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3. Februar 2008

»Da geht es doch um moderne Kunst, da passen wir nicht rein«

Von Kea Wienand

Die Kunstvermittlung der d12 wollte kein einseitiger Wissenstransfer sein und sprach die Einladung an das Publikum aus, sich ‚einzubringen’. (1, 2) Vermittlung von Kunst sollte sich nicht in einem monologischen Erklären erschöpfen, sondern zu einem Austausch von Wissen führen. Teil des Kunstvermittlungskonzepts der d12 war außerdem, die dialogische Kompetenz dafür zu nutzen, neben den zweistündigen ‚Führungen’ auch weitere Vermittlungsformate für ‚Extra Eingeladene’ zu realisieren. Das heißt, eingeladen wurden neben dem zahlenden und obligatorischen Publikum auch Gruppen mit ‚speziellen Interessen’ und spezifischen Wissenshintergründen.




Abb. 1,2

In diesem Kontext organisierte ich einen Dialog mit einer Gruppe von sogenannten russlanddeutschen Frauen. Als Ergebnis veröffentlichten wir am Ende der documenta collagierte Zitate aus diesem Dialog als Broschüre. (3) Rückblickend stellen sich nun viele Fragen: In welcher Hinsicht und für wen war das Projekt erfolgreich? War unser Vorgehen überhaupt ein Dialog? Was kann ein solches Projekt ‚leisten’? Wo gab es Schwierigkeiten und Ambivalenzen, und wie sind die Beteiligten damit umgegangen? Im Folgenden will ich daher über das von mir initiierte Kunstvermittlungs-Projekt nicht nur berichten, sondern es auch kritisch reflektieren und befragen.
Was tun? – Wen einladen?Die Frage ‚Was tun?’ – bekanntermaßen das dritte Leitmotiv der documenta 12 und dem Thema ‚Bildung’ gewidmet – stellte sich für uns VermittlerInnen zunächst konkret als: Wen auf die documenta einladen und warum? Und vor allem: Wer oder was können eigentlich Gruppen mit ‚speziellen Interessen’ und ‚Wissenshintergründen’ sein? Die Idee war so offen wie ihre Formulierung und die Optionen, die die einzelnen VermittlerInnen in dieser sahen, entsprechend vielfältig. (4)

Zu dem Zeitpunkt, als es galt, die Einladungen auszusprechen und die Konzepte bei Stiftungen einzureichen, waren uns VermittlerInnen die documenta 12 und ihre künstlerischen Arbeiten nur in Ansätzen bekannt. Ich ging daher in der Skizzierung meines Projekts in erster Linie von den Bedingungen der Stadt Kassel sowie einem eigenen Interesse aus, in der Vermutung, dass sich Verknüpfungspunkte auf der documenta finden würden.

Ayse Gülec hatte als Sprecherin des Beirats uns die Stadt Kassel vorgestellt und berichtet, dass in Kassel viele sogenannte Russlanddeutsche leben. Über die Geschichte(n) und Situation dieser aus den ehemaligen Sowjetrepubliken eingewanderten Deutschen wusste ich nur wenig. Zwar hatte ich mich aus postkolonial-theoretischer Perspektive kritisch mit dem deutschen Nationenkonzept und mit Debatten um Migration in Deutschland auseinandergesetzt, die Geschichte und Situation der als russlanddeutsch bezeichneten Menschen waren mir dabei jedoch selten untergekommen. Gerade an ihrer Position lassen sich jedoch zentrale Elemente des Nationenkonzeptes und Effekte von Migration verdeutlichen: Von der deutschen Dominanzgesellschaft als ‚Russen’ bezeichnet, in der Sowjetunion bzw. deren ehemaligen Republiken als ‚Deutsche’ signifiziert, wird nicht nur die diskursive Konstruiertheit von Nation, sondern auch der mit Ein- und Ausschlüssen regulierte Zugang zu ihr erkennbar. In Anlehnung an Homi K. Bhabha kann diese Position des ‚dazwischen’, in der sie leben, als die eines nationalen ‚Zwischenraums’ bezeichnet werden. (5) Bhabha beschreibt damit den Raum von MigrantInnen und zugewanderten Menschen, die zwar in der Gesellschaft marginalisiert, aber dennoch handlungsfähig sind.

Anknüpfend an diesen Ansatz interessierten mich an dem ‚Zwischenraum’ der Russlanddeutschen nicht nur die historische(n) Geschichte(n), sondern auch der Umgang mit und das Leben in diesem. Die erweiterte Form der Kunstvermittlung schien mir als Möglichkeit, mit diesen Menschen und ihrem spezifischen Wissen in einen Austausch zu kommen. Ich entschied mich dazu, ausschließlich Frauen einzuladen, weil die spezifische Situation von Frauen in solchen ‚Zwischenräumen’ meist einer zusätzlichen Unsichtbarkeit unterliegt. (6) Ich suchte also russlanddeutsche Frauen, die bereit waren, mir von ihrer Geschichte und ihrer Lebensrealität zu erzählen. Um den Wissenstransfer nicht einseitig zu lassen, wollte ich den Frauen als Gegenleistung anbieten, sie auf die documenta einzuladen.




