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7. Mai 2008

Auffangkanäle und Sonderangebote

von Ulf Treger

Der Spielbudenplatz als Produkt einer fatalen Vorstellung

Von der Innenstadt kommend, die Reeperbahn, Hauptstraße von St. Pauli, betretend, zeigen sich zwei großformatige, allein stehende Bühnen. Sie stehen sich schweigend gegenüber, jeweils am Ende des Spielbudenplatzes, der sich entlang der Reeperbahn erstreckt. Zwei Spielstätten, deren Intendanten vergessen haben, Spielpläne zu entwerfen, deren Bühnenbildner auf jegliche Ausstattung verzichtet haben und dessen Publikum aus einzelnen Touristen besteht, die verloren über den leeren Platz schlendern. Wenn Anette Baldauf westliche Städte mit Bühnen vergleicht, auf denen »groß angelegte Shows inszeniert werden, das Städtische auf hyperbolische Weise aufgeblasen und Urbanität in ihrem Exzess ausgestellt« werden, dann ist man versucht, diese Beschreibung auf dieses traurige Ensemble am Rande der Reeperbahn zu übertragen – mit der Feststellung, dass städtische Inszenierungskonzepte offensichtlich nicht immer wunschgemäß funktionieren. Lediglich in der Nacht blinken die Innenwände der beiden Bühnen verschämt-verspielt vor sich hin. Nur durch diese Lichteffekte ergibt sich eine Referenz auf den unmittelbaren Kontext ihres Standorts; der Reeperbahn als glamourösen wie leicht vergilbten Ort des Amüsements. Doch ist dieses Bild nicht schlüssig, die blinkende Fläche wirkt angesichts ihrer Proportionen und der sie umgebenen Leere seltsam hohl und steril. Sie erinnert dann vielmehr an eine Großraumdisco am Stadtrand, die auf die ersten Gäste wartet.

Letzten Sommer kam der Spielbudenplatz – ein Jahr zuvor war sein aufwendiger Umbau abgeschlossen worden – vorübergehend wieder im Blickfeld medialer Wahrnehmung. Neben Presseberichten, in denen eine »ungenügende« Bespielung dieses »neu erfundenen« Platzes notiert wurde, gab es Aufregung um seine Zugänglichkeit für Großveranstaltungen wie dem jährlichen Schlager-Move. Die private Betreibergesellschaft, im Besitz anliegender Gastronomen und Theaterbesitzer, versagte dem Schlagerumzug die Benutzung. Als dann in einer lokalen Zeitung lanciert wurde, dass einer Demonstration im Vorfeld der G8-Proteste ebenfalls der Zugang verweigert wurde, beeilte sich der Geschäftsmann Corny Littmann, mehrfach in St. Pauli engagiert und so auch Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, um ein promptes Dementi. Er erklärte, dass linke Demonstrationen gerne den Platz nutzen könnten, und schob hinterher, dass sie nur »ganz wenig« für die Nutzung zahlen müssten. Mit diesem erstaunlich selbstverständlich geäußerten Sonderangebot wird die eigentliche Veränderung des Platzes deutlich: die Überlassung dieses für St. Pauli zentralen Terrains in private Hand und damit die Überführung eines öffentlichen Raumes in den Einflussbereich eines Privatunternehmens. Dabei wird eine, ohnehin beschränkte Zugänglichkeit urbaner Terrains widerspruchsfrei dem Dogma der Mehrwertbildung untergeordnet. Aus der Sicht ihrer Vermarkter sind sie somit unmittelbarer demokratischer Einflussnahme und dem Wirkungsraum von Grundrechten, wie dem der Versammlungsfreiheit entzogen.

