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14. Februar 2008

Wien Is Full of Love

von Sonja Mönkedieck, Januar 2008

All Is Full of Love – das kann man wohl sagen. Nicht nur im Alltagsdiskurs, sondern auch in Wissenschaft und Kunst dreht sich alles um das Thema Liebe und damit eng verbunden das Emotionale, das Affektive. Es scheint fast so, als müsste der Kritik an der absoluten Rationalisierung des Menschen eine teilweise ins Esoterische gehende Emotionalisierung entgegengesetzt werden. In Zeiten, in denen politische und wirtschaftliche Phänomene immer abstrakter werden und für Angst sorgen, kann anscheinend das zeitlose Phänomen der Liebe als Heilmittel zum Wohlfühlen verkauft werden.

Dieser Vorwurf war dem Wiener Symposium "Liebesverhältnisse", das vom Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie für bildende Künste Wien und der Zeitschrift Context XXI veranstaltet wurde, nicht zu machen, weshalb es mich nach Wien zog. Und nicht nur mich hat es zu dem Symposium gezogen, denn fällt das Stichwort Liebe, kommen alle, selbst wenn oder gerade weil es sich um einen kritischen Liebesdiskurs handelt. Schließlich ist die ironische Brechung untrennbar mit dem modernen Menschen verbunden. Die "Liebesverhältnisse" waren auf zwei Tage verteilt, die jeweils mit einer eigenen Überschrift betitelt waren. Der Freitag abend wurde mit den "Love Affairs. You better shop around" durch einleitende Beiträge diskursiver und performativer Art in dem Kunstsupermarkt M-ARS eröffnet. Karin Schneider probierte in ihrer "(de)collage" aus Tagebüchern, Blogs und Chats, in die sich ungewollt "viagra-penis-vergrößerungs-angebote" und Ratgeber einmischten, "refragmentierte sprachen nicht der liebe". Weiter ging es am Beispiel Heinrich von Kleists und Franz Kafkas mit der "Anatomie des Liebesbriefs" und der szenischen Lesung "Reich der Sinne", in der sich der Sexismus der Surrealisten von André Breton bis Pierre Unik offenbarte. Daraufhin stellten sich zwei MitarbeiterInnen des Unternehmens Monkeydick-Productions, das sich mit der Widersprüchlichkeit der neoliberalen UnternehmerInnenfigur auseinandersetzt, vor. Sie verteilten ihre Imagebroschüre "Performance of Performance" und untermalten ihre Vorstellung mit einer Powerpointpräsentation, die ihre "Leistung aus Leidenschaft" (Deutsche Bank) zum Ausdruck bringen sollte. Einen musikalischen Beitrag lieferten die Bonanza Jellybeans. "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!" Obwohl der Spontispruch das Ideal der romantischen Zweierbeziehung nicht zu irritieren vermochte, suchte Heide Hammer "Fluchtlinien in Affären". Denn sie wollte fehlende ökonomische Sicherheit nicht im geschlossen Raum der Paarbeziehung kompensiert sehen. Eine Richtung, die auch von Katharina Morawek in ihrem Beitrag "Polyamory" eingeschlagen wurde.

Unabhängig von der landläufigen Meinung habe ich Wien als einen kritischen und politischen Ort wahrgenommen. Nach dem ersten Abend des Symposiums wurde zu einer Gegenveranstaltung zum Wiener Kooperationsring aufgerufen, denn die Antifa wollte sich die Einladung zur Ballfeier der deutschnationalen Burschenschaften nicht entgehen lassen. So kreiste das Gespräch beim Frühstück nicht nur um die nächtlichen Ausschreitungen, sondern auch um die Frage, warum sich in Hamburg die "kreative Klasse" (Richard Florida) nicht über das gesamte Stadtgebiet verteile wie es in Wien der Fall sei. Neue Antworten konnten dafür nicht gefunden werden, auch blieb die Frage unbeantwortet, auf welche Art und Weise sich in Wien soziale Ungleichheit über Wohngewohnheiten artikuliert. Wien ist zwar eine reiche Stadt, und dies auf die Gesamtbevölkerung gesehen und nicht nur in Bezug auf ein paar Millionäre, aber soziale Unterschiede wird es dennoch geben.