Abb.3, 4
Kunstvermittlung als HerausforderungIn dem Ansatz erweiterter Kunstvermittlung der documenta 12 reizte mich insbesondere die Möglichkeit, die Institutionen der Kunst selbst herauszufordern, indem Menschen eingeladen und Themen diskutiert werden, die von dieser Institution sonst häufig ignoriert werden und ausgeschlossen bleiben. Schwierig war an diesem Vorhaben jedoch, dass die Einladung der Ausgeschlossenen diese als solche zunächst auch selbst entwarf und ihre Marginalisierung damit auch fortschrieb. Indem ich die Frauen also als aus dominanten Diskursen Ausgeschlossene und Marginalisierte bezeichnete, verstärkte ich diese Positionierung letztlich auch. Schon in der Formulierung des Konzepts meines Projekts befand ich mich also in einem Paradox, vergleichbar mit dem von Identitätspolitiken, die einerseits daran arbeiten, minorisierte Subjekte und ihre spezifischen Erfahrungen zu repräsentieren, andererseits auch Gefahr laufen, in ihrer Benennung der Subjekte diese weiter als Gruppe zu homogenisieren und zu marginalisieren.

Konfrontiert mit diesem letztlich nicht aufzulösenden Paradox in der Repräsentation galt es, nach Strategien zu suchen, die ausgrenzende Strukturen aufdecken, anstelle selbst in diesen verfangen zu bleiben. Ein bloßes Benennen von historischen und strukturellen Bedingungen von Ausschlüssen ist keine Garantie dafür, dass die ‚Stimmen’ der Ausgeschlossenen gehört werden. Das Ignorieren der Ausgeschlossenen würde den hegemonialen Diskurs allerdings erst recht weiter führen.
Mir ging es auch nicht darum, in einer paternalistischen Geste den Frauen ‚eine Stimme zu geben’ oder gar für sie zu sprechen, sondern mein Interesse war es, ein Angebot des Austauschs an jene zu machen, die nicht bzw. selten gehört werden. (7) Die Frauen hatten eine Stimme – nur wer hörte sie? In erster Linie wollte ich diese Stimme hören und von den Frauen lernen.

Die Formulierung, von den Frauen lernen zu wollen oder Menschen mit einem Wissen einzuladen, das auf der documenta nicht existiert, rückt das Projekt zwar von einer paternalistischen Geste ab, birgt aber die Gefahr, die Marginalisierten – im Zuge der gelobten Vielfältigkeit – durch Wissensaneignung auszubeuten. Die Institution würde somit bereichert werden, ohne dass die ‚Extra-Eingeladenen’ dafür entlohnt werden (was immer das auch heißen könnte). Es konnte also nicht darum gehen, möglichst billig an ein alternatives Wissen zu kommen und sich damit auch noch den Anschein der Offenheit zu geben. Mir stellte sich daher insbesondere die Frage, was für ein Interesse die Gruppe selbst an dem Projekt und an der documenta haben könnte und wie es sich auch für sie produktiv gestalten würde. Meine Überlegung war daher, ob die Frauen ein Interesse haben könnten, die documenta als Plattform zur Sichtbarmachung ihrer Geschichte(n) und Situationen zu nutzen, beispielsweise in Form einer Broschüre, die auf der documenta verteilt werden könnte.

Da mir klar war, dass das oben skizzierte Paradox so einfach nicht zu lösen war, ging es mir insbesondere darum, mit den Frauen eine Form zu finden, die die genannten Problematiken und Widersprüche mitdenkt und zu durchkreuzen versucht. Meine Vermutung, dass die Frauen eigene Strategien hatten, sich diskriminierenden und festschreibenden Mechanismen zu widersetzen und dass sie eigene Umgangsformen mit identitären Zuschreibungen gefunden hatten, die einer bloß marginalisierenden Sichtweise widersprechen, sollte sich bestätigen. Auch in dieser Hinsicht konnte ich von ihnen lernen.
„Da geht es doch um moderne Kunst, ich denke mal, da passen wir nicht rein“Über die erste Hürde, eine Gruppe von russlanddeutschen Frauen zu finden, die bereit waren, sich mit mir auf einen Dialog einzulassen, half mir der Beirat der documenta 12 in Person von Gerhard Hochhuth hinweg. Als Pfarrer der evangelischen Gemeinde Waldau hatte er die Begegnungsstätte ‚Samowar’ für sogenannte Spätaussiedler und Einheimische in Kassel/Waldau initiiert. Er stellte einen Kontakt zwischen mir und einigen im Zentrum aktiven Frauen her, und so konnte ich für mein Projekt Werbung machen. Die acht Frauen, die sich daraufhin meldeten, kamen aus dem Umfeld dieser Institution. Sie waren fast alle in den 1950er Jahren geboren und in sozialen und politischen Aktivitäten erfahren. (8)

Obwohl die Frauen die Geschichte der in Russland geborenen Deutschen bekannt machen wollten, bezweifelten sie, dass die documenta dafür der richtige Ort sei „Na, ich denke mal, da geht es um zeitgenössische Kunst, da passen wir nicht rein“ – war eine erste Reaktion auf meinen Projektvorschlag. In der Formulierung wird deutlich, dass weniger die Befürchtung bestand, über Kunst nichts sagen zu können, als das die Erfahrung dominierte, von solchen Diskursen ausgeschlossen zu sein. Konnte ich den Frauen wirklich versprechen, dass das hier nicht so war? Auch bezüglich der Durchführung hatten die Frauen ihre Zweifel: mangelnde Zeit war ein Problem, und außerdem meinten sie, auf Deutsch nicht richtig schreiben zu können und nicht perfekt zu sprechen.
Ich versuchte die Zweifel der Frauen zumindest teilweise zu beseitigen und bot an, aufzuschreiben, was sie erzählen. Außerdem schlug ich vor, auszuprobieren, ob es möglich sei, Kunstwerke der documenta zum Ausgangspunkt für ihre Erzählungen zu nehmen. Die Entscheidung zu diesem Ablauf wirkt im nachhinein fast bevormundend. Ich hatte auch vorgehabt, die Vorgehensweise mehr gemeinsam mit den Frauen zu entscheiden, aber sie entwickelten in diese Richtung keine Ideen. Warum auch hatte ich geglaubt, es sei ihre Aufgabe, dem dominanten Diskurs ihr Wissen zur Verfügung zu stellen und sich über dessen Repräsentation Gedanken zu machen? Zwei-, dreimal sagte eine der Frauen: „Wenn wir Ihnen so helfen können…“ Ich stutzte jedes Mal und ertappte mich dabei, wie ich insgeheim davon ausgegangen war, dass ich es war, die ‚half’.
VerknüpfungsversucheWährend der Dauer der documenta trafen die Frauen und ich uns regelmäßig, abwechselnd auf der Ausstellung und in den Räumen des Zentrums Samowar. Im Laufe des Projektes nahmen ca. acht Frauen daran teil, allerdings waren nur vier konstant an allen Treffen anwesend.