Seit dem Umbau des Spielbudenplatzes hat sich kein »selbst organisierendes Programm« entwickelt, wie schon in einer, hier auf The Thing vor einem Jahr protokollierten abendlichen Begehung angezweifelt. Statt einer vom Hamburger Senat erhofften »Vitalisierung« ist der Platz für seine zentrale Lage – bis auf die Sitzpodeste an seinen Enden und die eine oder andere Veranstaltung – weitgehend verwaist geblieben. Dabei verteidigt die Betreibergesellschaft das ihr überantwortete städtische Feld nicht nur vehement vor konkurrierenden Veranstaltungen, sondern auch vor »Punks und Pennern«, die sich diese Leerstelle aneignen, und sei es nur, um unter den monumentalen Bühnendächern Schutz vor dem Hamburger Regen zu finden. Dementsprechend haben die Betreiber zwischenzeitlich versucht, mithilfe der eingebauten Sprinkleranlagen nicht nur Urin und »verschüttete Getränke« wegzuspülen, sondern auch die Menschen zu vertreiben, die diesen Ort ganz selbstverständlich als Unterstand nutzen und sich auch von solchen brutalen Methoden vertreiben lassen. Da scheint es hilfreicher, ein eher »weiches«, daher schmerzfreieres und andernorts vielfach erprobtes Gegenmittel anzuwenden: Es gibt Überlegungen der Betreiberfirma, auf den beiden gegenüberliegenden Bühnen Cafés zu etablieren. Der auf der Reeperbahn übliche, exzessive wie billige Alkoholkonsum auf der Straße würde dann an dieser Stelle durch einen von den Betreibern regulierten, gesitteten Konsum von Getränken ersetzt. Die derzeitige Leerstelle im Kernbereich der Reeperbahn ist Ergebnis mehrerer Anläufe, mit dem Spielbudenplatz einen »Ort der Identifikation« (Pressestelle Stadtentwicklung der Stadt Hamburg) für St. Pauli aufzubauen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen wurde der letzte Anlauf schließlich realisiert: In einer Ausschreibung im Jahr 2004 beteiligten sich Hunderte von Kulturproduzenten, Architekten, Stadtplanern und Künstlern, deren Vorschläge in einer anderen prekären Zone Hamburgs, im Frappant-Gebäude an der Neuen Großen Bergstraße, ausgestellt wurden. Basierend auf einem der prämierten Entwürfe wurde der Umbau 2006 abgeschlossen und der Platz der Betreibergesellschaft übergeben. Zwei Jahre nach dem Abschluss dieses Umbaus zeichnet sich das stadtplanerische Dilemma einer abstrakten, also mithin realitätsfernen »Gesamtkonzeption« ab. Lucius Burckhardt hat eine solche »fatale Vorstellung« als die »Unfähigkeit zwischen Utopie und Wirklichkeit zu unterscheiden oder uns Utopien als vollendete Wirklichkeit zu verkaufen« kritisiert. Bei der Betrachtung des realisierten Entwurfs in Form zweier, sich gegenüberliegender Bühnen, die wie Wächter über dem Platz thronen, wird klar, dass sich diese »Unfähigkeit« der Unterscheidung auch hier manifestiert hat. Schließlich ist das hier gegenständlich gemachte Konzept nur aus der Vogelperspektive einer virtuellen 3D-Planungskizze oder aus der horizontalen Distanz atmosphärischer Fotografien bei nächtlicher Beleuchtung goutierbar.

