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20. Oktober 2008

Wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse

Der Abriss des Schimmelmuseums von Dieter Roth
Beobachtungen vom 28. Januar bis zum 19. Februar 2004, erinnert im Oktober 2008Schimmelmuseum

von Nana Petzet

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Besucht man die Website der Hamburger Dieter Roth Foundation, wird man zu einem virtuellen Rundgang durch das Schimmelmuseum eingeladen. Der Informationstext auf der ersten Seite, neben einem Bild der Eingangstür des Schimmelmuseums, lautet: „1990 beginnt Dieter Roth damit, eine leerstehende Remise in der Nähe der Hamburger Außenalster zu einem Gesamtkunstwerk auf zwei Etagen zu gestalten. Hier will er noch einmal jene frühe Werkphase vergänglicher Kunst inszenieren, mit der er Ende der 60er Jahre international auf sich aufmerksam machen konnte. Er arbeitet an dieser Installation bis zu seinem plötzlichen Tod 1998.“  2004 wurde auf der Website noch ein realer Rundgang durch das Museum angeboten. Als wir am 28. Januar 2004 die angegebene Telefonnummer wählten, um uns zum Rundgang anzumelden, teilte uns eine Angestellte der Rechtsanwaltskanzlei des Besitzers des Schimmelmuseums mit, der Kurator Dr. Dirk Dobke sei gerade dabei, das Museum auszuräumen. Wir fuhren in die Alsterchaussee. Da die Eingangstür geschlossen war, betraten wir das Gebäude durch die geöffnete Hintertür und kamen direkt in die Schokoladenküche. Dirk Dobke war nicht da. Drei Arbeiter und ein als Restaurator angestellter Maler und Bildhauer arbeiteten an der Demontage des Inventars. Wir wateten durch eine Masse aus alter Schokolade und bedauerten, frühere Gelegenheiten, das Schimmelmuseum zu besichtigen, nicht ergriffen zu haben. Das ganze Gebäude war erfüllt von einem nicht unangenehmen Geruch. So könnte es in einer stillgelegten Schokoladenfabrik riechen.

Das Museum war tatsächlich bereits weit gehend leer geräumt. Einer der Arbeiter erzählte uns, dass er seit Sommer 2003 unter Anleitung des Kurators, aber ohne restauratorische Begleitung, die aus hunderten von fragilen Schokolade- und Zuckerobjekten bestehenden Skulpturen „Löwenturm“, „Selbstturm“ und „Zuckerturm“ in Kisten verpackt und in die hinter dem Gebäude liegende Garage gebracht hatte (Abb. 27). Trotzdem waren noch viele Einzelstücke im Museum verblieben (Abb. 1 - 3). Und die Wände, die Böden, und Decken – vom Künstler mit Mitteln wie Rahmung, Bemalung, Verglasung und das Hinterlassen von Arbeitsspuren zum Teil des Kunstwerks gemacht – waren noch intakt. Der Maler erzählte uns, er sei vor kurzem engagiert worden, um einzelne Wandstücke, die mit gelben Zetteln gekennzeichnet waren (Abb. 4 u. 5) zu sichern. Der Abbruch des Gebäudes sollte am Montag stattfinden.

Am Montag, dem 2. Februar, stand das Gebäude immer noch, weil sich das Heraussägen von Wandstücken offenbar als schwieriger erwies als erwartet (Abb. 6, 7 u. 8). Es lief eine Kamera und der Maler machte Fotos. Ein paar Tage später wurde es den Angestellten scheinbar untersagt, Leute ins Haus zu lassen oder Auskünfte zu geben. In der Zwischenzeit hatte Cornelia Sollfrank eine Presseerklärung über den Abbruch des Schimmelmuseums durch die Dieter Roth Foundation geschrieben, die von der DPA übernommen worden war und ein internationales Presseecho ausgelöst hatte. Wir dokumentierten den Teil des Schimmelmuseums (Abb. 14), der bereits aufgegeben war: die verglaste Decke des hinteren Raums im ersten Stock (Abb. 9 u. 10), am Fußboden Spuren der „Zuckerlandschaft am Rhein“ (Abb. 11), im Erdgeschoss Reste des „Selbstturms“ und Verpackungskisten (Abb. 12). Hier war die Schokoladenküche gewesen (Abb. 13).

Am 16.Februar wurde der hintere Teil des Schimmelmuseums abgerissen und entsorgt (Abb. 15). Im zur Straße gelegenen Teil wurde immer noch „gerettet“. Man hatte es aufgegeben, mittels Rohrschneidetechnik präzise Wandsegmente aus dem Kunstwerk herauszulösen und stattdessen beschlossen, die beiden, zwischen der Türe und den Fenstern im oberen Teil der Fassade liegenden Wandsegmente zu erhalten (Abb. 16, 17, 20, 21, 22, 25).