Bereits der erste gemeinsame Gang über die documenta zeigte, dass die Frauen – fokussiert auf ‚unser’ Thema – ohne Anregungen durch mich Kunstwerke und Ereignisse aus dem Ausstellungskontext fanden, über die sich Verknüpfungen zu ihrem Leben herstellen ließen. Anders als bei gebuchten Führungen entschieden die Frauen, welche künstlerischen Arbeiten wir uns genauer anschauten. Vor allem bei den ersten Besuchen sprachen wir überwiegend über Kunstwerke, die Anlass für Erzählungen der Frauen boten. Dann wieder gab es Situationen, in denen ich aufgefordert wurde, das Gesehene zu erklären oder die zu Gesprächen führten, die nicht direkt mit der spezifischen Situation der Frauen zusammen hingen. Mit der Frage nach Anknüpfungspunkten im Kopf ging die Gruppe wesentlich mehr von den künstlerischen Arbeiten als von den KünstlerInnen aus. Wahrscheinlich waren es auch deswegen – anders als ich es erwartet hatte – nicht vorwiegend Arbeiten von KünstlerInnen aus ehemaligen Sowjetrepubliken, die zu Berichten über die Geschichte und Situation der Russlanddeutschen führten, sondern spezifische Bilder und Eindrücke oder Materialien evozierten ihre Erzählungen.

Ein Beispiel dafür sind die Fotografien von Ahlam Shibli mit dem Titel ‚Goter’, 2003. Shiblis Fotoserie zeigt Unterkünfte von palästinensischen Beduinen; sie erinnerte einige Frauen jedoch an die Behausungen der Kasachen. So erzählte eine Frau, wie sie bei ihrer Ankunft in Kasachstan 1957 Wohnungen von Kasachen gesehen hat, die mit Gegenständen und Textilien aus der Zeit der nomadischen Lebensweise der Kasachen eingerichtet waren. An dieser Erzählung entzündete sich ein Gespräch über die Transformationsprozesse, die sich in den Traditionen der Kasachen bis heute ereignet haben, aber auch über die Kontakte, die die Frauen zu den Kasachen hatten. Ich ergänzte ihr Gespräch mit meiner Erzählung über die Fotografien von Shibli und dabei insbesondere mit einem Bericht über die Situation der palästinensischen Beduinen. Wir verglichen die Situationen, sprachen über Ähnlichkeiten und Unterschiede, letztlich auch über ‚Tradition und Moderne’ und über den Umgang mit kulturellen Differenzen.

Ein Kunstwerk, das über seine Ästhetik zu einer Erzählung der Frauen führte, war der ‚Waterfall’ von Zheng Guogu, der unter anderem aus Wachs besteht und wie ein gefrorener Wasserfall anmutet. Fast alle Gruppen, mit denen ich über die Ausstellung ging, wurden von diesem Objekt angezogen. Die Assoziation der Frauen dazu war allerdings eine spezifische: Sie zogen einen Vergleich zum Winter in Kasachstan und zu eingefrorenen überirdischen Heizungsrohren, an denen sich an lecken Stellen ähnliche Gebilde ergeben hatten. Die Frauen sprachen über die Ambivalenz dieser Objekte, die zwar wunderschön aussahen, aber gleichzeitig auf dramatische Umstände verwiesen. Meine Bericht, dass der Wachsblock aus Phantasiekalligraphien besteht, die in Wachs getaucht und übereinander gelegt wurden, war ein ganz anderer und blieb neben der Schilderung der Frauen unverbunden stehen.

Insbesondere Kunstwerke aus textilem Material und solche, die dieses abbildeten, brachten die Frauen zu Erinnerungen an die Alltagskultur in Kasachstan, in der sich die eigene deutsche mit der der Kasachen und der der Russen verschränkte. Sie erläuterten zum Beispiel anhand einer der Flaggen, die Poul Gernes als ‚Vorschläge für eine Fahne für die Europäische Gemeinschaft’, 1972-3 erstellt hatte, dass ihre Mütter in ähnlicher Weise Decken machten. Sie erklärten, dass die Zusammensetzung einzelner Flicken dem Mangel an Stoff geschuldet war, dass sie dabei aber auch eine Tradition der Russen übernommen hätten. Ich stellte zu dieser Erzählung die Verbindung zum Konzept der ‚Migration der Formen’ her, befragte die Frauen auf ihre Erfahrung mit solchen Phänomenen, und so kamen wir auch hier in ein Gespräch über das Miteinander verschiedener ethnischer Zugehörigkeiten und Herkünfte.

