Kein Schimmel mehr im Schimmelmuseum

von Cornelia Sollfrank

6.11.2006


Vom Kunstpublikum und anderen Öffentlichkeiten kaum wahrgenommen, ist es, ganz im Sinne des Erfinders, still vor sich hingeschimmelt, das “Schimmelmuseum”, bis es, im Winter 2004, von einer Abrißbirne zerschmettert, sein gewaltsames Ende fand. Da, wo es vorher gemütlich vor sich hingewest, wuchs und wucherte, sich vermehrt hatte, lebte und – wie die Nachbarn genervt berichteten – auch oft stank, steht inzwischen ein neues Gebäude, eines wie alle anderen, ordentlich, sauber, geruchsneutral und nicht zuletzt profitabel.

Von außen eher unauffällig, mit Efeu überrankt, hatte das Schimmelmuseum etwas über 10 Jahre sein Dasein in der ehemaligen Remise in der vornehmen Alsterchaussee, zwischen Mittelweg und Außenalster, gefristet. Ermöglicht durch den Kunstsammler und Rechtsanwalt Philipp R. Buse, der u.a. das Gebäude dafür zur Verfügung gestellt hatte, bekam der Schweizer Künstler Dieter Roth Ende der 1980er die Gelegenheit, ein ungewöhnliches Konzept zu realisieren: die Errichtung eines Schimmelmuseums.
 
Bereits seit den 1970er Jahren hatte der Schweizer Künstler Dieter Roth mit verderblichen Materialien experimentiert. Seine Objekte sollten einem natürlichen Alterungsprozess unterliegen – bis zur totalen Selbstauflösung. Im Schimmelmuseum, dem Hauptwerk des 1998 verstorbenen Künstlers, waren mehrere hundert verderbliche Kunstwerke — vornehmlich aus Käse und Schokolade — aufgebaut, deren Verfallsprozess langsam auf das ganze Gebäude übergreifen sollte. Ein radikales Konzept, das dem Künstler – trotz seiner Widerspenstigkeit gegen den Kunstmarkt – Weltruhm einbrachte, und bis heute Sammler, Kuratoren und Restauratoren vor scheinbar unlösbare Probleme stellt. Für meist teures Geld erworbene Kunst, wie zum Beispiel eine Käseskulptur, verschwindet dabei nicht nur langsam und augenscheinlich durch organische Verfallsprozesse, sondern kann nach dem nächtlichen Besuch einer Maus in der Sammlung auch schon mal vorzeitig Löcher aufweisen. Wie sollen dann Kunstverwalter damit umgehen? Reparieren, mit anderem alten, verschimmelten Käse aufwändig flicken? Oder gehört das Loch als Manifestation des Prozesses zur vergehenden Skulptur?
 
Bedroht und letztendlich zerstört wurde das Schimmelmuseum aber weder von der natürlichen Vergänglichkeit noch von gemeinem Ungeziefer, sondern von der Unfähigkeit und dem Unwillen der Kunstverwalter mit den Widersprüchen und der Widerständigkeit dieser Kunst umzugehen. Einem wertvollen Objekt tatenlos beim Vergehen zuzusehen, ein Gebäude im reichen und schicken Pöseldorf einfach verrotten zu lassen, dazu braucht es nicht, wie der dafür zuständige Kurator Dr. Dirk Dobke meinte, eine romantische Vorstellung von Kunst, sondern Verständnis des künstlerischen Konzeptes von Dieter Roth – und eine konsequente Haltung dazu. Unterbricht man den Verfallsprozess, wie geschehen, löst man Teile aus dem Kunstwerk heraus, um es als einzelnes Bild oder einzelne Skulptur im zukünftigen Dieter Roth Archiv unter Idealbedingungen zu präsentieren, oder noch banaler, um sie auf dem Kunstmarkt zu verscherbeln, beginnt man zwangsläufig eine Konserverierung, die nicht im Sinne des Erfinders ist und begeht damit gewaltsam die Zerstörung dieses Kunstwerks, das als wichtigstes Vermächtnis Roths galt.

Dies war auch der Grund dafür, dass ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) auf den Hamburger Vorgang reagierte. ICOMOS, die  Organisation, die die UNESCO in Fragen des Weltkulturerbes berät, wies in ihrer Publikation Heritage at Risk 2003 auf die akute Gefährdung des Schimmelmuseums hin und forderte – ganz im Gegensatz zu ihren üblichen Bestrebungen – den Verfallsprozess nicht zu unterbrechen, um das einmalige Kunstwerk zu retten. Allerdings ohne Erfolg. Erst als der Abriss bereits in vollem Gang war, gab es bedauernde Statements der Hamburger und nationalen Kulturpolitik, der Hamburger Sachwalter für die Moderne Kunst und der Kunstberichterstattung.

Auf der Website (www.schimmelmuseum.de), auf der man sich früher  für eine Besichtigung der Installation anmelden konnte, wird heute immer noch ein virtueller Rundgang durch das Schimmelmuseum angeboten. Und hier ist für das Frühjahr 2007 auch die Eröffnung eines Neubaus für die Dieter Roth Foundation angekündigt. In diesem Neubau wird es dann ordentlich zugehen, sauber und geruchlos, genau wie beim virtuellen Rundgang. Was bleibt ist die Faszination des Konzeptes, den traditionellen Museumsgedanken, Kunst zu erhalten, in sein Gegenteil zu verkehren. Und die Stadt Hamburg hat sich ein weiteres Mal als unfähig erwiesen, auf eine anspruchsvolle künstlerische Herausforderung angemessen zu reagieren.
 


publiziert in: Hamburger Stadtmagazin Scheckheftgepflegt, Winter 2006

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