Nach dem späten Frühstück ging es mit einer großen Anzahl anderer Zuhörer zum zweiten Teil des Symposiums, der mit "Liebensverhältnisse" betitelt war, in den viel zu kleinen Saal der Akademie der bildenden Künste. Schließlich sind Eva Illouz und Klaus Theweleit sozial- bzw. kulturwissenschaftliche Stars. Die beiden Vorträge beleuchteten das Phänomen Liebe soziologisch und psychoanalytisch. Sowohl der Vortrag von Illouz als auch der von Theweleit beschrieb einen heterosexuellen Mainstreamdiskurs. Dies lässt bei Illouz Bindungsängste nur bei Männern erscheinen, da Frauen durch die Konstruktion einer biologischen Determination bestimmt sind. Ihre Ausführungen über die Bindungsängste zeigten gleichzeitig die andere Seite des modernen Freiheitsbegriffes, der Überforderung und Handlungsunfähigkeit bedeuten kann. Auch Theweleit beschäftigte sich ausschließlich mit heterosexuellen Künstlerpaaren, in denen die Frau als Person "verzehrt" wird, und erweiterte seine Reihung nur auf Nachfrage.

Die israelische Soziologin Illouz, die eine breite Rezeption beispielsweise durch Werke wie "Der Konsum der Romantik" (2003) und "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" (2006) erfahren hat, zeigt, gestützt auf die Analyse von Interviews, Ratgeberliteratur und Beiträgen in psychologischen Foren, dass Bindungsangst bei Männern einen zentralen Aspekt in zeitgenössischen romantischen Beziehungen einnimmt. Sie versteht die Selbst- und Fremdbezeichnung Bindungsangst als einen Diskurs, der auf eine zunehmende Psychologisierung jeglicher Lebensbereiche zurückzuführen ist. In erster Linie in den USA führt die permanente Selbstoptimierung dazu, dass auf rationale Art und Weise am Gefühlshaushalt gearbeitet wird.
In einer Gesellschaft, in der die Individuen für die Produktion ihres Selbstwertes eigenverantwortlich sind, gewinnt die romantische Liebesbeziehung die Funktion eines Wertekorsetts. In einer heterosexuellen Verbindung, auf der der Fokus von Illouz liegt, möchten Männer, die in der derzeitigen Geschlechterordnung immer noch Privilegien besitzen, nicht diese Verantwortung übernehmen. Die Scheu vor der Verantwortung ist in dem Leitbild von einem therapeutischen Selbst begründet, das sich permanent modifiziert und nicht mit einer längeren Beziehung konform geht.
Gleichzeitig zeigte Illouz, dass Menschen immer mehr Wahlmöglichkeiten besitzen, was hinsichtlich ihrer Gefühle Indifferenzen erzeugt. Jeder stellt sich andauernd die Frage, ob er oder sie die beste aller möglichen Partien hinsichtlich der eigenen Bedürfnisse erwischt hat. Die Erhöhung der Partneroptionen geht jedoch nicht mit einer Zufriedenheit einher, sondern provoziert Unsicherheiten und Bindungsängste. Begleitet wurde das therapeutische Selbst, so Illouz, durch Feminismus und Psychoanalyse. Während die Psychoanalyse die Arbeit am Selbst förderte, forderte der Feminismus Vielfalt und Freiheit für Frauen.

