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Kommentar [1]
29. April 2008

Pavillonstadt – Was ist ein Flughafen?

Jorn Ebner


Abfertigungsbereich
Die Menschen, die in ihren Schlafsäcken auf dem Fußboden an Wände gedrückt verstreut liegen, sind nicht obdachlos. Auf den Sitzbänken liegen lange Bündel, kein Polizist verjagt die Pennenden. Ein junges Paar hält sich zu ihren Füßen eine Flasche Barcadi und lässt ihr freien Auslauf: Hallo, lacht die Frau, woher bist du? Wir sind aus Litauen, und schwankt mit dem Oberkörper gegen ihren Begleiter. Kein Sicherheitsbeamter verjagt die Trinkenden. Ein anderer hält zusammengekauert einen heißen Pappbecher Tee in seinen Handschuhhänden. Es ist mitten in der Nacht. Es ist kalt. Die Deckenbeleuchtung strahlt grell. Stansted Airport, Hauptstadt der Billigflieger.

Ein Flughafen ist eine Transitstadt, ein Knotenpunkt vernetzter Urbanität. An diesen Orten ist die Nationalität des Einzelnen irrelevant, alle sind geeint im Warten auf den jeweiligen Abflug. Vor etwas über zehn Jahren schrieb der englische Schriftsteller J.G. Ballard diese optimistische Behauptung für einen Katalog der Photographers’ Gallery in London: Er nehme an, der Flughafen werde die wahre Stadt des 21. Jahrhunderts sein. Gleichsam zitierte die BBC im März 2008 einen Londoner Architekten, dessen Büro für einen Neubau des Madrider Flughafen Barajas mit dem Stirling-Preis ausgezeichnet wurde, dass der Flughafen die moderne Plaza, der städtische Platz sei, der sich wie ein öffentlicher Raum verhalten solle und weniger wie ein Gebäude. Hoffentlich bestätigen solche Äußerungen nicht den Umkehrschluss, dass sich der öffentliche Raum wie ein Flughafen benehmen wird.



Wenn Stadtgestaltung den Flughafen als praktisches Vorbild nimmt, muss sie die krude, als Vergnügungspark inszenierte Shopping-Mall mit einem komplexen Balanceakt zwischen Sicherheitsapparat, Konsum und Kundenzufriedenheit austarieren. Vielleicht, ganz mittelalterlich, als einen Ort mit beschränktem Zugang. Manche Flughäfen sind nachts abgeschlossen, worüber sich unlängst eine spanische Bekannte beklagte, nachdem ihre Mutter mit einem frühen Rückflug von Berlin Tegel heimgeflogen war. Um sicher zu sein, dass sie ihren Abflug nicht verpasste, kam die Dame schon sehr zeitig mit einem Taxi an und stand vor verschlossenen Türen, während der kalte Berliner Winter sein bestes tat, ihr die Wartezeit zu versüßen.


Sicherheitstrakt
Nach Warteschlange und Gepäckabgabe mit ihren Bordkarten ausgestattet, eilen die Menschen zur Sicherheitsabfertigung. Vorbei an einem Angestellten, der zunächst gern mit Übereifer prüft, ob man überhaupt durchleuchtet werden darf, oder ob eine Plastiktüte zuviel in den Händen getragen wird. Der Weg kann versperrt werden und der Finger zurück weisen Richtung Check-in. Was der einen Sicherheitskreatur zuviel ist, scheint die nächste nicht zu scheren. Auf den Willkürdiener folgt das Schlangestehen vor den Durchleuchtegeräten, dem Piepen und Abtasten, dem Gürtelwiederumbinden und Schlüsselindiehosestecken, das Ziehen-Sie-bitte-die-Schuhe-aus und Durchleuchten. Eine Zwischenzone, deren temporales Erleben nervtötend langsam und rasant zugleich, dem Stress- und Wutpegel neue Impulse gibt. Selten einig sind sich Wut, Hass und Ärger beim Abgefertigtwerden durch die Sicherheitsleute. Die Abfolge von milizenhaften Vorwächtern und hauptamtlichen Durchleuchtern bildet eine Stadtverwaltung zwischen Willkür und Dominanz.



