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Kommentare [5]
21. Februar 2009

Vorsprechen im Schauspielhaus

von Annette Wehrmann

MARAT im Schauspielhaus – oder eine wahre Begebenheit aus dem von Erwerbsarbeit befreiten Leben – oder immer hinein mit dem Fuß in die Tür zum Kulturbetrieb! Die Vision eines glückselig von Erwerbsarbeit befreiten Lebens teilen viele Menschen miteinander, nichtsdestotrotz geraten etliche Menschen immer wieder in die Lage einer unfreiwillig und höchst unglückselig von Lohnarbeit befreiten Existenz. Ein Umstand, dem dann durch Jobsuche Abhilfe geschaffen werden soll, was sich leider nicht immer so einfach gestaltet wie erhofft.


Arbeit lässt sich nicht immer finden, und vor allem solche nicht, für die man auch bezahlt wird oder zumindest ein ausreichendes Entgelt erhält, von dem sich Miete, Krankenversicherung und Lebensunterhalt bestreiten lassen. Das Modell eines solchen ausschließlich durch Erwerbsarbeit unterhaltenen Lebens wird gesellschaftlich zunehmend durch, sagen wir mal, gemischte Formen des Existenzerhalts abgelöst, in denen das Entgelt geleisteter Arbeit nur noch eine Nebenrolle spielt. Die eigene – häufig hoch qualifizierte – Arbeitskraft für keine oder bestenfalls symbolische Bezahlung anzubieten ist ja mittlerweile alltägliche Praxis, sei es – mit vagen Hoffnungen und Versprechen verknüpft - in Form eines Praktikums, oder unter gesetzlichem Zwang als 1-EURO-Job. Natürlich lassen sich auch die letzteren mit allerlei Hoffnungen und Wünschen aufladen und bieten sich in Zeiten immer geringer werdender finanzieller Mittel gerade auch Kulturinstitutionen als ein auf den ersten Blick attraktives Finanzierungsmodell für Projekte und Aufgaben an, die anders nicht mehr durchführbar scheinen. Folglich finden sich neuerdings arbeitslose Kunstwissenschaftler, die Museumsführungen auf 1-EURO Basis anbieten, Künstlerinnen, die ihre Projekte von vornherein als 1-EURO-Jobs konzipieren und dergleichen mehr. Die absehbare mittelfristige Selbstabschaffung ganzer Berufszweige wird kaum thematisiert, das offensichtlich (selbst-)ausbeuterische dieser Arbeitsverhältnisse gilt zunehmend als selbstverständlich. Die folgende kleine Geschichte aus dem alltäglichen Leben kann deshalb als exemplarisch für den aktuellen Zustand des Kulturbetriebs gelesen werden: Schauspielhaus ist eben überall.
Schauspielhaus sucht Arbeitslose als Kleindarsteller
Vor einiger Zeit – ich befand mich grad mal wieder in der misslichen Lage einer unfreiwillig von Erwerbsarbeit befreiten Existenz – fiel mir eine kurze Notiz in der MOPO in die Augen, Inhalt: Das Schauspielhaus sucht Arbeitslose und Geringverdiener als Kleindarsteller für die anstehende Inszenierung von Peter Weiss´ MARAT/DE SADE- Stück, Regisseur Volker Lösch, Probenzeit 2 1/2 Sommermonate, Premiere Anfang Oktober. Nun, das klingt gut, den Autor mag ich, das Stück mag ich und Statistin klingt auch gut. Während meiner Studienzeit in den 80er und frühen 90er Jahren habe ich einige Leute gekannt, die sich mit Statistenjobs über Wasser gehalten und eher positiv darüber berichtet haben. Ich rufe also die angegebene Telefonnummer an und hinterlasse meine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Der junge Mann, der mich zurückruft, sagt mir, wann ich vorsprechen und wo ich mir vorher schon mal Textblätter abholen soll, hübsche kleine Auszüge aus MARAT/DE SADE zum auswendig Lernen, soweit, so gut. Der Vorsprechtermin selbst verläuft dann erstmal routiniert und geschäftsmäßig, sie wollen allerlei über meine künstlerische Tätigkeit wissen und stellen auch ein paar Fragen, die sonderbar erscheinen, wie solche Dinge eben ablaufen. Das eigentliche Vorsprechen verläuft eher lustig, ich soll herumbrüllen, als ob ich auf dem Hansaplatz stünde und bis zum Hauptbahnhof rüber schreien möchte. Ob das Volker Löschs Vorstellung von Arbeitslosen ist, Leute, die auf dem Hansaplatz (!) herumschreien, dass man sie bis zum Hauptbahnhof (!) hören kann? Ich selbst gehöre zu den Leuten, die gern mal etwas lauter werden, deshalb gefällt es mir, mich mal ausgiebig ausbrüllen zu können. Anschließend gibt es dann ein etwas eingehenderes Gespräch mit Lösch, der einen eher nervösen Eindruck macht, dünn, dunkles Hemd, sehr kurzes Haar und sichtlich um einen intellektuellen Anstrich bemüht. Er sei an einer Zusammenarbeit interessiert, sagt er.