Die aufgeführten Anknüpfungspunkte sind nur einige Beispiele dafür, wie sich Erzählungen an Kunstwerken entzündeten und sich die spezifischen Erfahrungen der Frauen mit der documenta verknüpften.
Austausch eines spezifischen Wissens
Auf die Treffen in den Gebäuden der documenta folgten die Treffen in den Räumen des Zentrums Samowar. Bei diesen Treffen versuchte ich, die Kunstwerke oder Situationen noch mal ins Gedächtnis zu rufen, die während des Ausstellungsbesuchs Anlass zu Gesprächen gegeben hatten. Um die Gespräche fortzusetzen und zu vertiefen, brachte ich Reproduktionen der entsprechenden Kunstwerke mit und fragte direkt nach. Die sich solchermaßen entwickelnden Erzählungen und Gespräche nahmen wir auf Tonband auf. Dabei verzweigten sich die Gespräche oft assoziativ und entwickelten sich in Richtungen, die nicht direkt auf einzelne Kunstwerke zurückzuführen sind. Erst im nachhinein bemerkten wir, inwiefern auch diese Exkurse mit der documenta zusammenhingen.

Insbesondere die Reflektionen über die eigene aktuelle Lebensrealität knüpften sich weniger an einzelne Kunstwerke. Zunächst hatten alle Beteiligten den Eindruck, dass Erzählungen über die Vergangenheit unser Projekt dominieren würden. Letztlich zeigte sich jedoch, dass die Erinnerung an die Vergangenheit einen großen Einfluss auf ihr heutiges Leben und ihren Alltag hat: Zum einen durch die ihnen zugeschriebene Position als Russlanddeutsche und zum anderen durch die eigene Verortung in dieser Zugehörigkeit.

Ein Thema, an dem sich die Verbindung zur aktuellen Lebensrealität der Frauen in der Bundesrepublik Deutschland herstellte, war die Problematisierung von Sprache und Kommunikationsmöglichkeiten, die nicht nur viele Kunstwerke, sondern die Ausstellung allgemein hervorbrachte. Ich erzählte den Frauen von dem Unmut von BesucherInnen, wenn diese die von Kunstwerken verwendeten Sprachen, z.B. das Gujarati in den Tafeln von Atul Dodiya, nicht lesen und verstehen konnten. Die Frauen kannten ähnliche Reaktionen von Deutschen, beispielsweise wenn sie in der Öffentlichkeit untereinander russisch sprechen. Sie berichteten von der Angst, z.B. im Bus angesprochen und aufgrund nicht perfekter oder akzentfreier Deutschkenntnisse als ‚Ausländer’ benannt zu werden. Von dieser Erfahrung zogen sie Parallelen zu den Ängsten ihrer Eltern in Kasachstan in den 1950er Jahren, die befürchteten, durch ihre Sprache als ‚Deutsche’ identifiziert zu werden.

Sowohl in diesen Erzählungen über ihre aktuelle Lebenssituation als auch in denen über die Vergangenheit bzw. die Erinnerung an diese vermittelte sich ein spezifisches Wissen über nationale Identitätskonstruktionen. Deutlich werden in den Berichten der Frauen nicht nur die Schwierigkeiten, zu nationalen Zuschreibungen Zugang zu bekommen, sondern auch, inwiefern die erlebten Ausschlüsse als verletzend erlebt wurden. Sprache und Vorstellungen von Tradition werden dabei als Kriterien ersichtlich, die zu solchen Ein- und Ausschlüssen aus dominanten und nationalen Diskursen führen. Des weiteren vermittelten die Frauen auch ein Wissen über Praktiken und Umgangsweisen mit solchen Mechanismen und ihren Effekten und thematisierten widerständige Strategien. Dieser Handlungsaspekt wurde beispielsweise dann deutlich, wenn sie erzählten, wie sie sich auf die Prüfung vorbereiteten, nach der entschieden wurde, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten, oder wenn sie darüber berichten, wie sie ihre eigene nationale Zugehörigkeit bezeichnen.

Während des Projekts reflektierten die Frauen auch den eigenen – manchmal widersprüchlichen – Umgang mit identitären Verortungen, beispielsweise wenn sie schilderten, dass sie in Kasachstan deutsche Traditionen wenig pflegten, aber heute alte russlanddeutsche Lieder singen oder welche unscheinbaren Gegenstände heute als Erinnerungsstücke an die ‚alte Heimat’ wichtig geworden sind. So entwickelten die Frauen in ihren Erzählungen einen kritischen Blick sowohl auf eigene Annahmen als auch auf solche, die in der Gesellschaft dominieren. Dabei repräsentierten sich die Frauen zwar als marginalisierte, aber auch als handelnde und reflektierende Subjekte.
Außerdem geriet in den Gesprächen der Umgang mit kulturellen Differenzen und Zuschreibungen selbst in den Fokus, und die Möglichkeit einer respektvollen Anerkennung von Differenz wurde befragt. Solche Reflektionen stellten sich zum einen in den Berichten über die Begegnung mit und das Zusammenleben von verschiedenen ‚Ethnien’ in Kasachstan ein und ereigneten sich zum anderen auch in Erzählungen über ihr Leben in Deutschland und ihre Erfahrung, als ‚andere’ wahrgenommen zu werden.

Am Ende resümierten wir, dass sich in unserer Vorgehensweise, über Kunst ins Gespräch zu kommen, eine spezifische Möglichkeit des Wissensaustauschs ergeben hatte. Sowohl ich als Fragende als auch die Frauen als Erzählende waren zu veränderten und verschobenen Perspektiven gekommen, was wiederum zu Erzählungen führte, die von tradierten Erzählweisen und Repräsentationsformen abwichen und nicht nur andere Geschichten, sondern auch neue Reflektionen eröffneten.

