Viel geredet, wenig miteinander

von Nicole Vrenegor

Montag Mittag, eine weitere Person ruft an: „Du kommst doch heute Abend auch, oder?“ „Ich glaub schon“, antworte ich, „aber ist das nun öffentlich oder nicht?" Es liegt was in der Luft – ein Hauch von Konspiration und nervöser Anspannung. Als ich pünktlich eintreffe, warten schon ungewöhnlich viele Leute vorm Pudelsalon. Es haben also noch mehr einen Anruf oder ne Mail bekommen. Was dann folgt, weckt bei mir starke Assoziationen zu klassischen, französischen Beziehungsfilmen:
Die weit verzweigte Familie trifft sich in ihrem rustikalen Landsitz mit Blick auf den Fluss. Alle sind gekommen, auch wenn einige nicht so gern gesehen sind. Küsschen hier und da. Es gibt Wein, es wird geplaudert, man gibt sich legèr. Alle warten darauf, dass der Gastgeber was sagt. Der sagt kurz, dass er nicht viel sagt und jede/r sich ja selbst vorstellen kann. Eine soll was sagen, aber bitte nicht so. Welche erzählen von ihrem Garten in der Stadt, der schön, aber bedroht ist. Andere berichten von ihren neusten beruflichen Projekten, die subversiv sein sollen. Zwei erzählen, warum sie letztes Jahr nicht da waren, sondern für den reichen Onkel auf der anderen Seite des Flusses gearbeitet haben. Der war dann doch nicht so unkompliziert, wie gedacht, und überhaupt war es ein Fehler, sich drauf einzulassen. Wiederum andere kommen erst gar nicht zu Wort und werden immer wütender darüber. Einige verstehen nur Bahnhof.
Kurz: Es wurde viel geredet, aber wenig miteinander und um den Subtext genau zu dechiffrieren, fehlt mir das Insiderwissen. Was mich zur Veranstaltung getrieben hat, war weniger die Lust auf ein Spektakel, als der Wunsch, darüber zu diskutieren, welche Funktion Kunst, aber auch linker Aktivismus im Prozess der Gentrification einnehmen. Dies war – so mein Eindruck – an diesem Abend nicht möglich. Zu viel angestaute Wut, darüber, wer/wo/wie mitgemacht hat oder nicht. Und wenn Kritik nur noch als Vorwurf gehört wird und nicht mehr als was, das gemeinsam voranbringen kann, wird Diskussion zur Farce.

Meine persönliche Beschäftigung mit Gentrification, also städtischen „Aufwertungs-“ bzw. Verdrängungsprozessen, begann, als ich die Provinz verließ. Als ich mit 19 nach Marburg zog, hieß es: das Biegeneck, früher – großartig, das hat die Stadt platt gemacht. Als ich mit 23 nach Bremen zog, hieß es: der Weidedamm, früher – großartig, den haben die Bullen platt gemacht. Als ich mit 29 nach Hamburg zog, hieß es: das Karoviertel, früher – großartig, das haben die Yuppies platt gemacht. Anscheinend war ich immer zu spät, um die wirklich tollen Orte kennen zu lernen. Vielleicht werden sie auch erst in der Erinnerung und durch den Verlust zu wirklich tollen Orten. In allen drei Fällen wehrten sich die Betroffenen vehement gegen Verdrängung und Umstrukturierung. Den Prozess aufhalten, konnten sie nirgendwo, allenfalls verzögen.
Trotz aller Niederlagen und Verluste hat es sich gelohnt, um jeden dieser Orte zu kämpfen. Auch die Auseinandersetzungen um die Bambule haben gezeigt, welches Potential in der Frage: Wem gehört die Stadt? liegt. So ist es den AktivistInnen (zumindest zeitweilig) gelungen, Querverbindungen zu ziehen zwischen der Räumung eines Bauwagenplatzes auf der einen und einer generellen neoliberalen Umverteilungspolitik von unten nach oben auf der anderen Seite.
Neben diesen Kristallisationspunkten, an denen sich soziale Konflikte konkret zeigen und sich Widerstand formiert, ist Gentrification vor allem aber ein stummer, schleichender Prozess: Wer kann schon genau sagen, wie viele Leute nicht mehr in der Schanze wohnen, da ihnen die Mieten zu hoch geworden sind? Wer bekommt derzeit noch eine Saga-Wohnung im Reiherstiegviertel und wie viele türkische Gemüsehändler mussten in Ottensen den Bioläden weichen? Gentrification ist mehr als ein hipper Begriff aus dem akademischen Stadt-Diskurs. Die Prozesse, die sich dahinter verbergen, haben ganz reale soziale Auswirkungen, die ich – als gut gebildete, deutsche Mittelschichtlerin – eben nicht als Erste zu spüren bekomme.

Was steckt also hinter meiner Suche nach urbanen Orten, die unkommerziell und möglichst „authentisch“ sein sollen? Wie gehe ich damit um, das Problem zu kennen und selbst ein nicht zu unterschätzender Teil dessen zu sein? Wie müssten politische und künstlerische Interventionen aussehen, um nicht gleich nahtlos inkorporiert zu werden? Oder, wenn ich davon ausgehe, dass Kritik zwangsläufig integriert wird und es kein „Außerhalb“ gibt: Welche Dynamiken und Prozesse setzt mein Agieren im System frei und verbessern oder verschlechtern sich dadurch die Ausgangsbedingungen für zukünftige Kämpfe? Wie können gemeinsame Kriterien entwickelt werden, um handlungsfähig zu werden? Schließlich kann die einzige Option nicht nur darin liegen, über die böse Gentrification zu schimpfen und einen Stadtteil weiter zu ziehen, um das Gleiche dort wieder in Gang zu setzen.

Eine Diskussion darüber ist dringend notwendig. Gerade das Beispiel IBA bietet sich an, da die Stadt hier sehr geschickt agiert und Kunstschaffende ganz bewusst mit ins Boot holt, um die Elbinseln zu einem Place to be zu machen. Mir hat sich nicht erschlossen, warum linke Kulturschaffende letztes Jahr meinten, im Rahmen des IBA-Kultursommers kritisch gegen Gentrification wirken zu können. Was ich dort konkret an Projekten gesehen habe, hat mich noch weniger davon überzeugt, dass hier künstlerische Interventionen möglich sind, die nicht zur Legitimation des von städtischer Seite gewünschten „Sprungs über die Elbe“ führen.
Auch mein Unbehagen, von St. Pauli aus zu diesen Kunsthappenings einzufliegen, ist weiter gestiegen. So bleib ich mit meinem gestylten Second-Hand-Look und dem mühsam erworbenen subkulturellen Geschmack doch lieber in meinem Viertel, da kann ich nicht so viel anrichten. Und mit Rückzugsgefechten kenne ich mich ja schließlich aus...

Kommentar [1]
zucker schrieb am 12.09.2008 20:53

i love the text.
hatte selber den eindruck in einem berlin-tatort gelandet zu sein, wo lauter fässer sich plötzlich öffnen und das öl langsam ins feuer sickert, aber
der französische film passt viel besser.
vor allem weil es auch die blickregie eher dahin gepasst hätte.
herzlichen dank
zuckers

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