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31. März 2009

Kontrollierte Virtualitäten und virtuelle Kontrollen

von Anna-Lena Wenzel

Kontrolle und Virtualität waren die zwei Stichwörter eines umfangreichen Symposions an der
Hochschule für Bildende Künste (HfBK), das vom 3. bis 8. November in Hamburg stattfand und von der HfBK (Prof. Hans-Joachim Lenger, Prof. Michaela Ott, Sarah Speck, Harald Strauß), der Universität Basel (Prof. Georg Christoph Tholen) und der Universität Paris VIII - Saint Denis (Prof. Alain Brossat) konzipiert und durchgeführt wurde.

Den Ausgangspunkt bildeten Deleuze Ausführungen zur Kontrollgesellschaft. “Wir sind dabei, in ´Kontroll`Gesellschaften einzutreten, die genaugenommen keine Disziplinargesellschaften mehr sind. Foucault gilt nicht selten als der Denker der Disziplinargesellschaften und ihrer prinzipiellen Technik, der Einschließung. Aber in Wirklichkeit gehört er zu den ersten, die sagen, dass wir dabei sind die Disziplinargesellschaft zu verlassen, dass das schon nicht mehr unsere Gegenwart ist. Wir treten ein in Kontrollgesellschaften, die nicht mehr durch Internierung funktionieren, sondern durch unablässige Kontrolle und unmittelbare Kommunikation.” (1)
Deleuze knüpft damit an Michel Foucaults Untersuchungen der Disziplinargesellschaften an und erweitert sie auf unsere heutigen Gesellschaften. Wie in einigen Vorträgen betont wurde, bedeutet die Ausrufung einer Kontrollgesellschaft jedoch nicht die Ablösung der einen Gesellschaftsform durch die andere, sondern ihre Aktualisierung. Somit lassen sich sowohl Kontinuitäten als auch Gleichzeitigkeiten verschiedener Machtformen diagnostizieren. Laut Foucault sind schon die Disziplinargesellschaften diejenigen Machtverhältnisse, “die nicht mit dem Recht sondern mit der Technik arbeiten, nicht mit der Normalisierung, nicht mit der Strafe sondern mit der Kontrolle”. (2)
Diese Kontrollmechanismen zeichnen sich durch eine gesteigerte Differenzierung aus und wirken zusehends in Mikrologien. Sie lassen lediglich minimale und ambivalente Lückenbildungen zu und gehen mit Veränderungen im politischen, sozialen, kulturellen, medialen und wirtschaftlichen Bereich einher, die es auf dem Symposion zu untersuchen galt.Die politisch-ökonomischen und künstlerisch-ästhetischen Dimensionen der KontrollgesellschaftDoch wie stellen sich die Kontrollgesellschaften heute dar, wie gestaltet sich die unmittelbare Kommunikation? Diskutiert wurde die Fragen nach den heutigen politisch-ökonomischen sowie künstlerisch-ästhetischen Dimensionen der Kontrollgesellschaften und ihren Auswirkungen auf Subjekte, universitäre Strukturen etc. auf unterschiedlichen Ebenen: neben Vorträgen gab es eine Reihe künstlerischer Aktionen, die das Thema auf unterschiedliche Weise aufgriffen. Der theoretische Teil war in mehrere Panels unterteilt: 'Film', 'Das zersplitterte Panoptikum', 'Die Macht der Effekte', 'Selbstkontrolle der Arbeit', 'aisthesis des Denkens'. Dabei wurde wiederholt versucht, die theoretischen Erörterungen mit den konkreten Entwicklungen an der HfBK in Bezug zu setzen.




Hans-Joachim Lenger, Eröffnung »Virtualität und Kontrolle«, © Harald Strauß

Die Analyse heutiger Macht- und Kontrolldispositive sowie deren medialen Formen wurde durch Hans Joachim Lenger (HfbK, Hamburg) eingeleitet. Er hob in seiner Einführung drei Aspekte der Kontrollgesellschaften hervor und verknüpfte damit die unterschiedlichen Schwerpunkte des Symposiums. 1. Die Veränderungen (Mutationen) des Kapitalismus 2. die Entwicklungen der technologischen Medien (Kybernetik und Computer) und 3. die Auswirkungen auf Lebenswelten und Subjekte. Zu beobachten ist eine Verlagerung der Macht in die Subjekte, die zur Folge hat, dass sich diese in Selbstführung und Selbstkontrolle üben.