Von dieser Möglichkeit inspiriert, versuchten wir die Auseinandersetzung zwischen der Kunst und dem Leben der Frauen noch weiter zu führen. Um dies nicht nur mit Worten zu tun, sondern selbst ästhetische Praxis auszuprobieren, schlug ich den beteiligten Frauen vor, per Fotokamera eigene Bilder zu erstellen. Ich bat sie, nach Motiven und Themen der documenta in ihrem Alltag zu suchen und diese zu fotografieren. Alle vier Frauen, die konstant an dem Projekt teilgenommen hatten, machten mehrere Aufnahmen. (9) Obwohl die Frauen zunächst gezögert hatten, nun noch selbst ästhetisch-künstlerisch aktiv zu werden, fanden sie in dieser Praxis eine weitere Möglichkeit der Artikulation. Zwei der Frauen nutzten die ästhetische Praxis als Reflektion über Erinnerungsgegenstände an die ‚alte Heimat’ (Abb. 1-4), die anderen beiden thematisierten Geburt und Alter (Abb. 5-9) und auch dem Blumenmotiv wurde weiter nach gegangen (Abb. 10/11). Von den vielfältigen und aussagekräftigen Ergebnissen waren alle Beteiligten begeistert. Diese Vorgehensweise trug nicht nur dazu bei, Bildmaterial zu produzieren, sondern stellte der Dominanz der rein sprachlichen Äußerungen eine Form der künstlerischen Bedeutungsproduktion entgegen.





Abb. 5-9
Aber war es auch ein Dialog?Das Anliegen der Kunstvermittlung der documenta 12 war es ja, nicht in monologischer, sondern in offen dialogischer Form Kunst zu vermitteln. Gemeint war damit, die eigene autorisierte SprecherInnenposition zu hinterfragen und destabilisierende Momente nicht nur zuzulassen, sondern auch zu provozieren. Des weiteren war es in den Projekten mit ‚Extra-Eingeladenen’ ein zentrales Vorhaben, die Menschen nicht nur zu Wort kommen zu lassen, sondern sie an dem Prozess wie an der Verantwortung dafür gleichberechtigt zu beteiligen.

Was sich so gut überlegt anhört, zeigte sich in der Praxis zwar überwiegend als erfreuliches Erlebnis, war aber nicht immer einfach umsetzbar und scheiterte an manchen Stellen. So hatten die Frauen und ich die gesamte Zeit über einen regen Austausch, den beide Seiten als gleichberechtigt wahrnahmen (den Aussagen der Beteiligten zufolge). Relativ schnell führte die gemeinsame ‚Arbeit’ zu einer Vertrautheit. Ermöglicht wurde so ein Austausch über auch intime Erfahrungen und Geschichten. Das Verhältnis, das sich zwischen den Frauen und mir dabei ergab, wechselte zwischen einer freundschaftlichen Verbundenheit und einem temporären Arbeitszusammenhang hin und her. Die Verbundenheit löste sich immer dann wieder auf, wenn die Geschichten, die die Frauen erzählten, so gänzlich verschieden von denen meiner Familie waren. Die Frauen lachten oft, auch wenn sie von traurigen und schmerzhaften Ereignissen berichteten. Aus meiner Perspektive darüber zu lachen war etwas anderes, ich war in dem Moment Unwissende, sprach bzw. lachte von einer anderen Position aus. In dieser Situation war ich sozusagen ‚außen vor’.

Dann wiederum leitete ich das Gespräch, übernahm die Funktion der Organisatorin, entschied maßgeblich, wie die Veröffentlichung unseres Projektes aussehen sollte und war dadurch in einer dominanten Position. Diese übernahm ich zum Teil selber, sie wurde mir von der Gruppe aber auch zugeschrieben. Ich war es, die bei der documenta arbeitete und auf der bzw. durch die wir das Wissen der Frauen zugänglich machen wollten. Um dennoch nicht eine Position zu beanspruchen, die behauptet, für die Frauen zu sprechen, erstellte ich die Broschüre als Textcollage aus Zitaten der Frauen und kombinierte sie mit kurzen Erklärungen aus meiner Perspektive.
Letztlich waren es auch organisatorisch pragmatische Gründe (Zeit), aus denen mir die Aufgabe der Veröffentlichung übertragen wurde.

An dieser Stelle sind auch die Unterschiede zwischen der beruflichen Situation der Frauen und meiner nicht weg zu denken – ich war es, die Geld in einem Job verdiente, für den ich studiert hatte. Und ich war es auch, die sich das Projekt in den Lebenslauf schreiben konnte. Das gestaltete sich für die Frauen ganz anders. Fast alle hatten in Kasachstan studiert (Deutsch, Lehramt oder technische Bereiche), hatten in Deutschland aber – wenn überhaupt – nur geringfügig bezahlte Jobs in Bereichen für ungelernte Tätigkeiten bekommen, und ihrem Lebenslauf brachte das Projekt vermutlich nichts.

Trotz dieser Erklärungen empfand – und empfinde ich nach wie vor – meine Position insofern als eine ambivalente, als dass ich so maßgeblich in das Projekt eingriff, obwohl ich eigentlich eine stärker gemeinsame Durchführung vorgehabt hatte. Das Unbehagen, das mir diese Ambivalenz bereitete, ergab sich vor allem auch aus der Unklarheit darüber, wer in dem Projekt eigentlich von wem was wollte und wer welche Aufgaben übernimmt. Erst im nachhinein zeigte sich für alle Beteiligten (mich eingeschlossen), welchen Gewinn sie persönlich aus diesem Projekt ‚ziehen’ konnten. Materiell gab das Projekt für die Frauen nur eine Aufwandsentschädigung her. Gleichwohl bleibt fraglich, ob eine finanzielle Vergütung das Verhältnis nicht negativ beeinflusst hätte.
Nach meiner Vermutung ist neben dem Problem der Entlohnung auch die Unklarheit der Positionen und Aufgaben nicht endgültig zu lösen; für ein weiteres Projekt würde ich jedoch überlegen, deren Verteilung von Anfang an klarer und offener zu diskutieren.