Der zweite Vortrag wurde von dem Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Theweleit bestritten, dessen meist rezipiertes Werk sein zweibändiges Werk "Männerphantasien" (1977 und 1978) ist. In seinem Vortrag befasste er sich mit der "Objektwahl" (1990) der "medialen Frau" und dem damit verbundenen "Personenverzehr". Zur Analyse der Abwertung des Weiblichen in der westlichen Welt nutzte Theweleit die Psychoanalyse. Er legte Sigmund Freuds zwei Modelle der Partnerwahl dar. So gibt es den narzisstischen Typus, der eine Objektwahl nach dem eigenen Ich vornimmt, und den Typus der Anlehnung, der eine Objektwahl nach der Mutter unternimmt. Nachdem er die Kategorie der Liebesweise "mediale Frau" eingeführt hatte, zeigte er anhand verschiedener heterosexueller Künstlerpaare, inwiefern von einer Partnerin gesprochen werden kann, die sich mit Fähigkeiten, die für das Werk des Mannes von großer Bedeutung sind, einbringt. Die Beziehung von Alfred Hitchcock und Alma Reville führte er als eine an, in der ein derartiger "Personenverbrauch" vollzogen wurde. Um die Karriere von Hitchcock zu stützen, gab Reville ihren eigenen Regie-Ambitionen auf. Stattdessen stand sie ihrem Mann als Cutterin und Beraterin zur Seite.

Da das ganze Wochenende im Zeichen der Liebe stand und da manchmal Liebe mit Sex zu tun hat, ging es am nächsten Tag weiter zur Ausstellung über Wilhelm Reichs Leben und Forschen "Sex! Pol! Energy!" ins Jüdische Museum. Die Konzeption der Ausstellung kontrastiert in verschiedener Weise den Einfluss von Reichs Sexpolitik. Neben den Materialien und Dokumentationen zu Reichs Werk und Leben wird durch Filme und Videos verschiedener Künstlerinnen sein Einfluss auf die bildende Kunst deutlich. In Bezug auf Reichs Blick durch das Mikroskop, seinem Streben nach einem "voraussetzungslosen Arbeiten" und der Thematisierung des Beobachters wird das Verhältnis von Kamera, Blick, Objekt, Vorstellung und Bild verhandelt.
In Bezug auf Reichs "Massenpsychologie des Faschismus" (1933) verweist die Ausstellung auf den Zusammenhang von Sexualitätsunterdrückung, autoritärer Charakterstruktur und Faschismus. In dem Werk wird die These aufgestellt, dass durch sexualitäts- und lustfeindliche autoritäre Strukturen bei jungen Menschen eine chronische Verhärtung ihres Charakters stattfinden kann, sie bilden einen "Charakterpanzer", mit dem sie das Emotionale und Vitale von sich halten.
Des Weiteren genoss Reich als Vater der "sexuellen Revolution" bei den 68ern Kultstatus. In Anlehnung an Reich bildeten sie Sexpol-Gruppen. In der Ausstellung wird darauf in Form der "Aktions-Analytischen Organisation" (AAO) Bezug genommen. Zunächst wurde 1970 durch den Happening-Künstler Otto Mühle eine AA-Kommune in Wien gegründet. Die AA-Kommune hat sich weder praktisch noch theoretisch wirklich an Reich orientiert. Vielmehr wurden eklektisch einige Elemente seiner Theorie und von anderen Körpertherapieformen in dem Repertoire der Kommune zusammengemischt. In der Paarbeziehung bzw. in der Kleinfamilie sah die AAO die Keimzelle allen Übels. Bei ihr trat an deren Stelle ein rigoroser Kollektivismus, der das ganze Zusammenleben in der AA-Kommune organisierte. Mühl behauptete in seinen Pamphleten, ein lebendiges Gesellschaftsmodell geschaffen zu haben, in dem freie Sexualität und direkte Demokratie verwirklicht waren.
Auch wenn Reich nicht der erste ist, der einem in Bezug auf eine Kritik an modernen Wissenschaftsvorstellungen einfällt, scheint der Subtext der Ausstellung Rationalitäts- und Objektivitätsgläubigkeit in Frage stellen zu wollen. Viele seiner Thesen konnte Reich nicht bestätigen, was jede Wissenschaftlerin oder jeder Wissenschaftler aus eigener Erfahrung kennen müsste, aber seine Arbeit zeichnet ein großes Interesse am Prozess und am Experiment aus. In der Ausstellung zeigt sich das über Nachbauten und Fotografien vom "Medical DOR Buster" bis zum "Cloudbuster". Mit Reich macht Wissenschaft Spaß. Seine Testpersonen, die er radioaktiver Strahlung ausgesetzt hat, um sie mit Orgonenergie zu heilen, und die dann an Krebs verstorben sind, würden eine andere Geschichte erzählen.

