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Kommentar [1]
30. August 2007

Hannover, Niedersachsen

von Herbert Hossmann

»Made in Germany« – Sprengel Museum, Kunstverein und Kestner Gesellschaft

Arno Schmidts Diktum beherzigend, der aus seinem Domizil in Bargfeld bei Celle ein Reiseangebot nach New York mit der Bemerkung zurückgewiesen hat: „Was soll ich in New York, liegt doch Hannover vor meiner Haustür“, habe ich mich letzten Freitag spontan entschlossen, mir einen Tag frei zu, um zu einem Besuch der Ausstellung »Made in Germany« nach Hannover zu fahren. Mit meiner Bahncard kostete mich die Reise von Celle aus 3,95 Euro und in weniger als 20 Minuten war ich am Ziel. Nach kurzem Fußmarsch erreichte ich die Kestnergesellschaft, die gemeinsam mit dem Kunstverein und dem Sprengelmuseum das Ausstellungsprojekt realisiert hat.

Auf den freundlichen Hinweis des Ticketverkäufers, bei Vorlage einer Bahncard bräuchte ich nur den reduzierten Eintrittspreis von 8 Euro für alle drei Orte zu zahlen, geriet ich ins Grübeln. Ist Bahn fahren eine derartige Belastung (physisch, psychisch und finanziell), dass die Bahnfahrer den Schülern, Studenten, Künstlern, Hartz IV Empfängern, Schwerbehinderten, Rentnern etc. gleichgestellt werden müssen? Dann müsste der Nachweis, zu den derart Benachteiligten zu gehören, doch durch Vorlage einer Bahnfahrkarte ausreichen. Oder sponsort die Bahn das Ausstellungsprojekt? Warum taucht die Bahn dann nicht in der Liste Sponsoren auf? Besteht ein Zusammenhang mit dem Streik der Lokführer? In jedem Fall verlieren die Ausstellungsorte durch diese Ermäßigung für Bahncard-Besitzer Einnahmen von mehreren Zehntausend Euro und es bleibt fraglich, wer oder was sie dafür kompensiert.

Egal, ich will mich auf die Ausstellung(en) und den Fragen, die sich mir dort stellen konzentrieren.

Die Ausgangsposition der Ausstellung ist das Versprechen, die jüngere und in Deutschland arbeitende Künstlergeneration zu zeigen. Glaubt man der Ausstellung, die den Anspruch hat, “in Deutschland Gemachtes zu zeigen”, dann wird neue (junge) Kunst beinah ausschließlich in Berlin produziert. Von den 52 KünstlerInnen leben und arbeiten 40 in Berlin, 4 in München, je 2 in Düsseldorf und Hamburg (Peter Piller und Jeanne Faust), je eine(r) in Leipzig, Frankfurt, Köln und Hannover. Ich frage mich, ob Peripherie und Provinz wirklich keine Rolle mehr spielen. Können die übrigen Städte trotz renommierter Ausbildungsstätten /Kunsthochschulen den künstlerischen Nachwuchs nicht mehr im Ort halten? Ist es mittlerweile gar ein Karrierehindernis, als Arbeitsort nicht Berlin in der Biografie angeben zu können?

Dann fällt auf, dass fast alle KünstlerInnen (wobei jüngere Generation von Jahrgang 1961 bis 1979 reicht) von den den Kunstmarkt beherrschenden Galerien und Sammlern vertreten werden (u.a. Hauser & Wirth oder Falckenberg). Allerdings präsentieren diese Galerien ihre kaum oder noch nicht bekannten Künstler (Die Küken werden auf den Markt geworfen). Die so genannten (auch jungen) Stars der deutschen Kunst, die ebenfalls von diesen Galerien vertreten werden, fehlen. Der Verdacht drängt sich auf, dass bei der Auswahl mehr die Galerien, als die Kuratoren tätig waren. Das wäre auch eine Begründung dafür, dass es keine Überschneidungen mit der Künstlerliste der d12 (übrigens auch mit der von Projekt Skulptur) gibt. Die documenta rühmt sich bekanntermaßen, außerhalb des Galeriebetriebs und Kunstmarktes ihre Künstlerauswahl getroffen zu haben. Ist dann »Made in Germany« die Antwort der Galerien auf die documenta, die ihre „Mithilfe“ verschmäht hat und die nun die Chance nutzen, „ihre“ KünstlerInnen repräsentativ dem international angereisten Fachpublikum zu präsentieren?