Schwierig bleibt außerdem die Distanzierung davon, wer als diejenige gilt, die das ‚Richtige’ über Kunst sagt und dazu legitimiert ist. Dass ich im Samowar meist schwieg und in den Ausstellungsgebäuden viel redete und die Frauen umgekehrt an ‚ihrem’ Ort und anhand der Reproduktionen das Gespräch dominierten, blieb einer Struktur verhaftet, die vorgibt, wer wie über Kunst sprechen darf, in welche Hierarchien diese Erzählungen eingebunden sind und wo sie stattfinden. Auch diese hartnäckige strukturelle Bedingung gilt es zu reflektieren und nach Möglichkeiten ihrer Durchkreuzung zu suchen.




Abb. 10, 11
Resümee Zu resümieren bleibt daher, dass eine veränderte Vermittlungssituation, in der nicht automatisch von einem autorisierten Wissenden ausgegangen wird, zu einem Austausch von Wissen führen kann. Dass sich dabei generierende Wissen erwies sich insofern als alternatives, als dass die erzählten Geschichten und Situationen in dominanten Diskursen nahezu unsichtbar sind und ihren Erzählerinnen selten die Gelegenheit des Sprechens eingeräumt wird. Mit diesem Wissen wurde Vorstellungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft von nationaler Zugehörigkeit widersprochen und der Zugang zu dieser wurde als macht- und gewaltvoll regulierter erkennbar. Dabei waren die Erzählungen nicht von vermeintlich gültigen Daten und Fakten bestimmt, sondern es ging um subjektive Erfahrungen, Erinnerungen und Praktiken, die zum Teil kritisch reflektiert wurden.
Kunst ergab sich dabei als ein Anlass, ins Gespräch zu kommen, aber auch als Möglichkeit, darüber die eigenen Sicht- und Erzählweisen zu verschieben.

Gezeigt hat sich in dem Projekt außerdem, an welchen Stellen sich Schwierigkeiten der Repräsentation durch die Selbstdarstellungen der Wissenden sowie ihrer Artikulationsweisen lösen lassen und an welchen Stellen weiterhin hierarchische Strukturen hartnäckig wirksam bleiben. Insbesondere im Aushandeln eines Verhältnisses zwischen Kunst, den eingeladenen BesucherInnen und der Kunstvermittlerin ergaben sich Ambivalenzen bezüglich der Zuständigkeiten und Möglichkeiten gleichberechtigter Entscheidungsfindungen. Teilweise entstanden diese Schwierigkeiten durch die Unerfahrenheit der Beteiligten mit solchen Projekten, teilweise waren sie auch den strukturellen Bedingungen (zu nennen sind hier finanzielle und zeitliche Gründe) geschuldet.

Das zunächst geäußerte Anliegen der Sichtbarmachung trat zwar mit der Zeit in den Hintergrund, aber dass das Projekt letztlich doch nur eine geringe Öffentlichkeit erreichen konnte, bleibt ein weiteres Problem. Leider wurde die Broschüre erst zum Ende der documenta fertig und konnte aus Kostengründen nur in einer kleinen Auflage gedruckt werden. Dadurch, dass ich schon während meiner Arbeit auf der documenta in vielen Vermittlungssituation über das Projekt und das gewonnene Wissen berichtete und es zusammen mit einigen der Frauen in einer Veranstaltung auf der d12 präsentierte, konnte es zumindest eine Teilöffentlichkeit erlangen. Auch über die Publikation der Broschüre auf der documenta-homepage und ihre Bekanntmachung in Artikeln wie diesem versuche ich weiter LeserInnen für das Projekt zu gewinnen. Gleichwohl muss konstatiert werden, dass das Projekt marginal blieb. Eine breitere Vermittlung hätte einen größeren finanziellen und zeitlichen Rahmen erfordert, der allen Beteiligten nicht gegeben war.

In dieser Hinsicht erweist sich der dominante Diskurs als hartnäckig ignorant gegenüber alternativen Wissensformen. Dass die Frauen mein Interesse an ihren Erzählungen lobten und am Ende des Projekts äußerten, ihnen hätte es Spaß gemacht und sie seien stolz auf das Erscheinen der Broschüre, befreit mich nicht von einer gewissen Unzufriedenheit.
Das beschriebene Projekt kann nur den Charakter eines Modellversuchs haben. Auch wenn sich sowohl Vorgehen als auch Ergebnis als produktiv erwiesen haben, braucht es für eine weniger improvisierte und stärker reflektierte Durchführung und für ein Ernstnehmen und eine Nachhaltigkeit des dabei formulierten Wissens größere zeitliche und erweiterte finanzielle Rahmenbedingungen.



