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3. Dezember 2008

Des Pudels Reisen

Von Sabine Falk


In Fragen der Gentrifizierung durch Kunstprojekte ist des Pudels Kern ein wenig sichtbar geworden, an jenem Augustabend im Pudel Club Salon. Nun ging der Pudel auf Reisen. Am 10. Oktober 2008 lud Michel Chevalier zu einem Treffen in seinen Laden von »unlimited liability« ein. »Mit oder gegen Gentrifizierung?« lautete das Motto der Veranstaltung. Die Moderatorin Nicole Vrenegor eröffnete die Debatte mit der These, dass eine Position des »Für« und des »Gegen« Gentrifizierung innerhalb der Kunstkonzepte möglich sei. Hitzig wurde diskutiert, welche Kriterien erfüllt sein müssten, damit Kunst im Rahmen einer Stadtteilaufwertung nicht vereinnahmt werden kann.

Ich lud acht TeilnehmerInnen dieser Veranstaltung dazu ein, ihre Thesen und ihre Kritik am Abend in einem nachträglichen Kommentar auf The Thing Hamburg für »Des Pudels Reisen« zu äußern. Die Internationale Bau Ausstellung in Wilhelmsburg und ihre Kunstpolitik blieben im Fokus der Debatte, wie schon in den Beiträgen zu »Des Pudels Kern«. Zumal Anwohner des »Weltquartiers« in Wilhelmsburg sich an diesem Abend zu Wort meldeten, unter anderem Kai Seemann von »Südbalkon«.

Aber auch das Münzviertel und die Pläne dort zur Stadtteilumgestaltung in den nächsten vier Jahren waren von hohem Interesse. Günter Westphal von »Kunst Naher Gegenden« lebt und arbeitet hier. Er hat maßgeblich ein Konzept mit ausgearbeitet, welches im Herbst den Zuschlag über 400.000 Euro von der Bezirksverwaltung Mitte erhielt. Das Münzviertel ist nun offiziell ein Themengebiet im Rahmen der Hamburgischen »Aktiven Stadtteilentwicklung 2005-2008«. Jetzt müssen diese Gelder paritätisch verwaltet werden. »Stadtteilumgestaltung statt Gentrifizierung« lautet die Parole.


Wird es den dortigen AkteurInnen gelingen, den drohenden städtischen Umstrukturierungsprozessen gegen zu steuern und sich nicht vereinnahmen zu lassen? Zumal beim derzeitigen Wettbewerbsverfahren um Gelder für eine Produktionsschule das Münzviertel den Zuschlag erhalten könnte, gerade weil dort eine künstlerische Ausbildung und Produktion integriert werden soll, der sogenannte »Baustein Kunst«. Vielleicht sogar in Kooperation mit der Kunsthochschule Hamburg.


Michel Chevalier beispielsweise sieht seinen Laden, der im Münzviertel beheimatet ist, als ein Kunstprojekt, das »die Gentry – also die städtische Bourgeoisie – als Problem identifiziert und davon ausgeht, dass emanzipatorische Ansprüche von Kunst mit der Politik ihrer Mäzene einfach nicht vereinbar sind.« Jene Mäzene sind häufig auch Immobilienspekulanten und –besitzer und steuern eine Stadtteilaufwertung zu ihren Gunsten, wie am Beispiel von Jochen Waitz in der Admiralitätsstraße gut zu sehen ist.
Aber auch Chevaliers Projekt sah sich an dem Abend dem Verdacht ausgesetzt, einer Gentrifizierung zuzuarbeiten.


Das zweite Treffen diesen Jahres zum Thema »Gentrifizierung und Kunst« verlief ruhiger und konzentrierter als jenes im Pudels. Gerade die RednerInnen, welche in den von Gentrifizierung betroffenen Stadtteilen selber wohnen, eröffneten neue Perspektiven und sprachen darüber hinaus deutlich negative Bewertungen der Kunstaktivitäten im Rahmen der IBA aus.


Damit die Bestrebungen einer Verhinderung von Gentrifizierung gelingen können, bedarf es einer fortbleibenden Kritik von außen, aber auch der Fähigkeit zur konzeptuellen Umsetzung dieser Kritik von den AkteurInnen selbst. Die auf The Thing Hamburg veröffentlichen Kommentare sollen einer Debatte zur Verfügung gestellt werden, die, so scheint es, gerade saisonal bedingt in Winterschlaf fällt. Weil die IBA und die Stadt Hamburg mit einer auf die Hafencity abgestimmten Kunst- und Kulturpolitik Weichen stellen für alle Kulturschaffenden in dieser Stadt, bleibt die Selbstorganisation der AkteurInnen gegen Gentrifizierung in den nächsten Jahren dringend notwendig.


Kommentare und Nachträge von den LeserInnen sind sehr willkommen und können, zusätzlich zur Kommentarfunktion am Ende jeden Textes auf The Thing, gesendet werden an info at thing-hamburg.de .