In den Aviationskleinstädten à la Hamburg-Lübeck kommt die Exekutive ohne den Einsatz von Milizionären aus, während in Flugagglomorationen wie Stansted oder Schiphool in Folge al-quaedischer Aktivitäten Paranoia ungeahnte Triumpfe feiert und die Machtgebärde ihre Fahnen schwingt. Während droben am Himmel das Spektakel der an- und abfliegenden Maschinen eine Art monotones Gesamtkunstwerk inszeniert, werden unten die Teilnehmer durch ein rigides Beobachtungssystem drangsaliert. Marinetti jubelte 1934, dass die Aviation die Abschaffung allen Regionalismus, Ruralismus und Lokalpatriotismus fördere, als Ausdruck faschistischen Glanzes und Herrschaft. Letzterer ist heute – vielleicht mit Ausnahme des Naziflughafens Berlin Tempelhof ‚ glücklich verblasst und durch die Herrschaft der finanziellen Transaktion ersetzt. Wie die Shopping-Mall, liegt dem Flughafen eine jahrmarkthafte Bedingung zugrunde, allerdings nicht nur im Sinne des konsumfördernden Spektakels, sondern zudem mit dem Anreiz adrenalinanregender Fahrgeschäfte. Erst die Zuckerwatte, dann die Geisterbahn. Im Großflughafen werden die politischen Gewalttaten der Milizionäre mit dem Jahrmarkt kompensiert: Stressabbau mit Süßigkeit und Action – als ob Einkaufen nie schöner gewesen sei als nach überstandenem Drangsal in Sicherheitszonen.


Einkaufszone
Nach den Sicherheitsuntersuchungen quasi ins Paradies entlassen, strömen die Menschen in die Konsum- und Gaststätten, um die lange Weile bis zum Abflug zu überbrücken. Die Flughafeneinkaufszonen variieren von überschaubar kleinstädtisch bis dörflich und zeichnen sich durch kleine Geschäfte im Wechsel mit größeren Anbietern von Luxuswaren, Parfum und Alkohol aus. Gemäß dem erhöhten finanziellen und logistischen Aufwand einer Flugreise im Vergleich zur Auto- oder Bahnfahrt, liegen die Verkaufssegmente im oberen Bereich. Dabei versucht der Karneval des Kosums, die eigentümliche Barackenhaftigkeit der Verkaufspavillone zu überdecken.



Kaufzeit ist Übergangszeit: auf den Wartebänken keine alkoholikastürzenden Individuen, sondern verpackungsbegutachtende, in banger Erwartung des Aufrufs zum Flugsteig. Der Alkohol wird in den Realweltsimulationsstätten genossen. Auch Berlin Schönefeld hat jetzt ein Irish Pub, in dem das Warten an vermeintlich gemütlichem Ort überbrückt werden kann. Ein Simulationsspektakel, könnte es sich hier doch um eine richtige Kneipe handeln: so echt irisch, wie in Italien oder Deutschland. Darin gleicht Berlin Schönefeld jeder anderen Stadt der Welt, in der Hibernias Trinkstätten als Inbegriff gutmütig musikalischer Sauferei gelten; auch hierin dem Jahrmarkt ähnlich, auf dem neben süßem Fahrgerät der bittere Hopfengetrank nie fehlt.

Die Eventgastronomie hat ihren Ursprung aber nicht im Flughafen – der hat sie nur für sich nutzbar gemacht. Wenn im Umkehrschluss der Flughafen als Modell für die Stadt des 21. Jahrhunderts gelten wird, dann sind es auch nicht die potenten Warenhäuser und Gastronomen, die einflussreich sein werden. Die etablieren sich vorher. Das unheimliche Modell für die Stadt des Futur liegt in der dreiteiligen Struktur von Überwachung, Einschüchterung und Konsumkompensation.


Flugsteig
Endlich am Gate angekommen, ist der Abflug nicht weit. Ein Blick auf das Flugfeld, die Flugzeuge. Am Flugsteig macht der Wortteil ‚-hafen’ endlich Sinn. Von hier geht es hinaus in die Welt, in den anderen Flughafenstadtbezirk, ohne Verantwortung, ohne Kaufkraft, in meditatorischer Erwartung des Ereignisses ‚Flug’. Hier werden Dinge in die Körper der transportierenden Maschinen verladen, steigen Menschen über Leitern und Rampen in die Fahrzeuge, hier weht der Wind, der Regen fällt, die Sonne scheint. Das offene Rollfeld verspricht die endlosen Weiten kommender Prärien. Hoffnung. Zukunft. Die, geknechtet durch die Aufrufe von Sitznummer und Priority Boarding Reglements, als Stadt der Zukunft allenfalls Enttäuschung bieten wird.




Kommentar [1]
Michael Rumstedt schrieb am 24.07.2008 13:51

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