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5. Dezember 2007

»petit«. Tonia Kudrass’ Arbeit an Groß und Klein im Künstlerhaus einseins

von Wiebke Johannsen

Die Ausstellung »petit« von Tonia Kudrass arbeitete mit einer Werbefigur, die auf Aral-Tankstellen-Dächern stand: einem aufblasbaren Becher mit der Aufschrift »petit bistro«. Wiebke Johannsen spricht dementsprechend über die Raststätte und das Erhabene im Aufblasen.1. Das Wahre oder InflatableWahr ist, dass das Prinzip Aufblasen uns umgibt und Bewegung und Nicht-Bewegung in einem Hauch, einem Luftzug umfasst.
Wahr ist, dass wir umgeben sind von Menschentypen, die wir als aufgeblasen oder mit einem inflationierten Ego ausgestattet bezeichnen. Diese Menschen zeichnen sich durch Ausdehnungs- und Verbreitungsdrang aus, sie sind in Oberschicht und Medien daheim. (Wer sich hingegen körperlich ausdehnt, adipös, dt. übergewichtig ist, verfällt der gesellschaftlichen Ächtung und Unterschichts-Klassifizierung.)
Wahr ist, dass das Prinzip Inflare, deutsch anschwellen lassen, aufblasen keine Grenzen kennt. Es ist wahr, dass bei der Inflation – von schleichend bis galoppierend – diesem anhaltenden Anstieg des Preispegels, die Ursachen und dementsprechend die Begrenzungsmaßnahmen strittig sind. Unstrittig die krisenhaften Folgen. Die Flucht in Gold oder Zigaretten.



Halten wir uns an das Sichtbare: Die Grenzen des Materials gelten für Ballons, Schlauchboote, Luftmatratzen. Die beiden letzten, früher aus Weichgummi und z.B. von Phönix, kaum noch erhalten, zerfallen, zerbröselt, dienen luftgefüllt der Wasserfortbewegung oder doch eher, die »Luma«, dem Ruhen, Treiben, Verweilen.
Heute hat man selbstaufblasbare Iso-Matten, Prinzip Zeit- und Kraft-Ersparnis. Es stärkt die Dinge und ihren Eigen-Sinn.

Ein großer fauchender mit heißer Luft gefüllter Ballon, unter dem eine Gondel mit Menschen hängt: Die Luftschiffer waren die ersten, die die Erde verließen, Grenzen passierten, quasi die Luft aus den Menschen herausließen. Ihr Fliegen ist Schwimmen.

Nicht minder poetisch die Herkunft des Wortes Pneu, veraltet für Luftreifen, die das Reisen sanfter und schneller werden ließen. Pneu aus griechisch Hauch, Atem, Geist. Im Stau ist das Prinzip Mobilität dank Luftfüllung (und Emmission) ans Ende gekommen.

Dauer und Mobilität, Ewigkeitsanspruch und Flexibilität vermählen sich in der brit. »Inflatable Church«, aufgeblasen in über 30 Ländern. Gotisch die Form, aufblasbar vom Kirchenfenster bis zum Engel kann in ihr Hochzeit gefeiert werden – »inflatable church brings new meaning to the mobile wedding«. Möge alles dauern - und doch auch mehr werden!
2. Das Gute

Das Gute ist die Rettung, die Rast, die Einkehr.
Das Gute ist das Gemüt, das Gerundete, die Höhle.
Das Gute ist drinnen, sind Füße unter einem Tisch und ein Bohnenkaffee darauf, ein Knacken im Ofen und Mutter schneidet den Laib Brot vor der Brust.
Die Räuber haben sich in die Wälder zurückgezogen, der Achsbruch geschah kurz vor dem Ausspann, dem Gasthof, der Raststätte. Die gestürzte Postkutsche wurde nicht geplündert.
Durchnässt und erschrocken waren die Reisenden dennoch.

Das Gute ist, dass man anhalten kann. Innehalten. Neuerdings gern: Entschleunigen. Reisende sind arme Wesen, elend ausgesetzt - es sei denn, sie reisen im Caravan. Der Unterkunft auf Zeit kommt eine immense Bedeutung zu, Fremdenzimmer, Gästezimmer, Pension, Taverne, Herberge, Gasthöfe, Restaurants, Imbisse, Garküchen, System-Gastronomie. Nicht immer ist das ein Genuss. Die diese Lokale betrieben, waren oft verachtete Leute.