Als ich während des Abbruchs einmal alleine vorbeischaute, kam mir ein älterer Herr entgegen, der das Gelände offensichtlich betreten wollte und fragte: „Ist das wirklich so wichtig?“ Ich fand  das schon, hier werde schließlich gerade ein Hauptwerk eines weltberühmten Künstlers zerkleinert. Er sagte: „Das ist doch ganz im Sinn des Künstlers.“ Ich dachte: „Dieter Roth war es doch um einen natürlichen Zerfallsprozess des gesamten Gebäudes gegangen“. Und was bedeuteten überhaupt  diese etwas hoffnungslos wirkenden Sicherungsaktionen von Hausresten (Abb. 29 - 32)? Würde es eine größere, schönere, ideal klimatisierte und einbruchsichere Behausung für das Inventar des Schimmelmuseums geben? Oder würde vielleicht in ein paar Jahren ein mobiles Schimmelmuseum, vom Sohn des Künstlers mit Schokolade besprenkelt und autorisiert, eine Welttournee antreten?

Am 19. Februar war das Schimmelmuseum ein Schutthaufen, der dazu einlud, sich ein paar Souvenirs mitzunehmen (Abb. 38 u. 39). Heute steht an seiner Stelle ein ganz gewöhnliches Bürogebäude.




Fotos von Charlotte Crome, Peer Feldhaus, Cornelia Sollfrank, Olafur Gislason, Stefan Exler und Nana Petzet

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Abb. 1
Abb. 2
Abb. 3
Abb. 4
Abb. 5
Abb. 6
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Abb. 8
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Abb. 12
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Abb. 14
Abb. 15
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Abb. 39

Abb. 1-5, 14,17,18, 22 und 23 © Cornelia Sollfrank
Abb. 6-13 © Charlotte Chrome und Peer Feldhaus
Abb. 1-5, 14,17,18, 22 und 23 © Olafur Gislason
Abb. 29 - 37 © Stefan Exler
Abb. 15, 16, 19, 20, 21, 28, 38, 39  © Nana Petzet

Weitere Beiträge auf THE THING zum Schimmelmuseum:

"Wahnisinn in Tüten"
Ein Gespräch zwischen Dr. Dirk Dobke und Herbert Hossmann über den Künstler Dieter Roth, dessen höchst vergängliche Kunst und wie die Stadt Hamburg und die Dieter Roth Foundation damit umgehen.

"The Schimmel Files"
Materialien, die die Arbeit der Initiative zur Rettung des Schimmelmuseums sowie das Interesse der Medien und Denkmalschützer am Abriss des Schimmelmuseums dokumentieren

Kommentare [4]
ulrike bergermann schrieb am 20.10.2008 17:46

danke für die visuelle archäologie!

HG Pensky schrieb am 10.12.2008 15:22

Vielen Dank für diese Exkursion. Von dem Museum und der Arbeit hörte ich schon 1992, immer mal wieder. Mir mangelte es an Beharrlichkeit, in dieser Sache weiter zu forschen und nach zu gucken, bis ich auf diese Bilder stieß.
Wieder eine Lücke geschlossen

g__________h.

Kristina Sassenscheidt schrieb am 26.12.2008 11:24

Schöne Dokumentation. Vielleicht sollte man generell mal die Hamburger Abrisse etwas genauer dokumentieren..
Hier ein bescheidener Anfang auf youtube:
www.youtube.com/watch

Herbert Hossmann schrieb am 28.12.2008 16:56

Guter Vorschlag, Hamburger Abrisse zu dokumentieren. Mir erscheint das bitter nötig, um auch diesen Aspekt Hamburger
Kulturpolitik ins Visier zu nehmen, denn die Liste bedeutender
Bauwerke, die die Stadt auch in jüngster Zeit preisgegeben hat, ist lang.

So wurde beispielweise völlig undiskutiert in der Öffentlichkeit 2004 das von Paul Seitz Ende der 50er Jahre errichtete Amerikahaus an der Moorweide abgerissen, um der Banalarchitektur des Elysee Hotels Platz zu machen.

Damit wurde nicht nur ein in allerbester Nachkriegsarchitektur
entworfenes Gebäude aus dem Hamburger Stadtbild entfernt, sondern auch der Ort beseitigt, der von hoher symbolischer Bedeutung für die Entwicklung der Stadt und des in ihr herrschenden Klimas war. Das Amerikahaus war mit seinem breitem Veranstaltungsprogramms und seiner exzellenten Bibliothek Ort der Re-education, lieferte einen Beitrag
zur Demokratisierung der Bundesrepublik und zur Beförderung des Schüler und Studentenaustauschs zwischen beiden Ländern und war das Angriffsziel wütender Proteste gegen us-amerikanische Kriegs- und Außenpolitik.

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