Sich mit der ganzen Persönlichkeit einbringen
Volker Lösch findet, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse dergestalt seien, dass er sich frage, warum es nicht schon längst eine Revolution gebe, aber es bleibe ja doch alles erstaunlich still. Die Arbeit selbst erfordere ein hohes Maß an Disziplin, es werde ein Sprechchor einstudiert und es sei nicht einfach, das zu koordinieren. Außerdem solle der Text aus den jeweiligen individuellen Erfahrungen der Darsteller von Arbeitslosigkeit und prekärer Existenz erarbeitet werden, die Beteiligten müssten sich also mit ihrer ganzen Persönlichkeit in die darstellerische Arbeit einbringen, das könne auch als „Schauspielausbildung“ betrachtet werden. Probenzeit 2 1/2 Monate werktags von 10.00 bis 14.15 vormittags und von 18.00 bis 22.30 abends, samstags halbtags, sonntags frei. Dafür könne er pauschal 500,- EURO anbieten, mehr lasse der Etat leider nicht zu, für die Vorstellungen gäbe es dann etwas mehr, 50 oder 60 EURO pro Abend, genaues wisse er noch nicht. Was er konkret anbieten könne, sei die „Schauspielausbildung“.
Das ganze ist natürlich absurd, nicht zuletzt kann ich als Geringverdienende, an die sich der Text ja ausdrücklich richtete (wieso eigentlich, unter den gegebenen Umständen), es mir gar nicht leisten, für pauschal 500,- EURO zu arbeiten, die Sache hat sich damit für mich erledigt. Das verhält sich bei Arbeitslosen natürlich anders. Insbesondere solche Personen, die sich vorwiegend über Erwerbsarbeit definieren, aber auch hoffnungsvolle – oder verzweifelte – Kulturschaffende, die mit der Vorstellung, eine „Schauspielausbildung“ zu erhalten, die Hoffnung verbinden, so vielleicht einen Fuß in den Kulturbetrieb zu bekommen, lassen sich von solchen Bedingungen offensichtlich nicht abschrecken, zumal diese Form der Ausbeutung in Theater, Film und Fernsehen inzwischen alltäglich sind. Mindestens vier Chormitglieder sind professionelle Schauspieler mit Berufserfahrung, aber derzeit Hartz4- abhängig. Eine an der Inszenierung beteiligte Person, die ich für ein Gespräch gewinnen konnte, möchte namentlich nicht genannt werden. Auf die von Lösch vollmundig angebotene „Schauspielausbildung“ angesprochen, sagt die betreffende Person, eine solche habe es definitiv nicht gegeben. Es habe noch nicht einmal eine rudimentäre Vermittlung grundlegender, für die Chorarbeit eigentlich unerlässlicher, Techniken auf dem Gebiet der Stimmausbildung oder Körperarbeit gegeben, zumindest nicht in der Probenzeit. Erst seit einigen Wochen gebe es, möglicherweise aufgrund des großen Erfolg des Stückes, etwas Stimmtraining, jedoch nicht auf Veranlassung von Lösch, sondern als ein ursprünglich nicht eingeplantes, aber vom Chorleiter nachträglich eingebautes Extra. Das schauspielerische Unvermögen des überwiegend aus Laien bestehenden Chors werde ausgebeutet, die angekündigte Vermittlung von Kenntnissen vorenthalten. MARAT, WAS IST AUS UNSERER REVOLUTION GEWORDEN läuft, sozialrevolutionär gelabelt und von Presse und Publikum unhinterfragt als solches beklatscht, sehr erfolgreich am Schauspielhaus und findet als Manifestation eines neuen klassenkämpferischen Theaters bundesweit Beachtung. Die sozialrevolutionären Arbeitsbedingungen des 24-köpfigen Chors der Arbeitslosen sind derzeit folgende: 50,- EUR Honorar pro Vorstellung, 25,- EUR pro Probe (Zeitumfang: 3 Stunden). Fahrtkosten werden nicht erstattet. Dies ist insbesondere für die Chormitglieder, die am Stadtrand leben, bitter. Von diesem kärglichen Einkommen bekommen die Chormitglieder monatlich 100,- EUR ausgezahlt, der einbehaltene Rest soll nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses ausgezahlt werden. Dies wird damit begründet, dass die ARGE das den Selbstbehalt übersteigende Honorar ansonsten mit den Leistungen verrechnen würde, das Geld also nicht den Choristen zugute käme.