Die meisten Beiträge behandelten aktuelle Formen der Kontrollgesellschaft und ihrer Sicherheitsdispositive. So verwiesen Alain Brossat und Peter Koll (beide Universität Paris VIII) auf die Kontinuitäten der Sicherheitsdispositive, die sich mit dem Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft weniger stark verändert hätten, als auf dem Symposion z.T. behauptet wurde. Ulrich Bröckling (Universität Leipzig) wiederum konkretisierte die Veränderungen am Beispiel der Prävention, die –als politische Rationalität – zunehmend zu einer Form der Selbstkontrolle wird. Georg Christoph Tholen (Universität Basel) thematisierte das Blickregime des panoptisch organisierten Fernsehens am Beispiel von Talkshows.
Dabei ging es immer auch um die Frage nach Möglichkeiten künstlerischer, politischer und wissenschaftlicher Widerständigkeiten, nach dem 'Virtuellen', wie Hans-Joachim Lenger im Anschluss an Deleuze formulierte. Wie lassen sich Fluchtlinien denken, die sich der Logik des Möglichen und Wirklichen entziehen? Wie das Ungeschichtliche, das sich immer wieder in Brüchen des Politischen und in Kreativiäten des Künstlerischen Ausdruck verschafft? Wo ergeben sich Möglichkeiten des Nicht-so-regiert werdens? Dieser Frage wurde insbesondere in den letzten Vorträgen nachgegangen. Olaf Sanders (Universität Köln) entwickelte aus Deleuze` Pädagogiken eine "Ethik des Widerstands gegen die funktionale Verdummung an Universitäten". Kathrin Busch (Universität Lüneburg) stellte das essayistische Denken als eines heraus, das in einem Zwischenbereich zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt ist und Räume des Nicht-Erwartbaren und Unvorhergesehenen ermöglicht. Sie warnt vor einer einseitigen, unkritischen Übernahme wissenschaftlicher Ansätze und Begriffe, wie sie in den letzten Jahren im Kunstfeld gerade in Zusammenhang mit der Einrichtung von Promotionsstudiengängen an Kunsthochschulen zu beobachten waren.

Grundsätzlich wurde kritisiert, dass die Ökonomisierung der Lehre und des Studiums zum Verlust zeitlicher und denkerische Freiräume führe, was insbesondere an der HfBK mit der Umstellung auf Bachelor / Master und die Einführung von Studiengebühren befürchtet wird (wurde). Doch sei es nicht einfach, Strategien zu entwickeln und Situationen herzustellen, die das "Denken im Denken halten" ohne sich in der Passivität zu verkriechen. Möglichkeiten anderer Techniken wurden dabei von Sandro Gaycken (Universität Stuttgart, Chaos Computer Club) und Clemens Apprich (Institut für Wissenschaften vom Menschen, Wien) eröffnet. Erster sprach vom Counterdevelopment als Gegenentwicklung auf technologischer Ebene, zweiter über das Netzpionierprojekt Public Netbase. In den Vorträgen von Christian Hoffstadt / Michael Nagenborg (Universität Karlsruhe) und Hans Christian Dany (Hamburg) wurde jedoch deutlich, wie sehr Technologien wie das Computerspiel "World of Warcraft" und "Die Pflicht zum Rausch" Bestandteil eines militärisch-kapitalistischen Gefüges sind.

Aus dem Wunsch heraus, unterschiedliche Texturen, Formate, und Gruppen  miteinander zu verbinden, sie „in Konstellationen zu versetzen, die sich überlagern, interferieren und möglicherweise für Überraschungen sorgen“ (3) gab es neben den Vorträgen weitere Veranstaltungen an der Schnittstelle von Theorie, Kunst, Musik und Aktivismus, die das Symposion rhizomartig verbreiteten und vernetzten. Zum Auftakt des Symposions wurde das Thema in einer Theaterperformance aufgegriffen, die im Nachtasyl des Thalia Theaters aufgeführt wurde. Neben der theoretischen Erörterung des Themas mit Hilfe von Foucault-Zitaten lag der Schwerpunkt von "Coach Yourself. Management ab 11", das von Kinder aufgeführt wurde, auf der Sichtbarmachung der Mechanismen der Selbstkontrolle. Diese wurden in nachgestellten Szenen aus Coachingseminaren, Entspannungs- und Sportkursen anschaulich gemacht. Diese wurden in nachgestellten Szenen aus Coachingseminaren, Entspannungs- und Sportkursen anschaulich gemacht. Hier werden die Teilnehmer für Bewerbungsgespräche, Leistungswettbewerbe und lebenslanges Lernen trainiert. In Interviews mit Kindern, die an die Rückwand projiziert wurden, wurde deutlich, dass diese Mechanismen schon im Kindesalter einsetzen. Vor allem der Leistungs- und Wettbewerbsdruck in der Schule sorgt dafür, dass Kinder schon früh Lernen als Gut begreifen, das sie vor Arbeitslosigkeit und dem "Dummkopfdasein“ (Zitat eines der Kinder) beschützt.
 