Von der großen Stadt und der schnellen Straße in das Kleine Lokal, das »Petit Bistro«, von weitem haben wir das aufblasbare Wirtshausschild gesehen, haben über den Schaum gestaunt, Schaum, echter weißer Schaum, der krönt den Flutsaum, die See, allesamt größere Verheiszungen. Schaum, Gischt, Wolkenberge. Portioniert krönen sie Bier und Kaffee, nein, Kaffeespezialitäten.
Der Name des Lokals, einer Tankstellen-Tochter, verheißt qualitativ höherwertige als deutsche gastgeberische Qualitäten, klein für schön und Kindchenschema. Und Bistro als beispiellos erfolgreiches Missverständnis und Einverständnis: denn »Bistro«, »Bistro« (mit Betonung auf der ersten Silbe) war es, was die russische Kavallerie rief bei der Einnahme von Paris nach Napoleons Niederlage. Das heißt schnell-schnell, denn die Soldaten litten Hunger (und die Armee ernährt sich aus dem Land). Aus Rasch mach Rast.
Und wenn wir ein »Petit Bistro« aufsuchen und die Augen offen halten, sehen wir gemächlich schreitend, zeitreich auch viele Immobile und Immobilisierte, Männer und Frauen in Kinder- und Sportkleidung, die weder Kind sind, noch Sport treiben, Mühselige und Beladene, Beraubte und Müde, nicht Kraftfahrer und nicht Siegende, Anwohner der Verbindungsstraßen, die hier zu allen Tag- und Nacht-Zeiten einkehren, um berauschende Getränke in ihr Heim zu schleppen.


3. Das Schöne
Was nun ist das Schöne? Das Schöne ist die Freiheit der Verhältnisse.
Im Guten wird aus schnell Stop, verweilt die Zeit und im Schönen erweitert sich dies Kipp-Prinzip ins Räumliche. Nichts ist mehr gebunden, alles begegnet und paart sich neu. Das Kleine wird groß, das Große ist klein.

Schön ist das freilich nur manchmal, weshalb die Meisten es eher halten mit dem Guten und dem Wahren, am meisten jedoch mit dem unerwähnten Billigen.
Das Schöne verweist in einigen seiner Varietäten auf die Kleinheit des Menschen, wir nennen das Schöne dann das Erhabene. Groß werden unsere Augen vor dem Großglockner, der Kathedrale, der Sahara. Schneiden wir das Erhabene aus dem Prospekt heraus, kleben es in ein Rabattmarkenheft oder die Tapete, findet es prompt jemand nicht schön und nicht erhaben. Fototapeten gibt es übrigens gerade im Plus-Supermarkt zu kaufen. Inflationierte Schönheit kippt ins Grauen. Wiedergänger lauern überall.
Rar muss das Schöne sich machen, damit wir es unbewaffneten Auges erkennen.

Schön ist der Wind in den Weiden, die Vorstellung oder die Tatsache, dass ein höheres Wesen – groß/ klein – uns einst den göttlichen Odem einblies, und daher ist auch die Verkleinerung schön: ein Gebläse haucht Leben in ein Gefäß. Wir werden zwergenklein davor, müssten eigentlich Angst spüren und nach Fluchtwegen Ausschau halten. Das Schöne ist ein Widersacher des Guten und Wahren, ganz klein und handlich und bestimmt aus den Regalen des Petit Bistro ist der »Schöne Tag noch!«, der unentrinnbar und wie ein Fluch den Reisenden oder anders Elenden aufgebürdet wird. Es verbietet sich die Frage, was das sei, wo es zu haben, ja, worin die Vorstellung des anderen vom Schönen Tag hinziele, da vermutlich nicht einmal in punkto gegenständlicher Welt Einigkeit zu erzielen wäre. Aber groß ist es wohl, das Schöne, das ist wahr. Und das kleine ist gut – womit wir nun alles geklärt hätten.



[1] Tonia Kudrass, »petit«, Ausstellung vom 10.-17.11. im Künstlerhaus einseins am Lübbesmeyerweg 11 in Hamburg-Osdorf.

Fotos: Thomas Stordel

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