Seit der Ausschreibung des Wettbewerbs sind die zuvor noch geführten, substantiell kritischen Auseinandersetzungen mit dem Platz verstummt, ganz so, als ob durch den Wettbewerb der Bedarf an Einmischung vollständig absorbiert wurde. Auch leiteten die vielzähligen Kulturproduzent_innen aus ihrer Beteiligung an der Ausschreibung keine Verantwortung für den weiteren Verlauf des Projekts ab, um so Einfluss auf Bespielung wie Zugänglichkeit des Raums zu nehmen. Die derzeitige privatisierte Nutzungsform wird lediglich durch Detailkritik in den lokalen Medien kommentiert, grundsätzliche Diskussionen finden nicht mehr statt. Dabei gibt es genügend Gründe für kritische Interventionen, allein schon aufgrund der Sprinklereinsätze gegen Obdachlose oder der Idee, für Demonstrationen Nutzungsrabatte einzuräumen. Abgesehen von seiner neuen architektonischen Gestaltung hat sich der Kontext des Platzes samt der angrenzenden, parallel verlaufenden Reeperbahn in den letzten Jahren geändert. Die Einführung einer flächendeckenden Videoüberwachung der Reeperbahn, das seit kurzem bestehende Waffen- sowie das sich anbahnende Alkoholverbot auf dem Kiez wie auch die Neubebauung des angrenzenden Geländes der ehemaligen St. Pauli-Bavaria-Brauerei – ein Ensemble aus Glas-Stahl-Konstruktionen und Hochhäusern – sind Elemente eines einschneidenden Wandels. Zusammen genommen werden sie den weiteren Umbau von ganz St. Pauli verstetigen, in Richtung einer kommerziellen Aufwertung des Stadtteils nebst einer tief greifenden Disziplinierung seiner Benutzung. Dabei ist eine Übernahme des »Shopping-Mall-Modells« (Klaus Ronneberger) zu beobachten, des Transfers von für geschlossene Konsumtempel typische Formen der Inszenierung und des Kontrollmanagements auf innerstädtische Terrains. Als vormals öffentliche Räume werden diese Straßen und Plätze einer Zurichtung unterzogen, deren Methoden in den letzten Jahrzehnten in Einkaufspassagen und Urban Entertainment Centern entwickelt wurden. Dabei wird die Erzählung einer »scheinbar grenzenlosen Freizeit« flankiert durch das Versprechen einer risikoarmen, weil kontrollierten Benutzung, die mittels eines restriktiven Katalog an Kontroll- und Sicherheitsmaßnahmen durchgesetzt wird. Unter diesen Vorzeichen ist die Schaffung eines sozialen Ortes – also eines Ortes, der nicht nur der Befriedigung der Konsumbedürfnisse dient – Bedingung für den Erfolg einer Shopping-Mall. Wenn diese Voraussetzung nicht erreicht wird, der Umbau also weitaus weniger glorreich ist, als er angepriesen wird, so kommt er allein durch die kontrollgesellschaftlichen Maßnahmen mit spürbaren Nebenwirkungen einher. Die in den Medien beklagte – und vor Ort offensichtliche – schlechte »Performance« des Spielbudenplatz-Konzepts kann über die negativen Auswirkungen dieser Transformation nicht hinwegtäuschen. Während diese Effekte vereinzelt von antagonistischen Initiativen angeprangert werden, lassen sich Kulturproduzent_innen mit urbaner Ausrichtung, die zum Teil mit Einreichungen an der Neugestaltung des Spielbudenplatzes beteiligt waren, durch Raumangebote, Ausschreibungen und Ausstellungsprojekte an andere Orte locken, um dort akute Leerstände zu füllen und anstehende Umstrukturierung mit einem menschlichen Antlitz anzureichern. In Hamburg sind diese stadtplanerischen Instrumentarien einer »wachsenden Stadt« zusehends flexibler und intelligenter geworden. Noch zu Beginn der Entwicklung der »Hafencity« reagierte die damals noch unter dem Namen »GHS« firmierende Entwicklungs- und Vermarktungsgesellschaft geradezu hysterisch auf bescheidenste Versuche von Aneignung ihres Entwicklungsgebiets. Heute wird Kritik am Stadtumbau – so im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Hamburg-Wilhelmsburg – gleich als Teil des Vermittlungs- und Verkaufskonzeptes mitgedacht. Vorbehalte, Ängste und Ablehnung gegen diese Projekte werden im Voraus abgefragt und in dafür vorbereitete Kanäle aufgefangen. Entsprechend der Binsenweisheit, dass »Quasseln immer erlaubter wird, nur machen darf man nichts« (Dietmar Dath) kann dann auch die Formulierung kritischer Gedanken (und ihrer ästhetische Visualisierung) durch mal staatlich honorierte, meist selbst-ausbeuterische Kulturproduktionen allein nicht ausreichen, um als relevante Artikulation eines »Unvernehmens« gelten zu können. Solche Versuche sind nicht davor gefeit, zu einer Neutralisierung der Kritik selber und darüber hinaus auch zu einer weiteren Immunisierung städtischer Imageprojekte beizutragen. Solche Einmischungen haben zudem große Schwierigkeiten, mit einer cleveren Fortschreibung bisheriger stadtkritischer Diskurse angemessen auf die geschmeidigen, pseudo-partizipativen Vermarktungsstrategien zu reagieren.