 
Performance im Nachtasyl des ThaliaTheater, © Harald Strauß

Desweiteren präsentierte Michaela Ott Filme von Sandra Schäfer und Angela Melitopoulos, gab die Wiener Sängerin und Künstlerin Gustav ein Konzert und veranstaltete MAKNETE e.V. einen Abend "in memorian Gilles Deleuze". Die Gruppe LIGNA erschuf ein "Labor für unkontrollierbare Situationen" und organisierte eine Performance in der Europapassage in der Hamburger Innenstadt, die Information, Aktion und Reflektion miteinander verband. Die Aktion griff die vielfältigen Kontrollmechanismen im öffentlichen Raum im Allgemeinen und den Einkaufspassagen im Besonderen auf. Dazu zählt nicht nur die hohe Präsenz von Sicherheitsdiensten und Überwachungsmechanismen in zusehends privatisierten Räumen, sondern auch die Steuerung des Einkaufsverhaltens durch eine spezifische Einkaufsarchitektur, Einkaufsmusik und Duftberieselung. Die mit Radioempfängern ausgestatteten Teilnehmer wurden aufgefordert, kleine abweichende Bewegungen durchzuführen, um die Gesten des warenförmigen Raumes zu parodieren.

Aufgrund von Zeit- und Raummangel war es auf dem Symposium nicht möglich, Diskussionen und Kontroversen in dem Maße nachzugehen, wie es insbesondere in den Eröffnungsreden des HfBK-Präsidenten Martin Köttering und der Hochschulbeauftragten des französischen Konsulats, Valérie Le Vot, gefordert worden war. Denn kontroverse Positionen gab es genug. So betonte Maria Muhle (Universität Weimar) in ihrem Vortrag die Omnipräsenz der Macht bei Foucault, die keine Möglichkeiten eines Widerstandes zulasse, der außerhalb der Machtmechanismen angesiedelt ist. Nicht als Gegenmodell zu den Kontrollmechanismen ist das Widerständige zu denken, sondern als temporäre Möglichkeit der Umdeutung und Beschleunigung der Entwicklungen der Kontrollgesellschaft: Das Politische als Dissens und Verbindung unterschiedlicher Aufteilungen des Sinnlichen, wie Muhle es mit Rancière formulierte. Das bedeutet aber auch, dass sich das Politische auflöst und sich immer wieder neu artikuliert. Wie es in dieser Situation möglich sein soll, klare Definitionen des Politischen zu formulieren, wie es Brossat forderte, wurde leider nicht weiter diskutiert. Es bleibt zu hoffen, dass sich die angeregten Diskussionen und eröffneten Spannungsfelder an anderer Stelle fortsetzen und weitere Fluchtlinien produzieren. Dem gut besuchten Symposion gelang es jedenfalls, die aktuellen Aspekte und Formen der Kontrollgesellschaft anschaulich zu machen und durch die Verknüpfung mit unterschiedlichen Formaten einen vielschichtigen Raum der Auseinandersetzung zu schaffen.

Quellen:
(1) Deleuze: Unterhandlungen. Frankfurt am Main 1993, S.250.  
(2) Foucault zit.n. Kuhn, Gabriel: Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Münster 2005, S.120.
(3) Lenger, Hans-Joachim: Virtualität und Kontrolle. Gespräch über ein Symposion an der HfBK Hamburg. In: Newsletter der HfBK, November 2008, S.III.

Kommentare [2]
Notorischer Teil-nehmer schrieb am 01.04.2009 14:36

und außerdem kann man sich alle Vorträge auch als Podcast anhören:

querdurch.hfbk.net/dokumentation.html

und weil oben so schön verlinkt wird zur homepage der hfbk von amtswegen (=drägerdesiderat), hier der link zur wahren homepage der hfbk:

www.hfbk.de

uberger schrieb am 03.04.2009 08:20

merkwürdig, dass der text keinen autor hat, dass lenger unter den veranstaltern so hervorgehoben wird und dass "die medien" gar nicht auftauchen, die schon auf der tagung problematisch abgespalten wurden: es gab symptomatischerweise keine abstracts zu den vorträgen mit medienbezug im programmheft (wie bei den anderen themen), es gab herablassende bemerkungen einiger selbsternannter philosophen gegenüber "der medienwissenschaft", zur schau getragene ignoranz von männern gegenüber frauen, da hilft kein fein vorgetragener deleuze. und es hat wohl nicht geholfen, dass die konferenz schon fünf monate her ist.

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