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14. März 2008

wandsbektransformance - Die Transformation traditioneller Traumstätten

von Christoph Haferburg

Wo bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der Vergangenheit, wenn sie im Alltag immer weniger stattfindet? Davon ausgehend, dass die in der Frage implizite zeitdiagnostische Annahme zuträfe, führte ich vor einigen Jahren ein durchaus intensive Diskussion mit einem Freund, den ich bis dato vor allem als politischen Aktivisten kennengelernt hatte: Er beharrte darauf, dass in denjenigen Phasen, in denen der - nicht auf „beßre Zeiten“ warten wollende, unmittelbar die Utopie anstrebende - revolutionäre oder auch nur egalitäre Elan nicht so präsent wäre, die Sphäre der Kunst der Ort sei, diese gesellschaftlichen Nirgendorte zu verhandeln. Was nicht nur mir damals ausgesprochen unpolitisch und hedonistisch vorkam, ist inzwischen vielleicht nicht nur als legitim, sondern sogar als notwendig anzusehen. Aktuell kommt diese Haltung in der Ausstellung wandsbektransformance zum Ausdruck, die seit dem 3. März im Kunsthaus Hamburg am Klosterwall zu sehen ist. Anknüpfend an eine (stadt-)politische Diskussion über den konservierenden Umgang mit Hamburgs kolonialer Vergangenheit werden hier verschiedene Projekte der künstlerisch-politischen Auseinandersetzung dokumentiert. Relativ provinziell anmutendes Agieren rund um zwei neu errichtete Denkmäler seitens lokaler Akteure und Teilen der offiziellen Kulturpolitik gibt dieser Auseinandersetzung seit einigen Jahren immer wieder neue Impulse: Der „Tanzania-Park“ inszeniert auf dem Gelände in der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne in Jenfeld einen Traum von Afrika, während die Schimmelmann-Büste in Wandsbek an einen Kaufmann und Bürger erinnert, der zugleich einer der größten Sklavenhändler Europas war.
Judith Haman „Auf Augenhöhe mit Schimmelmann“. Foto: Stilla Seis.

Dabei entzündet sich die Debatte vor allem daran, dass die wenigen offensichtlichen Zeugnisse der historischen Einbindung der Hansestadt in den transatlantischen Dreieckshandel sowie, allgemeiner gesprochen, in das europäische Projekt des Imperialismus, in ihrer Interpretation und Aneignung einer entproblematisierten, oft heroisierenden „Traditionspflege“ überlassen worden sind. Die Künstlerin Jokinen ist eine der treibenden Kräfte hinter der Ausstellung und charakterisiert diesen „öffentlichen Umgang“ als eine Haltung „zwischen Wegschauen und Duldung“. Demgegenüber wollen die Initiatoren von wandsbektransformance – neben Jokinen sind noch ein gutes Dutzend weitere KünstlerInnen, HistorikerInnen, „KartiererInnen“ sowie Wandsbeker Schulklassen und BürgerInnen einbezogen – die Erinnerung mittels des „Kunstraums mitten im Alltag“ (Jokinen) neu thematisieren, und letztlich auch politisch neu verhandeln. Die Ausstellung ist dabei nur der zweite Teil eines „forschenden Kunstprojekts“, das die „Gegenwart des Kolonialen“ (so der Untertitel) mittels verschiedener Interventionen in Frage stellt. Insofern bietet das Kunsthaus Raum für die Dokumentation von unterschiedlichen Aktivitäten, die im September 2007 „vor Ort“, in Wandsbek stattgefunden haben. Diese Aktionen versuchten, im Verständnis des öffentlichen Raumes als einer Stätte des kollektiven Gedächtnisses, Auseinandersetzungen mit den unterschiedlichen kolonialen Spuren anzuregen. So wurde die Schimmelmannstraße mittels einer Intervention Judith Hamans zum simulierten Grundriss eines Sklavenschiffs, in dem die Körper der Aktionsteilnehmer in der Anordnung der historischen transatlantischen Verschleppungslogik arrangiert wurden.

Judith Haman „Mittwegs auf unseres Lebens Reise“. Foto: Stilla Seis.


Gefesselte Bäume von Joe Sam-Essandoh, Mark Slavin und Matvey Slavin vermittelten als beklemmende Masquerade eine Verfremdung, die mit den Gegenbildern korrespondiert, die Hamans kopflose Sockel der Schimmelmann-Büste entgegensetzen.
Joe Sam-Essandoh „Passage Schnürung Masken“. Foto: Stilla Seis.