Da es kein inhaltliches Konzept gibt – außer dem, „die jüngere Künstlergeneration zu zeigen“, – wird es den Besuchern leicht gemacht, durch die Ausstellungen einfach nur zu flanieren. Sie gleichen sich in ihrer Beliebigkeit: Hier einige Bilder, dort ein Dutzend Zeichnungen, dann eine Skulptur, eine Rauminstallation, dazwischen eine Fotoserie, schließlich der verdunkelte Raum mit der Videoinstallation. Es wird nicht eine künstlerische Fragestellung formuliert oder in unterschiedlichen Ansätzen zugespitzt, geschweige denn diskutiert. Weitgehend wird auch auf jede „politische“ Aussagen und Stellungnahmen verzichtet. Das meiste ist l'art pour l'art. Auch dies weist eine verblüffende Ähnlichkeit mit der documenta auf. „Wir haben ausschließlich auf Qualität geachtet,“ heißt es in der Selbstdarstellung. Dann ist das sicherlich auch der Grund für den Erfolg. Denn mehr als 60.000 Besucher sind in der Ausstellung gezählt worden.

Wenn es spektakulär (und politisch) zugehen soll, wie bei der Arbeit „The new Breed“ von Thomas Zipp in der Kestnergesellschaft – jedenfalls unterstelle ich dies der Arbeit – bekommen Präsentation und Sinndeutung kabarettistische Züge. So liest man im Ausstellungsführer „Thomas Zipps Ensemble nimmt Bezug auf die Topoi des Modernismus und Futurismus. Im Zentrum steht eine Skulptur, ein nachträglich dunkelbraun lackiertes Feuerwehrfahrzeug aus der ehemaligen DDR mit einer versilberten Büste Kleopatras VII. im hinteren Wagenteil, der gleichzeitig sieben weißen Hühnern als Behausung dient. Die um den Fetisch der Büste versammelten Tiere bilden ein Ökosystem, das metaphorisch die Verbindung zwischen Mensch, Macht und Naturwissenschaft herstellt“. Kein Wunder, dass sich auf diese Arbeit die Medien gestürzt haben. Der Fernsehbericht über die Ausstellung beschränkte sich darauf, den Kopf einer jungen Kuratorin zu zeigen, die aus dem „hinteren Wagenteil“ heraus guckt, um uns mitzuteilen, dass es den Hühnern gut geht und sie jeden Tag zwei Eier legen.

Gefallen haben mir die Videoinstallationen von Astrid Nippold, Julian Rosefeld und Candice Breitz (alle drei im Kunstverein). Bei allen dreien verblüfft die parallele Erzählweise, deren unterscheidliche Konzeptionen gut durchdacht und technscih perfekt umgesetzt waren. Bei Candice Breitz werden 20 Einzelpersonen gefilmt, die jeweils den selben Robby-Williams-Song singen. Sie spielen dabei alle möglichen und unmöglichen Rollenklischees durch, jede und jeder wird zum Popstar, gleichzeitig finden sie sich in der Videopräsentation zu einem vielstimmigen Chor zusammen. Astrid Nippold zeichnet in einer dreiteiligen Videoarbeit auf unterschiedlichen im Raum verteilten Projektionsflächen (einem normalen Fernsehbildschirm, einer Beamer Projektion und einem Film) in kurzen Sequenzen dichte Athmosphären der Zeit nach dem Zusammenbruch des Sozialismus nach: in einem Volkspark in Litauen, vor einem Lenindenkmal und einem Waldstück. Und Julian Rosefeld spielt in einer üppigen theatralischen (barocken) Inszenierung eine Handlung, die parallel dazu in ihrer Spiegelung chaotisiert wird. Die Qualität dieser Arbeiten habe ich in den letzten Jahren nur selten in Ausstellungen junger aktueller Kunst gefunden, und es hat mir viel Freude bereitet, sie anzusehen.