Vom Zubrot bleibt nichts übrig
Da der Großteil dieser de facto als 1-EURO-Jobber beschäftigten Arbeitslosen und Frührentner nach Beendigung des Projekts weiterhin vom Amt abhängig bleiben dürfte, kommt es ihnen natürlich sowieso nicht zugute ... Die Essensgutscheine für die Schauspielhauskantine, die es zunächst gab, übrigens nicht vom Schauspielhaus, sondern von den Freunden des Schauspielhauses finanziert, gibt es jetzt nicht mehr: den Freunden des Schauspielhauses gefällt die Richtung des Stücks nicht und das Schauspielhaus ist nicht bereit, die Kosten zu übernehmen. Fahrtkosten und - auch nur gelegentliches Kantinenessen - zusammengerechnet bleibt von den monatlich ausgezahlten 100,- EURO wenig, in manchen Fällen wohl gar nichts übrig. Die in dieser Inszenierung als Darsteller hart arbeitenden Laien tun sich ganz sicher keinen Gefallen damit, dass sie ihre Arbeitskraft nahe unentgeltlich zur Verfügung stellen: sie verbleiben, obwohl sie arbeiten, in absoluter Abhängigkeit von der ARGE, der sie noch nicht einmal für einen befristeten Zeitraum entkommen. Die vermittelten Kenntnisse sind zu geringfügig, als dass sie sie beruflich verwerten könnten, zudem haben sie sich vertraglich verpflichtet, was die Auswahl regulärer Arbeitsplätze, um die sie sich bewerben können, einschränkt, weshalb sie das Loch in ihrem CV unter Umständen noch vergrößern. Lösch bzw. das Schauspielhaus als Arbeitgeber bedienen sich also genau jener Formen der Ausbeutung, die die Inszenierung anprangern möchte, und dies nicht nur aus finanziellen Gründen. Miefiger Authentizitätskitsch bildet das konzeptuelle Gerüst der Inszenierung, weshalb die Chormitglieder auch nicht angemessen entlohnt werden können: wenn Lösch bzw. das Schauspielhaus sich um eine angemessene Honorierung bemüht hätten, dann wären die Choristen ja keine authentischen Hartz4-Empfänger mehr, somit für die Behauptung von Authentizität ungeeignet. Die Konsequenzen, die diese und andere Formen der – missbräuchlichen – Finanzierung von Arbeitsstellen im Kulturbetrieb durch die ARGE mittelfristig für die betreffenden, sich hiermit selbst abwickelnden Kulturinstitutionen haben werden, liegen ebenfalls auf der Hand, denn schließlich ist nicht davon auszugehen, dass die ARGE in ihrer derzeitigen Form auf Dauer erhalten bleiben wird. Allzu große finanzielle Abhängigkeit von dieser Institution kann sich für den Kulturbetrieb schnell fatal auswirken. Auf die Entwicklung, die die entsprechenden Kulturarbeitsbereiche und kulturellen Institutionen in den nächsten Jahren nehmen werden, können wir also durchaus gespannt sein. Die zum Schluss der Inszenierung vom Chor vorgetragene Forderung nach der Abschaffung des Geldes lässt sich also auch als eine – unfreiwillige – Persiflage lesen: sowohl als groteske Vorwegnahme der Zukunft der staatlich geförderten Kulturinstitutionen als auch als eine Beschreibung der derzeitigen Lebenssituation der Chormitglieder; konzeptuell untermauerte Selbstausbeutung – wie bereits jetzt in weiten Bereichen des Kulturbetriebs alltäglich – und un(ter)bezahlte abhängige Beschäftigung mit klassenkämpferischem Habitus.











Kommentare [5]
ulrike schrieb am 21.02.2009 21:10

hervorragender bericht!
hamburg braucht so ein thing.

annette schrieb am 22.02.2009 14:51

anmerkung der autorin: es finden sich noch ein, zwei geringfügige inhaltliche Unstimmigkeiten im Text, nicht allzu wichtig, aber dennoch.. demnächst also die redigierte version.
annette

*durbahn schrieb am 23.02.2009 09:05

liebe annette wehrmann,
dass sich (m)ein diffuses " ich weiß ja nicht - hm" - gefühl - entstanden durch eine ebenso diffuse wolke meist eher flüchig und nur gelesener oder mitgehörter berichte eingewickelt in schrille medienkolportage dann mal durch genauere kleinteilige berichterstattung runterbricht auf einen verstehbaren und vorstellbaren ablauf - das ist toll und macht einen netten tag. vielen dank frau wehrmann!

p.s.
und danke an TT, dass es dafür den platz stellt !
so muß es bleiben.

Brigitte schrieb am 08.03.2009 13:00

Danke für den Bericht. Mir war sehr unwohl beim Besuch des Stückes, besonders beim Schlußapplaus. Da klatschen wir Beifall- wem oder was eigentlich? - und wenn wir rausgehen, bleibt alles beim Alten. Wir lebern weiter in unserer geteilten Gesellschaft. Was haben die Arbdeitslosen von ihrer Mitarbeit? Ich hatte den Eindruck, das Ganze nützt nur dem "Ruhm" des Regisseurs, Herrn Lösch, und des Schauspielhauses.

Sven Nommensen schrieb am 08.09.2009 18:55

Hallo Annette Wehrmann, können Sie wegen eines Ausstellungsprojektes Kontakt mit mir aufnehmen? Danke. Sven Nommensen

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