Weg von der energiegeladenen Sexualpolitik Reichs versuchte ich am Folgetag in der Wiener Kunsthalle ein Stückchen wahrer Romantik zu ergattern. Die Ausstellung "True Romance – Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute" macht einem dieses Unterfangen überhaupt nicht leicht. Die Macher und Macherinnen schreiben: "Wenn wir von der Liebe sprechen, aktivieren wir im Kopf sofort eine Fülle von Bildern: Wir denken an glühende Verehrung und erkaltete Gefühle, an das Herz, das zu Eis erstarrt ist oder in Flammen steht. Emotionen reichen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Diese jederzeit abrufbaren Metaphern der Liebe sind keine Erfindungen der Werbe- und Filmindustrie. Ihre Wurzeln reichen weit zurück zu den Anfängen der neuzeitlichen abendländischen Kultur." Doch vor der Kritik möchte ich zunächst einzelne Werke wie beispielsweise Marina Abramaovics Videoarbeit "Rest Energy“ von 1980, die gleich zu Anfang der Ausstellung ins Treppenhaus projiziert wird, würdigen. In dieser hält sie einen Bogen, während Wolfgang Ulay die Sehne spannt und den Pfeil auf Abramovics Herz richtet. In eine ähnliche Richtung geht Tracey Moffats Video "Love" (2003), das als Collage aus unzähligen Filmausschnitten die Dramaturgie heterosexueller Paarbeziehungen zeigt. Neben einigen anderen Werken ist auch Isaac Juliens Fotografie von dem Four-Letter-Word-Ring "LOVE" (2003) fesselnd. Aber ansonsten, obwohl Themenausstellungen gerade im Kommen sind, ist alles Liebe, nur nicht diese Ausstellung!
Wenn ich diese Ausstellung in meinem Kopf aktiviere, drängt sich Björks "All Is Full of Love" (1999) in mein Bewusstsein, das das Video von Chris Cunningham begleitet. Die in jeder Ecke zu hörende Musik macht den Ausstellungsraum zum Supermarkt. Gerne hätte ich den Ton verschiedener Videoarbeiten gehört, was aufgrund des Soundbreis von allen Seiten bei manchen Arbeiten überhaupt nicht möglich war. Die Ausstellung versammelt "epochen- wie medienübergreifend" mehr als 150 Arbeiten von 90 verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern, aber sie werden in keinen historischen oder sonstigen Kontext stellt. Die wahllos im Raum verteilten Aufklärungstafeln korrespondieren mit der schlechten Hängung. Nan Goldin trifft Albrecht Dürer. Der Höhepunkt der Irritation ist – mit Björk im Ohr – vor der Bonbon-Installation von Félix Gónzales-Torres erreicht, die sich in einer Ecke befindet und nicht nur von Gustav Klimt, sondern auch von Käthe Kollwitz flankiert wird.

Nein, wenn ich etwas an diesem Wochenende gelernt habe, dann das, dass Liebe nicht zeitlos ist. Das Interessante an dem Begriff der Liebe ist meines Erachtens gerade seine Bindung an Zeit und Raum, denn nur dadurch kann er sein gesellschaftskritisches Potenzial entwickeln und nicht zur Wohlfühlmassage mutieren. Aber vielleicht brauchte ich auch nach vier Tagen "Liebesverhältnisse" einfach ein bisschen Aggressionen.

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