Beim Vergleich der Ausstellungs untereinander, fand ich die Präsentation im Sprengelmuseum katastrophal, im Kunstverein dagegen interessant und am gelungensten. Wie bei der documenta, wimmelte es auch in Hannover an allen drei Ausstellungsorten von Besuchern. Vielleicht war es Zufall, aber mir ist die große Zahl junger Frauen aufgefallen, die sich intensiv mit den Kunstwerken auseinander setzten. Junge deutsche Kunst wird in Berlin gemacht und von Frauen rezipiert. Vielleicht ist das eine erste Erkenntnis meines Ausflugs…

Der Katalog ist sehr gut und informativ, wesentlich besser als die Ausstellung. Das jedenfalls unterscheidet die documenta deutlich von »Made in Germany«. Man sollte ihn nicht ohne den Ausstellungsführer kaufen. Denn er zeigt jedes einzelne Werks in der Ausstellung und liefert zu jedem Werk eine erläuternde Beschreibung, während der Katalog die einzelnen Künstler ausführlich vorstellt). Anders als der Katalog ist der Ausstellungsführer – wohl aus Zeitmangel – schlampig lektoriert. So heißt es beispielsweise zur Arbeit von Fernando Bryce: „Ein kleiner bronzener aufgesockelter Elefant ist auf zwei Büchern von Oswald Spengler („Die Dekadenz des Okzidents“) aufgesockelt, kehrt uns seine Seite zu und schaut dabei mit erhobenen Rüssel in die benachbarte Halle 2.“ Unabhängig von der putzigen Beschreibung (Warum schaut der Elephant bloß in Raum 2, welchen Gerüchen folgt sein Rüssel ?) sollte eine Kuratorin wissen, dass es sich bei dem Buch um Spenglers „Untergang des Abendlandes“ handelt, des in der Weimarer Republik meist diskutierten kulturphilosophischen Geschichtswerks. Ein Blick auf den Buchrücken der „aufgesockelten Plastik“ hätte genügt.

Nach fünf Stunden Aufenthalt stand ich wieder im Menschengetümmel auf dem Hannoverschen Bahnhof. Die Bahnhöfe in München, Frankfurt oder Hamburg (geschweige Berlin) sind dagegen ruhige Orte. Ich denke an den Massenmörder Fritz Haarmann, der Anfang der 20ziger Jahre aus dem Gewimmel des Hauptbahnhofs seine Opfer suchte, etwa 30 junge Männer, die er mit einem Biss in den Hals tötete und dann zerstückelte (»Warte warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Leberwurst aus Dir«) und an Theodor Lessing, den jüdischen Philosophen, der an der damaligen Technischen Universität lehrte und der heute vor 74 Jahren nach einem Mordanschlag gedungener Nazischergen in Marienbad gestorben ist. In seinem Buch »Haarmann, Geschichte eines Werwolfs« schildert er den Prozess gegen den Serienmörder, an dem er teilgenommen hatte, und leitete seinen Bericht mit einer großartigen Sozialanalyse des Umfeldes des Hannoverschen Hauptbahnhofs ein, dem Ort, der das Verbrechen erst ermöglichte.

Hannover ehrt Theodor Lessing schräg gegenüber des Kunstvereins mit einem Theodor Lessing Platz und an der Peripherie mit einem Theodor Lessing Weg. Die vom ASTA der Universität  Hannover geforderte Umbenennung in Theodor Lessing Universität wurde 2005 abgelehnt. Aber auch Heinrich Heine in Düsseldorf und Carl von Ossietzky in Osnabrück mussten lange warten, bevor ihnen die gebührende Ehre einer Universitäts-Benennung erwiesen wurde.

Zurückgekehrt in Celle fühlte ich mich wie nach einem verzappten Fernsehabend. Dies Gefühl entsprach genau dem nach dem Besuch der documenta. Ich fürchte, meine Erinnerungen an Kassel und Hannover unterscheiden sich nur darin, dass es in Kassel geregnet hat, während in Hannover herrlicher Sonnenschein war.


Kommentar [1]
Nana schrieb am 06.09.2007 14:38

Wenn Sie das alles so genau beobachtet haben (sehr wichtig bestimmt die Überlegungen zur Ermäßigung per Bahncard) und den falshcen Buchtitel korrigieren, dann hätten Sie auch sehen und hören können, dass die Arbeit von Candice Breitz "King (A Portrait of Michael Jackson)" heißt und dass das alles andere als Songs von Robby Williams sein können.

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