt darin keine eigene Erfahrung und Auseinandersetzung, es wird viel mehr ein Bild von Erfahrung reproduziert,die zu einer Modeerscheinung wird. Aber soll die Flora vor Moden warnen?

AB: Es ist eine grosse Chance der Flora - ob sie sie immer nutzt, ist eine andere Frage –, dass sie sich selbst reflektiert. Das ist zunächst mal ein Unterschied zu einem Projekt – und da gibt es viele – wie dem Kulturhaus 73, in dem nicht Selbstreflektion, sondern Selbstinszinierung stattfindet. Das ist erstmal nicht ehrenrührig. Es steht nirgendwo bei Karl Marx, 'Du darfst nicht im Luxus leben' oder 'Du darfst keinen Spass haben und nichts verdienen'. Es geht überhaupt nicht darum zu sagen, das Kulturhaus 73 müsse weg. Aber es geht um diesen Moment – und der sollte auch in einem öffentlichen Akt in unserem statement, vielleicht auch ein bißchen theatralisch markiert werden – dass so etwas wie das Kulturhaus 73 etwas ganz Bestimmtes ausdrückt. Es kann nicht angehen, dass ein kommerzielles Projekt, das 900.000 Euro Kredit von der Brauerei bekommt, unwidersprochen als Beitrag zur Stadtteilkultur gefeiert wird, als ob es in den letzten 20 Jahren im Schanzenviertel keine kulturpolitischen Initiativen gegeben hätte.

TT: Ist die Flora beleidigt? Ist es nicht egal, ob das Abendblatt oder die Mopo einen solchen Ort feiert? Oder hätte man das Lob der Presse gerne für die Flora bekommen?

AB: Das ist natürlich Beifall von der falschen Seite, keine Frage. Uns geht es nicht darum von den Medien gemocht zu werden. Aber wenn die Flora ein Statement abgibt, hat das ein Medienecho, das wir nutzen wollen: Wir verstehen uns hier als Chronisten und Kommentierende.


Weitere Lektüre:

Andreas Blechschmidt: Vom »Gleichgewicht des Schreckens«

Autonomer Kampf gegen Umstrukturierung im Hamburger Schanzenviertel, In: Stadtrat(Hg.) „Umkämpfte Räume“ Göttingen 1998

http://www.nadir.org/nadir/initiativ/roteflora/

 
 

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