(1) Mein herzlichster Dank gilt an dieser Stelle insbesondere Irma Dsivanska, Nelli Kunz, Tatjana Ruhl und Lilli Schäfer, die maßgeblich an dem Projekt beteiligt waren. Ohne ihre Bereitschaft, ihr Wissen mit mir zu teilen und ohne ihr Vertrauen, dass das Vorhaben gelingt, sowie ihre Geduld und Mühe hätte das Projekt nie realisiert werden können! Mein herzlicher Dank geht außerdem an die Heinrich-Böll-Stiftung, die das Projekt finanziell und auch ideell unterstützt hat.
(2) Vgl. das Zitat von Ulrich Schötker (Leitung Kunstvermittlung der documenta 12) auf der documenta Homepage www.documenta12.de/fuehrungen0.html (Stand: 19.12.07). Zu einer ausführlichen Darstellung des Konzepts s. den Text von Carmen Mörsch (Beratung und Begleitforschung documenta 12), „Extraeinladung. Kunstvermittlung auf der documenta 12 als kritische Praxis.“ In: Documenta Magazine No3, 2007, Education. Köln 2007, 223–225.
(3) Als PDF-Datei publiziert unter www.documenta12.de/826.html.
(4) Bei aller Euphorie über die Möglichkeiten, die die documenta 12 in dieser Hinsicht brachte, kann hier nicht unerwähnt bleiben, dass für die Vermittlungs-Projekte mit ‚Extra-Eingeladenen’ im Budget der documenta kein Geld vorhanden war, so dass wir Drittmittel einwerben mussten. Die Heinrich-Böll-Stiftung und der Fonds Soziokultur e.V. erklärten sich freundlicherweise bereit, unsere Vorhaben zu unterstützen.
(5) Homi K. Bhabha prägte in den postkolonialen Theorien den Begriff des ‚Third Space’, der unter anderem auch als ‚Zwischenraum’ übersetzt worden ist. Homi K. Bhabha: The Third Space. In: Ders., The Location of Culture. London 1994.
(6) Insbesondere Gayatri Chakravorty Spivak hat sich unter dem Titel „Can the subaltern speak“ mit dieser Frage auseinandergesetzt bzw. diese Reflektion eingefordert. Gayatri C. Spivak: Can the subaltern speak? In: Cary Nelson und Lawrence Grossberg (Hg.): Marxism and the Interpretation of Culture. Urbana 1988, S. 271–316. Eine Übersetzung des Aufsatzes von Alexander Joskowicz ist mit einem Vorwort von Hito Steyerl 2008 im Turia und Kant Verlag erschienen.
(7) In der postkolonialen Theoriediskussion hat insbesondere Gayatri Spivak diese Dilemmata diskutiert. Für eine kritische Zusammenfassung und Verortung dieser Debatte s. María Do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld 2005, hier S. 68ff.
(8) Dass sich eine altersmäßig homogene Gruppe zusammenfand, war mehreren Aspekten geschuldet. Zunächst dachte ich, dass die jüngeren Frauen sich von meinem Wunsch, etwas über die Geschichte zu hören, weniger angesprochen fühlten. Eine jüngere Frau sagte mir jedoch, sie würde zwar gerne von ihren Erfahrungen und Erinnerungen sprechen, hätte aber neben Familie und Beruf keine Zeit. Das ähnliche Alter und die ähnlichen Erfahrungen der Teilnehmerinnen führte wiederum zu einer Verbundenheit und Vertrautheit unter diesen, vermittelte vermutlich aber auch anderen möglichen Teilnehmerinnen eher den Eindruck der Abgeschlossenheit.
(9) Die Abbildungen sind im pdf-Dokument des Projekts „Wissen aus nationalen Zwischenräumen“ zu sehen (http://www.documenta12.de/826.html?&L=0).


Kommentare [4]
annegrethermann schrieb am 04.02.2008 18:04

hallo kea,

du berichtest über ein Vermittlungsprojekt im Rahmen der Documenta 12 (Ansatz „erweiterte
Kunstvermittlung"), über eins rd 20 Projekten, die sich an Gruppen mit „speziellen Interessen und Wissenshintergründen" richten. Die Gruppen wurden eingeladen, die Ausstellung mit Kunstvermittlern zu besuchen und im Anschluss mit verschiedenen „Praxisformen" auf sie zu antworten.

Das Spektrum der Gruppen reicht u.a. von stillenden Müttern, über Kinder und Jugendliche, Langzeitarbeitslosen, Wagenplatzbewohnern, „queere,, schwullesbische und trans* aktivistinnen“ aus Polen und Deutschland, russlanddeutschen Frauen, Migranten, Personen mit Migrationshintergrund, die Beziehungen zu Teppichen haben“ bis zu Menschen, „die sich beruflich oder privat mit dem konfrontiert sehen“ (siehe website documenta.Finanziert wurde die Projektarbeit von der Heinrich Böll Stiftung, nicht aus dem Documentaetat. Warum Roger Bürgel, der den Schulterschluss mit allen Kasselern versprochen hatte, Geld für diese Vermittlungsprojekte nicht rausgerückt hat, hätte ich schon gerne gewusst..

Die von dir gewählte Gesprächsgruppe (8 russlanddeutsche Frauen aus Kasachstan, darunter allerdings nur vier Frauen, die auch kontinuierlich mitgemacht haben) ist wirklich pittoresk. Darauf muss man erstmal kommen. (Au Weiwei schleppt gleich 1.011 Chinesen nach Kassel).

Warum diese Frauen „Ausgeschlossene" sind, warum ihnen die Möglichkeit gegeben wurde, die Documenta zu besuchen und welches Interesse eine Kunstwissenschaftlerin hat, mit ihnen über die Kunst der documenta zu reden, bleibt vage. Wir erfahren lediglich, das Sprechen über gemeinsam betrachtete Kunstobjekte haette Assoziationen und Erinnerungen an die russische Heimat geweckt, was nicht unbedingt verwunderlich ist, oder?.

Wer aber etwas Neues über die - auch in den vorliegenden Thing-Beiträgen harsch kritisierte - documenta 12 erfahren will, wird enttäuscht und frustriert sein. Denn weder stellst du dar, ob die Projekte der „erweiterten Kunstvermittlung" etwas (für wen?) gebracht haben, ob sie bei den Betroffenen nachhaltig etwas ausgelöst haben, ob Kunst der documenta hierzu überhaupt in der Lage oder geeignet ist.

