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Kommentar [1]
12. November 2006

Kunst gleich Kritik

von Stefan Beck

Ich habe die Formel “Kunst gleich Kritik (und Information)” um 1995 für mich angenommen als absehbar war, dass meine Arbeit fortan unter Netzbedingungen stattfinden würde. Zwei Überlegungen gingen dem voraus.

Während meines Philsophiestudiums erfuhr ich, dass Philsophie nach Kant nur noch kritisch sein konnte, indem sie, alle Dogmatik hinter sich lassend, nur noch das gelten lassen konnte, was auf die Bedingungen seiner Herleitung für rational überprüfbar galt. Warum sollte das nicht auch für die Kunst gelten?

Bis heute kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, Kunst sei der letzte Hort einer Dogmatik geblieben, in der unhinterfragt Objekte als persönliche Überzeugungen einem urteilslosen Publikum vorgestellt würden.

Darüber hinaus wunderte mich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Trennung von Kunst und Kritik hingenommen wurde. Für den/die KunststudentInnen ist der/die ProfessorIn die erste Instanz von Kritik. Diese geht aber im Laufe des Studiums nahtlos an Personen des Kunstbetriebs über, GaleristInnen, KunstkritikerInnen, KuratorInnen. Steht noch der/die ProfessorIn dem/der angehenden KünstlerIn darin nahe, dass er/sie in der Regel Ausbildung und Profession mit ihm/ihr teilt (also selbst KünstlerIn ist), wird für den anschließenden Zeitraum Kunstkritik von Personen ausgeübt, die eine gänzlich andere Ausbildung als die KünstlerInnen haben. Allgemein sind es KunsthistorikerInnen. Dies ist eine Sonderlichkeit, die sich in keinem anderen Berufszweig findet.

Ich stelle mir vor, es gäbe Physiker und Physikkritiker. Beide hätten unterschiedliche Ausbildungen genossen. Zwar gibt es Menschen, die in der Hauptsache die Ergebnisse anderer Physiker überprüfen und kritisieren – in physikalischen Journalen z.B. –, aber auch diese sind ausgebildete Physiker. Physiker kritisieren ganz selbstverständlich Physiker, ohne Zuhilfenahme einer anderen Berufsgruppe.

Wenn KünstlerInnen andere KünstlerInnen kritisieren, dann höchstens über die Gattungen hinweg (MalerInnen schimpfen über BildhauerInnen etc.) und unter Bedingungen des Stammtischs. Kritik unter KünstlerInnen gerät immer leicht in den Ruf der Nestbeschmutzung. Eine Kritik derer, die kritisieren, scheint erst gar nicht vorgesehen zu sein oder wird unter Begriffen wie “Institutional Critique” gleich mit einem Zaun umgeben.

Ich habe mit seiner Entstehung 1992 THE THING als einen Versuch und ein Werkzeug angesehen, die absonderliche Teilung von Kunstausübung und Kunstkritik zu überwinden. Und zwar von Seiten der KünstlerInnen her.

Dass diese Überwindung auch theoretisch geboten ist, macht ein Zitat von Michael Lingner deutlich:

“Wie das Wirtschaftssystem nicht von Waren, sondern von Zahlungen lebt und das Rechtssystem sich nicht auf Gerichte, sondern auf normative Erwartungen stützt, so besteht nach Luhmann auch das Kunstsystem aus besonderen Kommunikationen. Diese haben den Charakter von Ereignissen und nicht von Objekten, denen dann die Funktion zukommt, Kommunikation zu initiieren, in Gang zu halten und ihr einen gemeinsamen Bezugspunkt zu geben. Sie organisieren die Beteiligung an der Kommunikation, reduzieren deren Beliebigkeit und regulieren die Erwartungen der Kommunikationsteilnehmer.”

Als 1995 sich einzelne THING-Knoten ins Internet begaben, war das erste Projekt von Verena Kuni und mir inter.zin, eine Sammelstelle von Meinungen. Mit dem Begriff “Meinungen” sollte bewusst der zum Elitären neigende Anspruch von “Kritik” untergraben werden. “Meinungen”, dachte ich, sollte doch jede/r haben.

Damit war auch schon die bis heute andauernde Idee von THE THING Frankfurt in die Welt gesetzt, jede/r sollte sich beteiligen können. Seitdem besteht immer noch der Anspruch größtmöglicher Offenheit. Zugangsbeschränkungen technischer Art sollten möglichst vermieden werden. Leider bringen Hacker und Spammer mich dazu, immer neue Hindernisse einzubauen. Das macht mich traurig.

Wenn man sich heute THE THING Frankfurt ansieht, so zeigt sich, dass die Beteiligung der UserInnen nicht in allen Bereichen gleich rege ist. Mailingliste, Fotogalerie und Eventkalender werden am stärksten genutzt. Dagegen findet sich in Abschnitten der “klassischen” Kritik immer wieder nur mein Kürzel “stbeck”.

Wenn ich weiterhin “kritische” Artikel veröffentliche, dann in der Absicht ein Beispiel zu geben, das andere anregen könnte, ebenso zu verfahren. Mir ist wichtig zu betonen, dass ich immer als Künstler schreibe und dies als wesentlichen Teil meines Berufes begreife. Deswegen wende ich mich auch nicht an institutionalisierte Publikationen der Kunstkritik, wie Texte zur Kunst.

Oft wird das dahingehend missverstanden, dass andere mich meiner kritischen Meinung wegen auffordern, diesen oder jenen Missstand anzuprangern. Dem gebe ich in der Regel nicht nach. Ich mag kein Stellvertreter in der Sache sein, bloß in der Form.

THE THING Frankfurt steht für die Idee, dass es wichtig und lohnenswert ist, selbst zu denken und dies nicht anderen zu überlassen.

Proust paraphrasierend ließe sich das auch so formulieren: Gefährlich wird die Kritik, wenn sie, statt uns für das persönliche Leben des Geistes wach zu machen, versucht, sich an dessen Stelle zu setzen; wenn die Wahrheit uns nicht mehr als ein Ideal erscheint, das wir nur durch das innere Fortschreiten unseres Denkens verwirklichen können, sondern als etwas Materielles, das in der Kritik abgelagert ist, wie ein von anderen fertig zubereiteter Honig, den wir nur passiv zu verzehren brauchen.

Kommentar [1]
Detlev Fischer schrieb am 24.11.2006 21:20

Lieber Stefan, das ist nachvollziehbar. Mich interessiert, wie eine Form das kritische Moment und noch ein anderes Moment (was nicht in erster Linie *reagiert*, also suchend oder blind agiert) bindet bzw. vermittelt. Die Formel "Kunst gleich Kritik" (und nicht mehr als das) bedeutet eben auch eine völlige Abhängigkeit vom Kritisierten, von dem Stoff, den die Kritik zerreisst. Darin ist diese Formel dann der Sekundärkritik sehr ähnlich, dass sie ohne das "Primäre" (das müssen keine Gegenstände sein) nichts mehr zu tun hätte, ausser, sie wende sich am Ende den eigenen Verfahren und Vorfahren zu und zerreisse sich selbst.

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