Stärker als Handlungsaufforderung konzipiert ist Jokinens Wißmannklappe, die als „mobile Sammelstelle“ dazu auffordert, Objekte mit Bezug zu Hamburgs überseeischer Expansion darzureichen. Das als Aufhänger dienende bronzene Ebenbild des Kolonialgouverneurs Wißmann hatten StudentInnen bereits 1968 im Kontext des sich entfaltenden antiimperialistischen Diskurses von seinem Sockel vor der Universität gestürzt. Jokinen nutzt hier Abbilder des Abbildes von Wißmann als Evokation der problematischen hanseatisch-überseeischen Verstrickungen. So wird eine „Präsenz des Kolonialen in der Gegenwart“ (wie die Einführung im Ausstellungskatalog von Belinda Grace Gardner dies nennt) nicht nur erfasst, sondern wieder neu hervorgebracht. Das Bestreben, die „Erinnerung durch (Gegen-)Bilder zu mobilisieren“, wie Gardner es formuliert, findet sich auch in den SchülerInnenzeichnungen, die an mehreren Stellen der Ausstellung die Auseinandersetzung mit den Personen und den Denkmälern Wißmanns und Schimmelmanns dokumentieren. In einer Radiosendung vom Freien Sender Kombinat als naiv kritisiert, stellen sie doch eine tatsächliche lokale Interaktion dar und verweben den kolonialen Mythos neu. Auch die aus Kaffee und Zucker bestehende Spur der Erinnerung von Claudia Behling findet, zusammen mit Straßenstaub in Glasbehälter verpackt, den Weg von Wandsbek ins Kunsthaus am Klosterwall.

Claudia Behling „Einschnitte“. Foto: Stilla Seis.

Letzteres mag als Beispiel dafür stehen, wie voraussetzungsvoll viele Elemente von wandsbektransformance sind. Daraus entsteht ein starker Kontrast zu den anderen, sehr unmittelbaren und manchmal ungelenken Gestaltungen wie beispielsweise denen der SchülerInnen. Inwieweit diese Transformanz öffentlichen Raums in Kunstraum gelingen kann, sei erst einmal dahingestellt. Neben der Intention braucht es ja auch eine Souveränität, die sich aus einer voraussetzungsvollen Selbstverständlichkeit ergibt, um zu „wirken“. Angenommen werden kann dieses „Werk“ nur in Beziehung zu Bekanntem. Jokinens und Gardners Verweise auf die mythischen Antithesen eines Roland Barthes setzen dies voraus. Es stehen jedoch nicht nur Gegenmythen, sondern auch ein ganz „profanes“ Thematisierungs- und Sensibilisierungsanliegen hinter wandsbektransformance: „…es geht auch um Aufklärung, aber auch darum, Menschen sinnlich zu erreichen, denn Denkmäler transportieren Mythen. Roland Barthes hat gesagt, die Aufklärung kommt gegen Mythen nicht an … die Kunst kann aber dazu beitragen, Gegenmythen zu produzieren“, so Jokinen. Damit sollen nicht nur BewohnerInnen Wandsbeks, sondern explizit auch ein Kunstpublikum erreicht werden. Insofern nimmt m.E. eine Kritik, die sich eher politisch und weniger künstlerisch geriert, zu sehr das Produkt aufs Korn und würdigt den Prozess zu wenig. Die Einbindung der Ausstellung in eine Reihe von Begleitveranstaltungen befördert die „Erneuerung der Erinnerung“ (Belinda Grace Gardner mit Verweis auf Susan Sontag): neben einem postkolonialen Stadtrundgang mit dem Geographen und Historiker Heiko Möhle (14.3. 17h, Christuskirche Wandsbek) werden in Kooperation mit dem Metropolis-Kino Filme wie „Das letzte Abendmahl“ gezeigt (19.3. 19h; 20.3. 17h), überdies ist auf Diskussionsveranstaltungen z.T. vor Ort Gelegenheit, sich an einer direkten Auseinandersetzung mit und im Stadtraum zu beteiligen. Dennoch erscheint die Konstruktion des Gegenmythos bei einigen Arbeiten von wandsbektransformance eher zufällig, etwa bei der GPS-gestützten Collage von “postkolonialen“ Wegpunkten in Wandsbek der Gruppe „Offene Kartierung“. Global Positioning Systeme (GPS) ermöglichen mittels Satellitenpeilung nicht nur eine genaue Standortbestimmung auf der Erdoberfläche, sondern auch eine Darstellung dieser Punkte bzw. Abfolgen von Punkten, so dass sich z.B. zurückgelegte Wegstrecken nachzeichnen lassen. Die so entstandenen „Karten“ könnten aber als situationistisches Konzept genau die Art von Ort nicht nur abbilden, sondern sogar werden, der eingangs als „Nirgendort“ angesprochen wurde. Wie dieser weiter zu verhandeln wäre und welche Topographie und Struktur sich damit verbände, würde dann in die nächste Frage nach der konkreten politischen Intention der offenen Kartierung, bzw. der gesamten Ausstellung münden. Es ist vorläufig jedoch nur konsequent anzunehmen, dass ein aktueller Sturz des Schimmelmanndenkmals nicht als politische Aktion sondern lediglich als Kunstaktion vorstellbar ist. Immerhin.
Ausstellung im Kunsthaus Hamburg: 4. März - 6. April 2008
Klosterwall 15, Di - So 11 - 18 Uhr und Abendveranstaltungen

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