Statt dessen lesen wir, der dir ging es nicht darum, in einer paternalistischen Geste den Frauen eine Stimme zu geben oder gar für sie zu sprechen, sondern ein Angebot an jene zu machen, die nicht bzw. selten gehört werden. „Die Frauen hatten eine Stimme – nur wer hörte
sie? In erster Linie wollte ich diese Stimme hören und von den Frauen lernen." Wenn du oder The Thing uns diese Stimmen hätte hören lassen, würde ich den Sinn deines Textes verstehen. Stattdessen höre ich deine Stimme, was mich ehrlich gesagt etwas enttäuscht und langweilt.

Annegret

Kea schrieb am 05.02.2008 18:51

Hallo Annegret,

der Hinweis auf die zahlreichen anderen Projekte der Kunstvermittlung ist richtig und wichtig! Die Frage, warum es kein Geld für diese im documenta Budget gab, kann ich nicht beantworten und müsste an R. Buergel oder die Geschäftsführung der documenta gestellt werden. Diskutieren könnte man aber auch, ob eine Finanzierung von ‚außen’ nicht auch Vorteile hat, wichtiger finde ich fast die Frage, wie hoch eine solche sein sollte und inwiefern man das Arbeitsfeld der Kunstvermittler_innen für solche Projekte weiter umstrukturieren müsste.
Warum du meine Idee pittoresk findest, verstehe ich nicht – Ai Weiweis Aktion war eine völlig andere. Mein Interesse an den Geschichten und Situationen russlanddeutscher Frauen entwickelte sich – wie beschrieben – einerseits aus meinem Unwissen über diese und andererseits aus einem Interesse an ‚nationalen Zwischenräumen’. Das spezifische Wissen der Frauen über ihre Situation kommt in dominanten Diskursen der BRD nicht vor – (auch) deshalb sind die Frauen und ihre Situation ‚marginalisiert’. Wie sie außerdem ausgeschlossen bleiben erklären sie in der Broschüre (s. Link im Text). In meinem Artikel ging es mir nicht darum, das Wissen der Frauen wieder zu geben – das macht die genannte Broschüre. Es ging mir auch nicht darum, etwas über die documenta 12 zu schreiben (Das Projekt hätte auch in Zusammenhang mit einer anderen Ausstellung durchgeführt werden können). Ziel war es, mein auf der d12 durchgeführtes Projekt kritisch zu reflektieren.
Vage bleiben musste ich in der Frage, was für einen nachhaltigen Effekt das Projekt hatte. Das von den Frauen und mir zu Beginn formulierte Ziel des Projekts war es, ihre Erzählungen zu veröffentlichen – das ist zwar gelungen, aber nur in einem beschränkten Rahmen. Ein Effekt ist außerdem, dass die Frauen im Laufe des Projekts– wie beschrieben – den eigenen Blick auf ihre Geschichte und Situation reflektiert und verschoben haben. Auch die Freude über die Anerkennung des eigenen Wissens ist meiner Meinung nach ein Effekt. Mir ging es aber vielmehr darum zu sagen, dass es die Institution documenta ist, die etwas von dem Projekt hatte und ‚wir’ als Leser_innen, denen dieses Wissen nun zugängig ist. Des weiteren ging es mir darum, Schwierigkeiten und Ambivalenzen in diesem Projekt zu diskutieren. Ich finde es spannend, weiter darüber nach zu denken, wie ‚alternativen Wissensformen’ repräsentiert und verhandelt werden können, ohne dabei diskriminierende Strukturen zu wiederholen.

annegrethermann schrieb am 09.02.2008 18:37

Liebe Kea,

mein Kommentar zu deinem Beitrag sollte keine Kritik an deiner Arbeit und an deinem Interesse der Geschichte und der Situation russland-deutscher Frauen sein. Meine Kritik richtet sich vielmehr an die Redaktion von The Thing, die von der Kulturbehörde Hamburg subventioniert wird und ein offenes Forum für Kunst und Kunstkritik ist. Wenn sie einen Schwerpunkt d12 und g8 einrichtet und deinen Beitrag unter diesem Themenschwerpunkt postet, erwarte ich auch einen Beitrag, der sich kritisch mit dieser Kunstausstellung auseinander setzt.

Du sagst aber selber, dass es dir in deinem Beitrag nicht darum ging, etwas über die d12 zu schreiben, Anlass für die Begegnung mit den russland-deutschen Frauen hätte auch jede andere Ausstellung sein können.

Schade, denn ich hätte es spannend gefunden zu erfahren, welche Konzepte zur Kunstvermittlung die documenta Leitung angesichts des erwarteten gewaltigen Besucherandrangs entwickelt und erprobt hat und welche Konsequenzen für zukünftige Großveranstaltungen sie hieraus ziehen wird. Weiter, ob es sinnvoll ist, unbedingt möglichst viele Gruppen der Bevölkerung an eine von ihrem Selbstverständnis her elitäre Kunst-Ausstellung heranzuführen, unabhängig davon, ob sie kunstfern oder „ausgeschlossen“ sind.


Viele Grüße,

Annegret

Kea schrieb am 14.02.2008 10:46

Liebe Annegret,
ich möchte doch noch mal antworten:
Mein Projekt war Teil der d12! Dass es auch auf anderen Ausstellungen durchgeführt werden könnte, bedeutet nicht, dass es mit der documenta nichts zu tun hatte!
Desweiteren ist mir wichtig zu betonen, dass es weder der documenta-Leitung noch der Kunstvermittlung (samt eigenem Leiter und Begleitforschung) nicht darum ging, möglichst viele Menschen und Gruppen 'herumzuführen', sondern es ging um einen produktiven Austausch! Schon allein die zweistündigen Vermittlungsformate standen einem schlichten Vorhaben, einen Andrang zu bewältigen, entgegen! Näher ausgeführt ist unser Ansatz auf der documenta homepage und im dritten Magazine Band im Text von Carmen Mörsch.
Das war mir noch wichtig! liebe Grüße, Kea.

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