Dabei gäbe es genügend Reibungsflächen allein schon auf der hiesigen Seite der Elbe: Eingegrenzt durch die nördlich gelegenen, weitgehend gentrifizierten Stadtteile Schanzenviertel, Eimsbüttel und Ottensen, die südlich gelegene, so genannte »Perlenkette« entlang der Elbe und dem als "Hafencity" vermarkteten ehemaligen Hafengelände im Osten, wird in dem Korridor dazwischen kräftig am Stadtumbau gewerkelt. Entlang dieser Achse vom Millerntor, über Reeperbahn und Neue Große Bergstraße bis zum Bahnhof Altona wird der Lückenschluss zwischen noblem Hafenrand und den Szenestadtteilen einer kreativen Klasse angestrebt. Durch die geplante Verlagerung des Altonaer Fernbahnhofs zum heutigen S-Bahnhof Diebsteich wird künftig ein beträchtliches Areal am Ende dieser Achse frei, auf dem nach erprobten Rezepten ein neuer Stadtteil zu einem weiteren Schmuckstück eines »wachsenden« Hamburgs reifen soll. Sicherlich wird auch hier der öffentlichen Beteiligung eine kosmetische Rolle vorbehalten bleiben, während sich in den angrenzenden Stadtteilen von Altona-Nord bis zu den südlichen Bereichen Bahrenfelds sehr konkrete Auswirkungen zeigen werden. Wahrscheinlich werden auch hier künstlerische Projekte und kulturelle Zwischennutzungen die Entwicklungsphasen begleiten, ohne sie zu stören.

Die Eindämmung von Wildwuchs und nicht geplanter Zweckentfremdung sowie eine allgemeine Zurückweisung eines Rechts auf Abweichung sind Charakteristika gegenwärtiger urbaner Aufwertungsprozesse. Die »fatale Vorstellung«, mit materiell gewordenen Utopien die Stadt zu formen, die exzessive Inszenierung urbaner Räume und die Simulation von Mitbestimmung verschleiern die sozialen Auswirkungen und erschweren Kritik und Einflussnahme. Auf der großzügigen Fläche der Neuen Großen Bergstraße in Altona standen früher etliche Pavillons. Zwischen den Häuserzeilen stehend waren sie von migrantischen Kleinökonomien, wie Bäckereien, Imbissen, Gemüse- und Ramschhändlern belegt. Obwohl sie die Straße zu einem belebten Ort machten und das Verschwinden etablierter Geschäfte und Kaufhausfilialen kompensierten, wurden sie vor einigen Jahren von der Stadtverwaltung abgerissen. Auch hier sollten urbane Orte nicht in einem ungeplanten Prozess bespielt werden, sondern als leer geräumte Flächen auf die Ankunft zahlungskräftiger Investoren warten. Stattdessen wurden Künstler_innen eingeladen, den Stadtraum zu beleben. Da sie in der Regel ihrem örtlichen Kontext und den Auswirkungen ihrer Anwesenheit keine besondere Aufmerksamkeit schenken, empfehlen sie sich als pflegeleichte Lückenfüller. Doch auch ein schlechtes Gewissen oder erlaubte Verbalkritik werden weder der »wachsenden Stadt« gefährlich, noch lösen sie das Dilemma der eigenen Verstrickung. Der derzeitige Aufwertungs- und Disziplinierungsprozess in St. Pauli jedoch, oder die künftige Erfindung eines neuen Stadtteils in Altona wären als Produkte des Stadtumbaus ganz handfest zu dekonstruieren, und nicht durch ästhetische, gar auch politisch gemeinte Beiträge aufzuhübschen.

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