Hier die Liste der eingeladenen KommentatorInnen:



1. Peter Birke ist Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Hamburger
Uni. Er wohnt in Wilhelmsburg und ist dort in Initiativen aktiv, die gegen
Mieterhöhungen und Ausgrenzung protestieren. Zusammen mit der
Künstlerin Bianka Buchen arbeitet er: 1. an einer Dokumentation der
Widersprüche der Gentrifizierung am Beispiel der Wilhelmsburger
Veringstrasse (bis 2013), 2. an einer Kartierung zu den Auswirkungen der
industriellen Produktion im Wohnviertel, 3. zum Gegensatz zwischen
IBA-Image und der sozialen Situation im so genanntnen Weltquartier.
Letzte Veröffentlichung: Besetze Deine Stadt/BZ din By - Häuserkämpfe
und Stadtentwicklung in Kopenhagen, Hamburg (Assoziation A), 2007; in
Hamburg aktiv in der Gruppe »Blauer Montag«.
Ich fragte Peter Birke nach den Nachbarn und wie ein nachbarschaftliches
Projekt aussehen könnte? Welche Möglichkeiten sieht er für Verbindungen
zwischen widerständiger Politik und künstlerischer Arbeit?



2. Jörg v. Prondzinski ist ein »eingeborener Wilhelmsburger«, der dort wohnt
und arbeitet. Als Biologe mit den Schwerpunkten Botanik, Ökologie und
Hafen wirkt er an der Hamburg-Kartierung für einen Atlas zur
Pflanzenverbreitung mit und ist als Naturschützer u.a. für den Botanischen
Verein tätig. Er war Mitbegründer von Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e.V.
und ist an der unabhängigen Monats-Inselzeitung Wilhemsburger
InselRundblick (WIR) beteiligt. Als »Stadtteilagent« bietet Jörg v.
Prondzinski Inseltouristik zu Fuß, per Rad oder per HVV an.
Ihn fragte ich, warum er sich als »IBA-Opfer« sieht? Welche Konflikte gab es schon immer in Wilhelmsburg und welchen Zusammenhang sieht er zwischen
steigenden Mieten und der ablehnenden Haltung der Einheimischen gegenüber
der Kunst-Politik der IBA?



3. Günter Westphal studierte in den 1970er Jahren visuelle Kommunikation an der Hamburger Kunsthochschule. Im Münzviertel hat er "Kunst Naher Gegenden" gegründet und ein Konzept mit erarbeitet, welches diesen Herbst vom Bezirksamt Mitte den Zuschlag erhielt: Für die nächsten vier Jahre ist das Münzviertel als "Themengebiet im Rahmen der Hamburgischen aktiven Stadtteilgestaltung 2005 - 2008" ausgewiesen und erhält dafür 400.000 Euro.
Ich stellte Günter Westphal die meisten Fragen, er erschien mir als eine zentrale Figur der Veranstaltung. So fragte ich ihn nach der Bedeutung von Generationsunterschieden in einem Stadtteilprojekt, nach den Möglichkeiten und Grenzen einer Zusammenarbeit mit Behörden angesichts seiner langjährigen Erfahrungen damit und nach seiner Forderung einer »Stadtumgestaltung«, anstelle einer »Stadtaufwertung«. Schließlich griff ich seine paradoxe Formulierung auf: "»ich« statt »wir« und wie könnte dennoch ein »wir« gehen?" Zu letzterem hat Günter Westphal hier Stellung genommen. Eine Beantwortung aller Fragen muß noch etwas warten, weil er derzeit vollauf mit der konzeptuellen und praktischen Arbeit in seinem Viertel beschäftigt ist.


4. Melanie Sisko stellte ich die Frage, welche sie selber aufwarf, nämlich warum denn ausgerechnet die Berufsgruppe der KünstlerInnen als AkteurInnen in Stadtteilen dienen, die gerade einer Aufwertung unterzogen werden?
Sie sprach an dem Abend von der ständigen Auseinandersetzung um die »Gestaltung des eigenen Lebens«, in Abgrenzung zur »Identität als KünstlerIn«. Ich fragte Melanie Sisko, welche dieser beiden Positionen mehr Einfluß auf Entscheidungen bei Stadtentwicklungsprojekten nehmen sollte?



5. Alexander Brehm thematisierte und kritisierte die nicht nachlassende Selbstverwertung von KünstlerInnen (Zitat: "Warme Netzwerke und kleine Leitern"). Er versuchte, auf die Marktlogik im Sprechen am Abend selbst hinzuweisen. Ich fragte Alexander Brehm, wie und unter welchen Bedingungen ein anderes Sprechen ermöglicht werden könnte?

6. Gerrit aka Gerda Grimm kritisierte jegliche künstlerische Aktivität in Gentrifizierungsgebieten: "Unkommerziell reicht nicht als Massnahme gegen Gentrifzierung." Er bezog sich damit auch auf den Laden von »unlimited liability«. Es ginge nicht nur um Ökonomie, sondern auch um eine symbolische Aufwertung. Ihn fragte ich, warum er die Möglichkeiten von Kunst insgesamt in Zweifel zieht? Welche anderen Strategien könnten gegen Aufwertungsprozesse wirksam sein?

7. Malte Steiner ist Bildender Künstler und lebt im Münzviertel. Ich fragte ihn, warum er das Modell eines Stadtteil- oder Quartierskünstler geeigneter dafür hält, einer Gentrifizierung nicht zuzuarbeiten? Welche Aufgaben kann Kunst in einem Viertel haben? Wie gestaltet sich das künstlerische Selbstverständnis, wenn soziale Aspekte in die Kunstproduktion integriert werden?

8. Kai Seemann
lebt in Wilhelmsburg und berichtete von der Entstehung und den wöchentlichen Aktivitäten von »Südbalkon«. Ich bat ihn, über ein internes Für und Wieder der dortigen Akteure zu Kunst und Gentrifizierung zu berichten. Kai Seemann sagte leider aus Zeitgründen einen Kommentar ab.








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